Ein Juwelheadline

Lamborghini stand schon immer für außergewöhnliche Technik und extravagantes Design – denn Ferruccio Lamborghini, der seine legendäre Rennautoschmiede zu Beginn der sechziger Jahre gründete, hatte nur ein Ziel: den besten Sportwagen der Welt zu bauen. Dieser Ehrgeiz treibt die italienischen Virtuosen im Autobau bis heute an. VON JÜRGEN LEWANDOWSKI

 

FERRUCCIO LAMBORGHINI (1913–1993) hatte einen Lebenstraum: Er wollte ein Auto der Extraklasse entwerfen, das konventionelle Grenzen sprengen würde. Um diesen Traum zu verwirklichen, gründete er 1963 ein Unternehmen im berühmten Dreieck zwischen Modena, Bologna und Ferrara – dem Mekka der italienischen Motor-Avantgardisten. 1966 brachte ihm der Miura Weltruhm. Schon bald galt der rassige Sportwagen als der bis dahin schönste seiner Art. Faszinierende Modelle wie der Countach, der Espada und der Urraco folgten – Träume, die wahr wurden und bislang nicht ausgeträumt sind.

Der Lamborghini 350 GT war der Höhepunkt der Genfer Auto Show 1964: Auch damals schon ein unverwechselbares Design.



Es war im Jahr 1964, als Ferruccio Lamborghini einen Zwölfzylinder-Motor entwickelte, der über vier obenliegende Nockenwellen verfügte. Darüber hinaus ließ der Pionier des Autosports ein eigenes, vollsynchronisiertes Fünfgang-Getriebe entwickeln. Er sorgte außerdem dafür, dass die 320 Pferdestärken, die den ersten 350 GT auf 260 Stundenkilometer beschleunigten, mit einer Einzelradaufhängung und vier Scheibenbremsen perfekt in den Griff zu bekommen waren – alles technische Finessen, die bei der etablierten Konkurrenz damals noch nicht einmal in der Vorstellung existierten.

 

„DER EXOTISCHSTE DER EXOTEN“

Doch noch wichtiger war die Bella Figura – das außergewöhnliche Design, mit dem Ferruccio Lamborghini seine Modelle auf einem Niveau ansiedelte, das weit über dem der Konkurrenz lag: Der 350 GT, der Miura, der Espada, der Countach – alles Solitäre, die den Sportwagenbau und das Design revolutionierten. Und wahrscheinlich ist es diese Konsequenz im Außergewöhnlichen, die dann im Diablo ihre Fortsetzung fand und der Marke mit dem Stier im Emblem im englischen Sprachraum den Titel „Supreme Amongst Exotics“ einbrachte – auf Deutsch: „Der Exotischste der Exoten“.

Ein Anspruch, den die Audi AG verstanden hatte, als sie am 24. Juli 1998 Lamborghini übernahm: „Diese Marke steht für außergewöhnliche Sportwagen, die die Grenzen des technisch Machbaren und der ästhetischen Avantgarde ausloten“, so Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG und seinerzeit Audi Chef. Für ihn war von Anfang an klar: „Diese Marke ist ein Juwel.“

Der Lamborghini Espada ging 1968 als erster Viersitzer in die Lamborghini-Geschichte ein. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h war er ein recht ungewöhnliches Familienauto.


Extrem, rassig, verführerisch: Einfach Lamborghini.

DER NEUE Gallardo LP560/4 Seitdem hat sich der in Sant’Agata Bolognese beheimatete Sportwagenhersteller in der Tat zum Juwel entwickelt: Wurden 1998 noch 213 Fahrzeuge des Typs Diablo verkauft, so stieg die Zahl im Jahr 1999 auf 250 und 2000 auf 296 Exemplare. Am 5. September 2001 war es dann so weit: Mit dem Murciélago wurde bei einer nächtlichen Präsentation vor den rotglühen­den Lavahängen des Ätna der erste, völlig neu entwickelte Super-Sportwagen der Audi Ära vorgestellt. Und natürlich war der Murciélago genauso spektakulär wie seine Vorgänger: exklusiv, aggressiv und extrem. Auch das Modell der zweiten Baureihe, der Gallardo, erfüllte im Juni 2003 alle Erwartungen. Bei ihm sorgt ein Fünfliter-Zehnzylinder mit genau 520 PS (382 kW)1 in einem Coupé1 und einem Spyder1 für den Vortrieb, während der Sechsliter-Zwölfzylinder dem Murciélago Coupé und dem 2004 präsentierten Murciélago Roadster1 vorbehalten ist.

