Auf dem Sprung zur Weltmachtheadline

Indien, der Subkontinent der Gegensätze, ist Herausforderung und Chance zugleich. Sein rasantes Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum bringt neue Güter und Dienstleistungen hervor, erzeugt aber auch einen gewaltigen Energiehunger. Die Erfüllung der wachsenden Mobilitätsbedürfnisse und der Wille zum sozialen Aufstieg werden für die Entwicklung dieser noch tief zerklüfteten Gesellschaft von entscheidender Bedeutung sein. VON DR. OLAF IHLAU

 

"Zum Glockenschlag um Mitternacht, wenn die Welt schläft, wird Indien zu Leben und Freiheit erwachen“, hatte Jawaharlal Nehru aus dem Festsaal des Parlaments am Abend des 14. August 1947 seiner jungen Nation zugerufen, als Indien nach über 150-jähriger Kolonialzeit unter den Briten seine Souveränität erlangte. Der Staatsgründer sprach von „Träumen“, deren Verwirklichung nicht nur für sein Land, sondern „für die ganze Welt bedeutsam“ sein würde.

Sechzig Jahre nach Indiens Erwachen ist nun die Welt aufgewacht. Sie muss, teilweise irritiert, zur Kenntnis nehmen, dass auf dem Subkontinent ein Koloss herangewachsen ist, der künftig das Weltgeschehen mitbestimmen wird. Das hat nichts zu tun mit einem periodisch immer wiederkehrenden Indien-Hype. Zu besichtigen ist heute vielmehr ein neuer Global Player – in ökonomischer wie in politischer Hinsicht. Ein Player, der in der Welt von morgen Konkurrent ist beim Kampf um Jobs, Märkte und Ressourcen – aber auch neue Chancen für die Produktion und den Absatz europäischer und deutscher Unternehmen eröffnet.

Die Inder, das werden insbesondere die Europäer noch zur Kenntnis nehmen müssen, sind lang­fristig der eigentliche Herausforderer des Westens, weil sie sich auf eine stabile demokratische Gesellschaft stützen können. Neben China – die andere der beiden Mega-Gesellschaften Asiens – wird Indien in der neuen globalen Ordnung nicht nur das Tempo der Modernisierung mit vorgeben, sondern als ein Zugpferd der Weltkonjunktur demnächst auch einen Großteil der verfügbaren Energiequellen und Rohstoffe beanspruchen.

EIN BILD VOLLER SYMBOLIK Tradition, Natur und Moderne, alte und neue Einflüsse suchen im Indien des 21. Jahr­hunderts nach einem Ausgleich zum Wohl der Menschen.

 

ELEFANT ÜBERHOLT DRACHEN

1947, bei seiner Unabhängigkeit, zählte Indien knapp 350 Millionen Einwohner. Heute sind es mehr als 1,1 Milliarden. Die Hälfte davon ist nicht mal 25 Jahre alt. Bald wird die zweitgrößte Nation der Erde die größte sein. Dann nämlich, wenn im Wettlauf der asiatischen Giganten, die für fast 40 Prozent der Weltbevölkerung stehen, der Elefant den Drachen überholt. Das soll – nach heutigem Stand – spätestens 2034 geschehen, wenn Indien mit 1,46 Milliarden Menschen am Reich der Mitte vorbeizieht. Asien insgesamt wird um die Jahrhundertmitte 70 Prozent der Weltbevölkerung stellen.

Das sind beeindruckende Aussichten, insbesondere aus europäischer Perspektive. Jedoch sind diese Prognosen problematisch, auch für Indien selbst. Denn hier tickt eine soziale Zeitbombe, sollte es für die Millionen-Massen nicht genügend Arbeit geben.

 

ZWISCHEN ANALPHABETISMUS UND WISSENSCHAFT

Das weite Land bleibt das Herz des alten, bäuerlichen, des unveränderlichen Indiens. Nach wie vor verdienen fast 70 Prozent aller Beschäftigten ihren Lebensunterhalt in der Agrarwirtschaft. Antrieb und Motor des neuen Indiens und eines furiosen Booms sind aber die urbanen Ballungszentren um die 35 Millionenstädte. Hier sorgt eine kaufkräftige Mittelschicht, zu der inzwischen etwa 250 Millionen Menschen gehören, für einen noch nie da gewesenen Konsum. 30 Jahre lang hatte sich der von staatsdirigistischen Ketten gefesselte Riese mit der sogenannten Hindu-Zuwachsrate von jährlich 3,5 Prozent begnügt. Die zu Beginn der neunziger Jahre eingeleiteten Reformen sorgten dann für einen radikalen Schwenk hin zur Marktwirtschaft. Mit der Binnennachfrage als Hauptantriebskraft verdoppelte sich das Wirtschaftswachstum und steuert jetzt atemberaubende zehn Prozent an. Nach der Prognose zahlreicher Ökonomen wird Indien in den kommenden 15 Jahren an Japan und Deutschland vorbeipreschen und zu den USA und China aufschließen, mit seinem Hyperwachstum womöglich sogar den Sprung an die Spitze der Volkswirtschaften schaffen. Historisch verglichen wird diese Entwicklung mit dem industriellen Aufstieg des Deutschen Reichs Ende des 19. Jahrhunderts, das seinerzeit Großbritannien als Europas führende Wirtschaftsmacht überflügelte.

