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Auf ein Wort mit Herbert Diess und Bernd Osterloh

Großes Doppelinterview mit dem Volkswagen Chef und dem Betriebsrats-Chef

Wie Volkswagen das neue WLTP-Prüfverfahren angeht, die Produktion umkrempelt und zur Causa Chemnitz steht, lesen Sie in unserem großen Doppelinterview:

Herr Diess, der VfL Wolfsburg ist mit zwei Siegen in die Saison gestartet. Wird der VfL jetzt wieder der Imageträger für Volkswagen?

Diess: Fußball ist für uns die wichtigste Marketingplattform. Ich habe mich sehr gefreut, dass das Team so erfolgreich gestartet ist. Schließlich liegen zwei schwere Jahre hinter uns. Ich war beim ersten Heimspiel gegen Schalke mit Herrn Osterloh im Stadion. Ich war beeindruckt von der Mannschaft, vor allem von ihrer Einstellung. Die ist für mich am Ende fast wichtiger als das Ergebnis.

Herr Osterloh, wie ist es, gemeinsam mit Herrn Diess Fußball zu gucken?

Osterloh: Klasse. Herr Diess ist vielleicht nicht ganz so emotional wie ich (lacht). Aber die Gespräche mit ihm zeigen mir, dass er sich gut auskennt. Beim Saisonstart dürfen wir übrigens die VfL-Frauen nicht vergessen. Die gehören ja genauso dazu. Bei ihnen läuft die Bundesliga zwar noch nicht, aber sie haben das erste Spiel im Pokal gewonnen.

Diess: Zusammen mit dem Pokalsieg der Männer macht das schon vier Siege zum Saisonstart für den VfL. Es gibt übrigens viele Parallelen in der Arbeit eines Fußballtrainers und eines Vorstandsvorsitzenden. Es geht immer um die Mannschaft. Man muss die Akteure auf den richtigen Positionen aufstellen. Vieles ist Können und Training – aber Haltung und Einstellung sind mindestens genauso entscheidend. Das gilt beim VfL genauso wie bei Volkswagen.

Vom Fußball zum Auto. Herr Diess, warum tut sich Volkswagen so schwer mit dem Thema WLTP?

Diess: Volkswagen und Audi hängen in Sachen WLTP zurück. Das hat auch damit zu tun, dass uns die Diesel-Krise sehr beschäftigt hat. Unsere Entwicklungsteams standen unter großem Druck. Wir müssen aber auch selbstkritisch einräumen, dass wir das Projekt WLTP nicht gut genug gesteuert haben. Volkswagen muss insgesamt bei der Prozesssteuerung besser werden. Was aktuell WLTP angeht: Die Monate September und Oktober werden noch schwierig, danach sollte es bergauf gehen.

Herr Osterloh, hat die Belegschaft Verständnis für die Schließtage in der Produktion?

Osterloh: Die Schließtage haben bei den Kolleginnen und Kollegen keine Freude ausgelöst. Viele fragen sich, warum wir bei WLTP so spät dran sind.

Diess: Ich verstehe, dass die Mannschaft unzufrieden ist. Aber es bringt jetzt auch nichts, über die Kollegen in der Technischen Entwicklung zu schimpfen.

Osterloh: Das tut auch keiner. Wir wissen, dass die Kolleginnen und Kollegen in den Prüfständen praktisch rund um die Uhr arbeiten. Die machen einen guten Job. Aber ich stelle mir vielmehr eine grundsätzliche Frage: Wodurch ist die Verzögerung bei WLTP entstanden? Liegt das an den Prozessen dort? An der Organisation? An der Führung? Und ein ganz anderes Thema ist, was durch WLTP eigentlich besser wird. Der Gesetzgeber hat den Aufwand heftig erhöht. Am Verbrauch selbst hat sich dadurch nichts verändert. Die Prüfung ist jetzt nur sehr viel umfangreicher. Die Messergebnisse liegen jetzt etwas näher am tatsächlichen Verbrauch. Aber mit dem reellen Verbrauch auf der Straße hat das auch noch nichts zu tun – wie eigentlich schon immer.

Herr Diess, Sie haben die Devise ausgegeben, dass die Produktion bei Volkswagen selbstbewusster werden muss. Warum ist das nicht schon heute so?

Diess: Bei einem Volumenhersteller wie Volkswagen ist die Produktion besonders für das Ergebnis verantwortlich – ebenso für eine hohe Produktivität und dafür, dass die Anläufe sitzen. Die Produktion bei Volkswagen hat in den vergangenen Jahren jedoch oftmals versucht, zu sehr die Wünsche der Entwicklung zu erfüllen. Das hat zu hoher Komplexität und hohem Aufwand geführt. Oft gab es kurz vor Anlauf noch späte Änderungen. Daher muss die Fertigung wieder stärker in der frühen Phase der Fahrzeugprojekte Einfluss nehmen und späte Änderungen vermeiden. Das heißt natürlich nicht, dass wir einzig und allein von exzellenten Prozessen leben, wie es einige andere Hersteller tun. Wir bei Volkswagen wollen nach wie vor exzellente Produkte mit besonderer Qualität bauen. Aber wir müssen ein besseres Maß finden, um mit unseren Automobilen mehr Geld zu verdienen. Das brauchen wir, um kräftig genug in die Zukunft von Volkswagen zu investieren. Zuletzt haben wir gute Fortschritte gemacht, die jüngsten Anläufe waren ordentlich. Aber da ist noch jede Menge Potenzial. Für die Produktion eines Fahrzeugs brauchen wir immer noch zu lange.