 

DESIGNZENTRUM FÜR DEN MYTHOS

Hinter dem stetig wachsenden Erfolg von Lamborghini – im Jahr 2007 wurden über 2.400 Einheiten ausgeliefert – stehen aber nicht nur spektakuläre Modelle und eine dank der Stärke der Konzernmutter Volkswagen hohe Qualität und Alltagstauglichkeit. Hinzu kommt eine für die Automobilindustrie ungewöhnliche Unternehmensstruktur, in der Design und Marketing zusammengefasst sind. Der Vorteil: „Die beiden Bereiche können auf diese Weise – eng miteinander verzahnt und ohne Reibungsverluste – in wesentlich kürzeren Zeiten auf Marktströmungen reagieren“, so Manfred Fitzgerald, der als Direktor Brand & Design dieses spannende Aufgabengebiet verantwortet.

Das beste Beispiel für diese Verzahnung ist der im vergangenen September auf der IAA präsentierte Reventón. Die Idee hinter diesem auf nur 20 Exemplare limitierten Fahrzeug war es, ein Modell zu schaffen, das den Erfolg der Marke krönen soll, das als rollender Botschafter für die Einzigartigkeit von Lamborghini steht – und zugleich auch den Beweis für die kurzen Entwicklungszeiten erbringt, zu denen die Sportwagenschmiede heute in der Lage ist.

Als das neue Designzentrum „Centro Stile Lamborghini“ Ende 2004 direkt neben den modernen Produktionsstätten eingeweiht wurde, war dies zwar auch ein Signal für die Eigenständigkeit des Mythos Lamborghini. Das moderne Hightech-Gebäude sollte aber vor allem signalisieren, dass Manufakturen ihre höchst individuellen Leistungen am besten in einer geeigneten Umgebung erbringen können – also fabrik- und kundennah. Eine Entscheidung, die vom Volkswagen Chef-Designer Walter de Silva nicht nur getragen, sondern gefordert wurde – und die natürlich auch Wolfgang Egger, der neue Leiter Audi Group Design, unterstützt.

„Mit dieser neuen Struktur sind wir in der Lage, unsere Strategie und unsere Zukunft stärker als zuvor mitzubestimmen“, so Stephan Winkelmann. Für den Vorstandsvorsitzenden von Lamborghini ist „die Chance, die Zukunft der Marke selbst definieren zu können, die beste Grundlage für einen großen Erfolg“. Und mit welcher Konsequenz man in Sant’Agata diese Chance nutzt, zeigt der Reventón, der in nur sechs Monaten realisiert wurde. Dafür war der in Sant’Agata ansässige Design-Chef Filippo Perini damit beauftragt worden, eine futuristische Murciélago-Variante zu zeichnen, die dann in ein Modell mit dem Maßstab 1:4 umgesetzt wurde. Ausgewählte Lamborghini-Enthusiasten konnten dieses Modell des Reventón bereits vor der Weltpremiere während einer Präsentation bestaunen. Alle Fahrzeuge dieser limitierten Edition werden 2008 gebaut und ausgeliefert. Dieses aufsehenerregende Modell hat den Beweis erbracht, dass Lamborghini eine Marke ist, die dank ihrer Stärke auch Kleinstserien verträgt.

VERHÜLLT UND ENTHÜLLT: Lamborghini-Exponate im Hightech-Designzentrum „Centro Stile Lamborghini“ in Sant’Agata Bolognese.

 

AN DER SPITZE DES FORTSCHRITTS

KOMPROMISSLOS FUTURISTISCH: Das Model „Reventón“ Mit diesem Schritt hat Lamborghini gezeigt, dass sich selbst Ausnahmefahrzeuge in extrem kurzer Zeit entwickeln und zur Serienreife bringen lassen – ein einziger Reventón-Prototyp stand zwischen Entwurf und Vollendung. Vor allem aber dürfen die Autobauer in Sant’Agata stolz darauf sein, dass es ihnen einmal mehr gelungen ist, das Vermächtnis von Ferruccio Lamborghini zu bewahren: stets an der Spitze des Fortschritts zu stehen.


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JÜRGEN LEWANDOWSKI

ist einer der renommiertesten deutschen Autojournalisten. Mehr als 20 Jahre lang leitete der Vorsitzende des Motor Presse Clubs das Ressort „Auto und Verkehr“ der Süddeutschen Zeitung. Etliche seiner rund 75 Bücher sind dem Faszinosum Lamborghini gewidmet.

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Geschäftsbericht 2007 Seiten 54-57
PDF, 4 Seiten, 1.25 MB