Indiens Aufbruch muss verwundern, denn noch unlängst galt es als das Armenhaus der Welt mit der größten Zahl von Analphabeten. Die hat es nach wie vor: Gut ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung und mehr als die Hälfte der Frauen können nicht lesen und schreiben. Aber zugleich hat Indien auch das zweitgrößte Reservoir an Ingenieuren und Wissenschaftlern, die meisten Computerspezialisten nach den USA. Weltspitze sind die Inder in der Informationstechnologie, vor allem mit den Labors in Bangalore, Asiens Silicon Valley.

Nirgendwo, nicht einmal in Kalifornien, arbeiten mehr Informatiker und Ingenieure. Kein anderer Wirtschaftszweig kann dermaßen imposante Wachstumsraten vorweisen.

Als nächste Stufe der indischen Hightech-Offensive für eine wissensgestützte Wirtschaft sollen neue Forschungsstätten in der Bio- und Gentechnologie entstehen, soll eine arbeitsintensive Exportindustrie aufgebaut werden, um den Massen der ungelernten Erwerbsfähigen Beschäftigung in traditionellen Industriebereichen anzubieten. Allein bis 2010 werden über 60 Millionen neue Jobs benötigt. Die meisten davon dürften dadurch entstehen, dass viele marode Straßen, Eisenbahnen, Flughäfen, Kraftwerke und Bewässerungssysteme erneuert werden müssen. In die Infrastruktur will die Regierung in Delhi 440 Milliarden US-Dollar investieren.

Nie hatte Indien so günstige Perspektiven wie heute: Es lebt in Frieden mit seinen Nachbarn, ist in der globalisierten Wirtschaft auf dem Sprung zur Spitze und wird von aller Welt hofiert. „Unsere Herausforderungen liegen im Innern“, weiß der jetzige Premierminister Manmohan Singh, und er träumt davon, dass das 21. Jahrhundert „das indische Jahrhundert sein wird“. Ja, es ist schwer, den Elefanten aufzuhalten, hat er sich erst einmal in Bewegung gesetzt.

 

INTERVIEW MIT JÖRG MÜLLER, PRÄSIDENT VOLKSWAGEN INDIA PRT. LTD. UND KONZERNBEAUFTRAGTER INDIEN

Welche Bedeutung hat Indien als Zukunftsmarkt für den Volkswagen Konzern?

Eine überragende Bedeutung. Experten prognosti­zieren für diesen Markt eine Absatzsteigerung von rund 1,4 Millionen Autos 2008 auf circa 3,4 Millionen im Jahr 2018 – das ist eine Zunahme um rund 240 Prozent. Keine Region dieser Welt kommt an diese Wachstumsrate heran. Mit unserem Engagement wollen wir an der dynamischen Entwicklung dieses Marktes teilhaben und damit zugleich dazu beitragen, dass wir unsere eigenen Wachstums- und Renditeziele erreichen.

Wie bekannt ist der Markenname Volkswagen in Indien denn schon?

Der Name Volkswagen ist in Indien noch aus der Zeit des „Käfers“ bekannt. Das Profil der heutigen Marke allerdings müssen wir noch schärfen – wir sind ja praktisch erst seit September 2007, mit Beginn der Fertigung des Passat in Aurangabad, wieder auf dem indischen Markt präsent. Ich bin zuversichtlich, dass uns dies gelingen wird.

Können Sie die Schwerpunkte der Indien-Strategie des Volkswagen Konzerns für die nächsten fünf Jahre knapp skizzieren?

Die Strategie des Volkswagen Konzerns in Indien ist komplex, zielt aber letztlich darauf ab, ein möglichst großes Spektrum von Kundenwünschen abzudecken. Deshalb treten wir gleichzeitig mit den Marken Škoda, Audi und Volkswagen Pkw auf. Škoda ist schon seit 2001 in Indien präsent. Die Marke steht hier für hoch­wertige und solide, aber zugleich erschwingliche Autos, von der Kompaktklasse bis zur Mittelklasse. Am anderen Ende der Modellpalette ist Audi angesiedelt – eine Marke, die Autos mit dem Flair von Exklusivität in Top-Qualität und mit technischer Brillanz anbietet. Volkswagen Pkw wird sich als Premium-Anbieter von Autos in großen Stückzahlen präsentieren. Parallel zu der Modelloffensive in einer Vielzahl von Segmenten wird ein Indien-weites Netz von Händlern aufgebaut, die sich – wie bei den an­deren Konzernmarken auch – durch ein hochwertiges und serviceorientiertes Angebot auszeichnen.

Apropos Modelloffensive und große Stückzahlen – reichen die Produktionskapazitäten dafür aus?

Daran arbeiten wir. Das neue Werk, das zurzeit in Pune entsteht, ist ein Kernstück der Volkswagen Strategie und zugleich Sinnbild unseres Engagements. Rund 110.000 Autos werden wir dort jährlich produzieren können, circa 580 Millionen Euro investieren wir in den Bau.


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Der Asien-Experte DR. OLAF IHLAU berichtete lange Jahre als Reporter für die Süddeutsche Zeitung aus allen Regionen der Welt. Bis 2005 leitete er das Auslandsressort des SPIEGEL. Ihlau ist Autor des Buchs „Weltmacht Indien. Die neue Herausforderung des Westens“.

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Geschäftsbericht 2007 Seiten 58-61
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