Herbert Diess und Bernd Osterloh über WLTP, Produktion und den VfL Wolfsburg

Herr Osterloh, war es schon immer so, dass bei Volkswagen die Technische Entwicklung den Ton angibt?

Osterloh: Nein. Bei der damaligen Auto5000 GmbH haben wir mit dem Touran ein Fahrzeug mit geringer Komplexität und wenigen Ausstattungsvarianten gebaut. Das war der richtige Weg, zumal sich das Fahrzeug auch gut verkauft hat. Leider ist das Thema danach wieder eingeschlafen. Damit ich nicht missverstanden werden: Ich möchte kein Einheitsauto. Wir wollen die individuellen Kundenwünsche erfüllen. Aber wir müssen natürlich trotzdem weiter schauen, dass wir Komplexität und Variantenvielfalt reduzieren. Wir haben in den vergangenen Jahren allein in Wolfsburg tausende Golf gebaut, die in ihrer Kombination von Motor, Farbe und Innenausstattung einmalig sind.

Diess: Das zeigt einerseits, wie flexibel unsere Produktion ist. Andererseits ist das aber eine große Belastung und ein hoher logistischer Aufwand. Das kostet Produktivität. Es muss unser Ziel sein, die Varianten zu reduzieren.

Herr Diess, täuscht der Eindruck, oder sind wir in Sachen Software-Entwicklung viel zu langsam unterwegs?

Diess: Nein, das täuscht nicht. Die Digitalisierung des Autos ist zurzeit eine unserer größten Herausforderungen. Viele Anlaufprobleme, die wir in jüngster Vergangenheit hatten, resultieren aus Problemen mit der Software-Funktionalität. Die Bedeutung von Software im Auto wird weiter deutlich zunehmen und damit zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Dafür haben wir noch zu wenig eigene Kompetenz im Haus. Was auch damit zu tun hat, dass wir in der Elektrik/Elektronik in der Vergangenheit fast 80 Prozent ausgelagert hatten. Mein Ziel ist es, dass wir wieder mehr Software selbst entwickeln. Dafür müssen wir neue Software-Ingenieure einstellen und Mitarbeiter qualifizieren. Da ergeben sich für viele Kolleginnen und Kollegen neue Chancen. Man muss nicht unbedingt studiert haben, um programmieren zu können.

Osterloh: Im Bereich Software hat es die Unternehmensführung seit Jahren schlicht und ergreifend verschlafen, die richtigen Weichen zu stellen. Andere Bereiche, sei es das Exterieur oder Interieur, genossen höhere Priorität. Das Thema Digitalisierung hat dagegen bei Volkswagen keine ausreichende Rolle gespielt. Das muss sich ändern. Aktuell ist es gar nicht so einfach, auf dem Arbeitsmarkt IT-Experten zu finden. Deshalb haben wir als Betriebsrat immer betont, dass wir Kolleginnen und Kollegen mit Leidenschaft für IT in unseren eigenen Reihen umschulen können. Das ist ja auch ein großes Thema im Zukunftspakt. Da muss noch mehr in die Richtung passieren.

Zukunftspakt ist ein gutes Stichwort. Wie fällt nach zwei Jahre Ihre Zwischenbilanz aus, Herr Diess?

Diess: Wir sind gut gestartet. Als Betriebsrat und Unternehmen den Pakt seinerzeit beschlossen haben, hatten wir uns vorgenommen, unsere Umsatzrendite auf fünf Prozent zu steigern. Das ist uns bereits gelungen. Aber wir müssen noch deutlich mehr tun. Denn die Belastungen für das Unternehmen, etwa die Kosten für die Einführung der Elektrofahrzeuge, werden höher als erwartet sein. Zumal wir gesehen haben, dass einige unserer Wettbewerber noch größere Fortschritte gemacht haben. Wir brauchen höhere Gewinne, um unsere Zukunft finanzieren zu können. Vier Prozent sind das Minimum, mit fünf oder sechs Prozent kann man ein paar Zukunftsinvestitionen tätigen und mit sieben oder acht Prozent sind wir krisenfest. Deshalb müssen wir noch deutlich effizienter werden. Das betrifft speziell auch unsere Verwaltung.

Herr Osterloh, wie beurteilen Sie den Stand beim Zukunftspakt?

