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Endlich Stau!

Wo es langsam zugeht, ist der Fortschritt rasant: Im Stau ermöglicht Audi als erster Hersteller automatisiertes Fahren der Stufe 3. Stockt der Verkehr, übernimmt der Staupilot. Unser Reporter Stefan Boysen wagte den Selbstversuch.

Es ist Feierabend. Der stete Strom an Autos, den wir durch die Frontscheibe sehen, verdichtet sich. Und in den Radionachrichten hören wir, dass viel los ist auf den Straßen in Nordrhein-Westfalen. Alles normal also auf der A52 von Düsseldorf nach Essen. Nur: Für mich ist hier heute gar nichts normal. Weil ich kurz davor bin, mich und mein Schicksal in die Hände von Sensoren und Steuergeräten zu geben. Und weil der Mann neben mir einen Plan verfolgt, der eigentlich kaum nachvollziehbar ist. „Wir machen jetzt Jagd auf ein schönes Stückchen Stau“, sagt Simon Ulbrich.
Aber der Reihe nach:
Vor dem Düsseldorfer Flughafen mache ich Bekanntschaft mit Ulbrich. Der technische Projektleiter Staupilot bei Audi schüttelt mir freundlich die Hand. Und kümmert sich nicht groß um die vielen Menschen, die den Audi A8 neugierig beäugen. Dessen schwarz-weiße Folierung erinnert an einen jener Erlkönige, die bei Testfahrten irgendwo am Polarkreis abgelichtet werden. Simon Ulbrich ist die Aufmerksamkeit für sein Fahrzeug offensichtlich gewöhnt. Doch wie viele hier am Flughafen wissen, dass der extravagante Look des A8 nichts ist gegen das, was in ihm steckt? Ich bin hier, um diese verborgenen Qualitäten zu testen. Simon Ulbrich hält mir die Beifahrertür auf und lädt mich ein, den Audi AI Staupiloten zu testen – der, wie sie bei Audi sagen, „aus technischer Sicht eine Revolution“ ist.

Es kommt Eigenleben in die Bude

Reporter Stefan Boysen zeigt, wie der Staupilot funktioniert.

Da haben sie sich den Richtigen ausgesucht. Revolutionen haben bisher einen großen Bogen um mich gemacht. Mein Auto ist mehr als zehn Jahre alt und allenfalls revolutionär unspektakulär. Anders der Staupilot: Im Zusammenspiel mit dem A8 ermöglicht er hochautomatisiertes Fahren auf Level 3. Audi ist der erste Automobilhersteller, der diese Stufe betritt – und dem Fahrer die Möglichkeit gibt, in einer bestimmten Situation die Verantwortung für die Fahrt abzugeben.

Ich bin gespannt, die neue Technik zu erleben. Und ein wenig angespannt. Gut für mein seelisches Gleichgewicht: Simon Ulbrich und der A8, das merkt man schnell, sind ein eingespieltes Team. Zusammen haben sie Zehntausende Kilometer abgespult, um die Technik zur Reife zu bringen. „So“, sagt er plötzlich, „da vorne könnte es so weit sein.“ Tatsächlich: Der Verkehr gerät ins Stocken, unsere Geschwindigkeit verlangsamt sich – und es kommt Eigenleben in die Bude.  

Plötzlich mittendrin in einer neuen Ära

„Staupilot verfügbar“
Jetzt reicht ein Knopfdruck, um das System zu aktivieren.

Auf der Armaturentafel am linken und rechten Rand des Displays erscheinen weiße, blinkende Lichtstreifen. 
Sie rahmen die Nachricht ein: „Staupilot verfügbar“. Auch die silberne Taste auf der Mitteltunnelkonsole beginnt zu leuchten; sie trägt die Aufschrift Audi AI – für Audi Intelligence. Simon Ulbrich drückt die Taste, nimmt seinen Fuß vom Gas, die Hände vom Lenkrad – und ich bin mittendrin in einer neuen Ära. Mein 
Bis-eben-noch-Fahrer sagt: „Wir sind jetzt im pilotierten Modus. Wollen wir einen Film schauen? Oder Fernsehen gucken?“

Zum ersten Mal in der Geschichte des Automobils kann der Fahrer seinen Blick vom Geschehen auf der Straße abwenden – und sich etwa Beschäftigungen zuwenden, die das bordeigene Infotainmentsystem in der Mittelkonsole unterstützt: im Internet surfen, Mails schreiben, Filme gucken. Simon Ulbrich muss sein Fahrzeug nicht überwachen, wir dürfen uns ganz auf den Staupiloten verlassen. Seitdem er aktiviert ist, leuchtet die AI-Taste grün. Und das Display zeigt, vereinfacht dargestellt, unser eigenes Auto auf der Straße.

