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Die Zukunft hat bereits begonnen

Lebendig und fernab aller Klischees zeigt das Londoner Victoria & Albert Museum den Einfluss der Technologie auf die Welt von Morgen.

Nur in englischer Sprache verfügbar

Wird die Zukunft imaginiert, geschieht das gewöhnlich in zwei Szenarien. Das erste ist weiß. Das Morgen erscheint dann als cleane Version der Gegenwart, in der es endlich Flugtaxis gibt. Das zweite ist rußschwarz. Eine Dystopie, in der alle Kräfte, vor denen wir heute Angst haben, entfesselt sind. Die Ausstellung „The Future Starts Here“, die vom 12. Mai bis zum 4. November im Londoner Victoria & Albert-Museum (V&A) stattfindet, geht einen anderen Weg. Die Zukunft, die hier gezeigt wird, ist auffallend bunt. Die mehr als 100 Exponate, die im Neubau des weltgrößten Museums für Design präsentiert werden, sind in wohlig dunklen Räumen zusammengestellt, doch farbig leuchtende Objekte strukturieren diese. Das Set-Design, das unter anderem vom spanischen „Office for Political Innovation“ entwickelt wurde, wirkt komplett zeitgenössisch und vermeidet in seiner Formenwahl – kantig und doch warm – alle futuristischen Klischees.

Dieses Set ist der perfekte Rahmen für die kuratorische Arbeit von Mariana Pestana und Rory Hyde. „Wenn über die Zukunft nachgedacht wird, geschieht das meist im Modus der Spekulation“, sagt Pestana. „Uns interessieren Projekte, die heute schon Realität sind.“ Hyde ergänzt: „Alle Objekte, die wir zeigen, sind ‚Anfänge‘. Wir reisten in den letzten drei Jahren rund um die Welt, besuchten Research Labs, Grassroots-Initiativen und Künstler, die komplett im Hier und Jetzt arbeiten, damit aber unser Leben in der nahen Zukunft beeinflussen.“

Die Show ist in vier Bereiche geteilt, die von der mikroskopischen Ebene zu den ganz großen, metaphysischen Fragen führen – immer unter dem Fokus, welche Rolle Design im Gestaltungsprozess der Zukunft spielt. Auf der Ebene „Self“ geht es um uns als Individuen. Die Besucher werden von Robotern begrüßt. Keinen futuristischen Ungetümen, sondern kleinen, freundlichen Maschinen. Augenzwinkernd wird ein Industrieroboter gezeigt, der einen Haufen Schmutzwäsche sortiert. Andere Helfer, etwa der selbstlernende, niedlich dreinblickende „Jibo“, stellen existenzielle Fragen. Immer mehr zutiefst menschliche Tätigkeiten – die Pflege von Kindern oder Alten – werden künftig an Roboter ausgelagert, aber wie werden wir mit dem Problem der Vereinsamung umgehen?

Wie wir als „Selfs“ zusammenleben werden, zeigt die Sektion „Public“. Im Zentrum steht dort ein Beispiel zukunftsweisender Mobilität: ein Konzeptfahrzeug des selbstfahrenden Autos „SEDRIC“, das vom Volkswagen Konzern entwickelt wurde. Erstmals wird es hier mit simulierten Mensch-Maschine-Interaktionen einer breiten Öffentlichkeit präsentiert. Besucher können darin Platz nehmen und eine fiktive Fahrt durch London erleben. Automobildesigner Peter Wouda, der die Entwicklung des Fahrzeugs leitete, erklärt, welche Rolle SEDRIC in der Ausstellung – und in der Zukunft der Mobilität – spielt: „Für die meisten Besucher ist es das erste Mal, dass sie in einem selbstfahrenden Auto sitzen. Ich denke, vermutlich ab 2021 werden autonome Fahrzeuge im Straßenverkehr zu sehen sein. Dann erwarte ich eine exponentielle Entwicklung, die global stattfindet, über viele Regionen hinweg – wahrscheinlich zuerst in den USA. Das selbstfahrende System wird Unfälle vermeiden, die urbane Verkehrsbelastung entlasten, die Geräusch- und Abgasemission verringern sowie uns wertvolle Zeit zurückgeben. Unser SEDRIC steht für jene Visionen, die uns die vielfältigen Möglichkeiten und die Fortschritte der Digitalisierung künftig ermöglichen – auch für zusätzliche Nutzer, wie Kinder, Blinde und alte Menschen, die bislang kaum Zugang zu den Vorteilen der individuellen Mobilität erhalten.“

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Aber es sind nicht nur erfreuliche Entwicklungen, auf die ein genauer Blick geworfen wird – vor allem in den Bereichen „Environment“ und „Afterlife“ ist die Welt weniger bunt. Der Verheerungen des Klimawandels werden nicht geschönt, und wenn ausführlich die Praxis der Cryopreservation – des Einfrierens Sterbender in flüssigem Stickstoff – dargestellt wird, stellen sich unweigerlich eisige Fragen: Etwa, wie es sein kann, dass eine winzige Elite nach Unsterblichkeit strebt, während in den nächsten Jahren Millionen Menschen an den Folgen der Erderwärmung sterben werden? 

Die Kuratoren geben auf all das keine Antworten, sondern regen die Zuschauer zur Reflexion an. Und nicht nur zum Denken, sondern auch zum Machen. Der Ansatz des V&A ist es immer, kurzweilig und doch tiefgründig zu sein. Und so ist es auch bei „The Future Starts Here“: In zahlreichen unterhaltsamen Installationen können die Besucher Hand anlegen, etwa, wenn es darum geht, Landschaften in einer riesigen 3-D-Simulation zu entwerfen. Bei all dem wird die Frage, ob die Zukunft nun schwarz oder weiß sein wird, zurückgewiesen. „Wir konzentrieren uns auf Technologien in dieser Ausstellung“, sagt Mariana Pestana, „und die eröffnen immer den Weg zu beiden Möglichkeiten. Es kommt darauf an, wie wir sie nutzen.“ Wunderbar auf den Punkt gebracht wurde das vom französischen Philosophen Paul Virillo, der 1999 schrieb: „Die Erfindung des Schiffs war zugleich die Erfindung des Schiffbruchs.“ Im Umkehrschluss heißt das: Wie falsch wäre es doch, nicht in See zu stechen, nur weil man Angst hat, unterzugehen.

Die Ausstellung wird von der Volkswagen Aktiengesellschaft gefördert.