Osterloh: Um das, was wir bereits erreicht haben, beneiden uns viele. Darauf können wir stolz sein. Klar gab es auch mal Meinungsverschiedenheiten. Aber das gehört dazu, wenn man so einen Pakt aushandelt. Die Rendite von fünf Prozent kann sich sehen lassen – und sie wäre sogar noch höher, wenn wir mehr Autos verkauft hätten. Wenn hier in Wolfsburg im vergangenen Jahr 800.000 statt 700.000 Autos vom Band gelaufen wären. Ich wünsche mir, dass unser Vertriebsvorstand hier noch mehr Drive drauf bringt. Um hier eines aber auch ganz klar zu sagen: Die Beschäftigungssicherung bis 2025 gehört ebenso zu den Erfolgen des Zukunftspaktes wie die Renditeziele. Denn so können sich die Kolleginnen und Kollegen alle mit ganzer Kraft auf die Weiterentwicklung unseres gemeinsamen Unternehmens konzentrieren.

Bernd Osterloh und Herbert Diess beim Sommerinterview in Wolfsburg

Herr Diess, die Nachricht, dass ausgerechnet Zwickau zum Zentrum der Elektromobilität wird, kam für viele Mitarbeiter überraschend.

Diess: Wir sehen jetzt schon, dass es richtig war, uns zu Beginn auf einen Standort für Elektromobilität zu konzentrieren. Nur so sind wir wettbewerbsfähig, nur so werden wir die Anläufe für unsere Marken vernünftig hinbekommen.

Müssen andere Standorte befürchten von Zwickau abgehängt zu werden?

Diess: Nein. Mit der Bündelung der Passat-Produktion in Emden sowie der Golf-Fertigung in Wolfsburg sorgen wir für eine bessere Auslastung der MQB-Werke. Und Osnabrück bekommt mit dem T-Roc Cabrio ein neues Modell, das der Standort selbst entwickelt und produziert. Mehr als 80 Prozent aller Fahrzeuge werden auch im Jahr 2025 noch konventionell angetrieben. Perspektivisch ist die Auslastung der Standorte also gegeben. Wenn sich die Elektromobilität dann richtig durchsetzt, stellen wir auch andere Standorte um.

Herr Osterloh, wie nimmt die Belegschaft in Zwickau den Wandel zum Elektro-Standort wahr?

Osterloh: Als die Nachricht verkündet wurde, war die Freude bei den meisten natürlich erstmal groß. In der E-Mobilität liegt nach jetzigem Stand die Zukunft der Mobilität. Doch unter die Freude hat sich dann auch Unsicherheit gemischt: Der Standort wird komplett umgebaut – da fragen sich viele Kolleginnen und Kollegen schon, was das für sie persönlich in ihrer täglichen Arbeit bedeutet.

Herr Diess, überall wird bei Volkswagen eine neue Unternehmenskultur beschworen. Spüren Sie persönlich schon etwas davon?

Diess: Es hat sich schon einiges verändert. Mein Vorgänger Matthias Müller hat viele richtige Weichen gestellt. Wir sind offener geworden, gehen Konflikten nicht mehr aus dem Weg. Wir reden mehr mit- statt übereinander. Auch der Monitor hilft uns dabei, den Dialog zu stärken. Der Betriebsrat macht ja traditionell Dialogveranstaltungen, aber auch das Management ist besser geworden.

Osterloh: In meinen Augen war die Unternehmenskultur bei Volkswagen noch nie schlecht. Das Problem war die hierarchisch geprägte Führungskultur. Sie hat es den Führungskräften in der Vergangenheit einfach gemacht, etwas nicht entscheiden zu müssen. Die Entscheidung ist immer eine Hierarchieebene nach oben geschoben worden – bis hin zum Vorstand. Meiner Meinung nach müssen aber alle Führungskräfte entscheidungsfähig und dialogfähig sein.

Herr Diess, Volkswagen hat ein Werk in Chemnitz. Zuletzt kamen aus Chemnitz schlimme Schlagzeilen rund um das Thema Ausländerfeindlichkeit. Was sagen Sie dazu?

Diess: Viele Menschen haben offenbar Angst. Hier müssen wir helfen. Bei Volkswagen gehen wir mit gutem Beispiel voran: Bei uns arbeiten viele Beschäftigte mit Migrationshintergrund. Das Miteinander verschiedener Nationalitäten und Religionen ist eine Grundlage unseres Erfolgs. Wir waren als Unternehmen ja schon immer in der Lage, Menschen zu integrieren. Wir müssen als Unternehmen noch mehr tun. Hier kann jeder Einzelne helfen: Stellung beziehen gegen Hass, Vorurteile und billige Parolen – und zwar im Werk und vor den Werkstoren. Schließlich sind wir größter Arbeitgeber in Sachsen.

Osterloh: Genau deshalb war ich vergangene Woche zusammen mit Arbeitsdirektor Gunnar Kilian in Chemnitz. In unserem Werk hatten wir eine eindrucksvolle Veranstaltung. Wir zeigen Flagge gegen Rechtsradikalismus und für Demokratie. Der Politik ist es bisher nicht gelungen, den Menschen die Angst vor Integration zu nehmen. An dieser Stelle sage ich aber auch: Wir müssen alle mit anpacken – gelingen kann Integration nur zusammen. Wir brauchen in Deutschland Zuwanderung.