Egal, dass neben mir am Seitenfenster ein haushoher Sattelschlepper auftaucht: Die Fahrt fühlt sich schlichtweg gut an. Der Staupilot steuert uns über die mittlere Fahrspur, er fährt an, beschleunigt, bremst – sanft und souverän. Unsere Umgebung erfüllt die Bedingungen, die unser Chauffeur braucht: Wir sind auf der Autobahn und fahren maximal 60 Stundenkilometer; der Verkehr fließt zäh und es gibt Fahrbahnmarkierungen, an denen er sich orientieren kann.

Der Rechner trifft alle Entscheidungen

Und wenn das Fahrzeug, das uns gerade überholt, plötzlich scharf rechts einschlagen und unsere Stoßstange nur hauchdünn verfehlen würde? Kein Problem, meint Simon Ulbrich, das Fahrzeug würde cool bleiben und „mit der Situation umgehen können“. Während wir mit Tempo 50 unsere Mittelspur halten, erweist sich der Staupilot als exzellenter Beobachter. An Front, Flanken und Heck, an Außenspiegeln und Windschutzscheibe: Mit seinen Ultraschallsensoren, Radaren und Kameras erfasst er, was um uns herum passiert. Auch ein Laserscanner – Audi ist der erste Hersteller, der diesen Sensor zum Einsatz bringt – liefert Informationen, die das Fahrzeug benötigt, um seine Umwelt wahrzunehmen.
Alle Daten laufen im Gehirn des Staupiloten zusammen – dem zentralen Fahrerassistenzsteuergerät, kurz: zFAS. Dieser Rechner, so groß wie ein Tablet, trifft alle Entscheidungen. Man selbst sieht von all der Technik: nichts. Wir sind heute mit einem Prototyp unterwegs – eine Ausnahme. Für die allgemeine Straßenzulassung muss Audi Gesetze beachten und Normen erfüllen, die von Land zu Land unterschiedlich sind. Und die erst noch geschaffen werden müssen. Bis der Staupilot im A8 in Serie geht, wird noch ein wenig Zeit vergehen.

Und wenn Simon Ulbrich aus heiterem Himmel einschlafen würde, weil ihm das Programm auf ZDF info zu langweilig ist? Dem Staupiloten würde das nicht entgehen. Er behält über eine Fahrerbeobachtungskamera im oberen Bereich der Instrumententafel seine Kopfbewegungen und den Lidschlag im Blick. Und reagiert, wenn der Fahrer die Augen über einen längeren Zeitraum geschlossen hält – indem er ihn auffordert, wieder das Kommando zu übernehmen, und im Notfall anhält.
Die Autos vor uns beginnen zu beschleunigen, der Verkehr fließt schneller und auf unserem digitalen Tacho steigt die Geschwindigkeit über 60 Stundenkilometer. Zeit für den Staupiloten, die Übernahme in die Wege zu leiten. Das Display und die AI-Taste pulsieren rot, ein dezenter Ton ist zu hören und auf dem Bordmonitor verschwindet das TV-Programm. Simon Ulbrich umfasst das mit einem Sensor ausgerüstete Lenkrad. Er trägt jetzt wieder die Verantwortung für unsere Fahrt. „Der Stau ist zu Ende“, sagt er. Schade eigentlich.

Wo es sich am meisten staut

Von der Staulänge in Deutschland entfielen 2016 fast zwei Drittel auf drei Bundesländer:

  • 28 % Nordrhein-Westfalen
  • 21 % Bayern
  • 13 % Baden-Württemberg

694.000 Staus gab es 2016 in Deutschland. Ihre Gesamtlänge betrug 1.378.000 Kilometer.

418.757 Staustunden gab es insgesamt und deutschlandweit im Jahr 2016.

Freitag ist Stau-Tag – im Schnitt steht der Verkehr dann auf rund 5.000 Kilometern.

Quelle: ADAC

  • Fotos: Audi AG, Roman Rätzke
  • Foto: Audi AG