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„Einzelne Unternehmen müssen beim Klimaschutz vorangehen“

Interview mit Mojib Latif, Klimaforscher

Mojib Latif ist einer der renommiertesten Klimaforscher Deutschlands. Der Meteorologe und Ozeanograf leitet die Forschungseinheit Maritime Meteorologie am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und lehrt an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Im Interview spricht er über die Folgen ungebremster Erderwärmung und die Chancen der Elektromobilität.

Sie sagen: Die Welt muss dringend gegen den Klimawandel handeln. Wie bewerten Sie die Situation nach der Klimakonferenz in Kattowitz?

Wir stehen eigentlich immer noch am Anfang. Auch das vergangene Jahr hat wieder einen Rekord bei den weltweiten CO₂-Emissionen gebracht. Bereits beim Klimagipfel in Paris 2015 haben die Staaten beschlossen, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen, möglichst auf 1,5 Grad. Nach dieser Ankündigung muss jetzt endlich gehandelt werden. Absichtserklärungen reichen nicht.

Warum ist es so wichtig, keine Zeit zu verlieren?

Die internationale Gemeinschaft hat den Klimaschutz seit Beginn der 1990er Jahre auf ihrer Agenda. Seitdem haben wir jedoch keine wirksamen Fortschritte erzielt. Im Gegenteil: Die CO₂-Emissionen sind mit einem Plus von mehr als 60 Prozent regelrecht explodiert. Dadurch sind wir in eine Situation geraten, in der wir uns keinerlei Aufschub mehr leisten können. Ab 2020 muss der weltweite CO₂-Ausstoß sinken – sonst haben wir kaum noch eine Chance, das Versprechen von Paris einzuhalten. Langfristig brauchen wir eine kohlenstoffneutrale Wirtschaft. Das ist aber nicht auf einen Schlag zu erreichen. Wir müssen jetzt beginnen.

Zwei Grad Erderwärmung – das klingt nicht sonderlich dramatisch…

Das ist es aber. Man muss sich klar machen, dass der Unterschied zwischen einer Warmzeit und einer Kaltzeit bei nur fünf Grad Durchschnittstemperatur liegt. In der Erdgeschichte haben sich solche Veränderungen meist in 10.000 bis 20.000 Jahren vollzogen. Wenn wir aber den Klimawandel nicht bremsen, dann wird die Durchschnittstemperatur der Erde bereits bis zum Ende dieses Jahrhunderts um etwa fünf Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit steigen. Dieses Tempo ist ohne Beispiel.

Wie verändert sich beispielsweise das Leben der Menschen in Deutschland, wenn sich die Erde um mehr als zwei Grad erwärmt?

Einen Vorgeschmack bekommen wir bereits – denken Sie nur an die Hitzewelle des vergangenen Sommers. Viele von uns hätten es sich wahrscheinlich nicht träumen lassen, dass sie sich einmal Regen wünschen. Das andere Extrem sind sintflutartige Niederschläge, die kleine Bäche, aber auch Flüsse wie Donau, Elbe und Oder zum Überlaufen bringen.

Was bedeutet der Klimawandel für Entwicklungsländer?

Dort sind die Folgen noch viel dramatischer als beispielsweise in Mitteleuropa. Auch bei uns verursachen Wetterextreme hohe Schäden. Doch in Entwicklungsländern sterben bei Unwettern oft Hunderte oder Tausende Menschen, weil die finanziellen Mittel fehlen, um sich vor Stürmen oder Überschwemmungen zu schützen. Hinzu kommt der Anstieg des Meeresspiegels. Wir können unsere Deiche erhöhen – kleine Inselstaaten können es oft nicht. Dabei zählt dort buchstäblich jeder Zentimeter. Das zeigt die ganze Ungerechtigkeit des Klimawandels.

Warum gelingt es den Staaten nicht, wirksam zu handeln?

Klimaschutzverhandlungen erinnern mich leider oft an ein Mikado-Spiel – wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Es ist wichtig, das zu durchbrechen: Einzelne Länder und Unternehmen müssen beim Klimaschutz vorangehen. Wenn es gelingt zu zeigen, dass nachhaltiges Wirtschaften ökonomische Vorteile bringt, dann werden sich die anderen anschließen.

Was sagen Sie Skeptikern, die an der Verantwortung der Menschen für den Klimawandel zweifeln?

Die Befunde der internationalen Wissenschaft sind sehr, sehr klar. Auch mit meinen amerikanischen Kollegen gibt es da keinerlei Dissens, selbst wenn der derzeitige US-Präsident aus dem Paris-Abkommen aussteigen will. Absolute Gewissheit kann es niemals geben – aber die Wahrscheinlichkeit, dass der Mensch für die Erderwärmung verantwortlich ist, ist extrem hoch, nahe 100 Prozent. Selbst wenn es anders wäre: Wer würde sich in ein Flugzeug setzen, das mit einer Wahrscheinlichkeit von nur zehn Prozent abstürzt? Vermutlich niemand. Aber in der Klimapolitik handeln wir völlig anders als in unserem Privatleben.

„Elektromobilität kann ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz sein“, sagt Mojib Latif. „Entscheidend ist, dass uns parallel ein deutlicher Ausbau der erneuerbaren Energien gelingt.“

Volkswagen hat eine große Elektro-Offensive gestartet, um die Klimaziele zu erreichen. Welche Rolle spielt die E-Mobilität aus Ihrer Sicht?

E-Mobilität hat zwei Vorteile. Erstens: Wenn der Strom regenerativ erzeugt wird, dann sinken mit der Nutzung von Elektroautos die CO₂-Emissionen. Zum zweiten verbessert sich die Luftqualität in den Ballungsräumen, denn E-Autos stoßen keine Abgase aus.

Wie wichtig ist eine klimafreundliche Mobilität gemessen an den gesamten Treibhausemissionen?

In Deutschland beispielsweise entfallen ungefähr 20 Prozent der Emissionen auf den Verkehrsbereich. Insofern kann Elektromobilität ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz sein. Entscheidend ist, dass uns parallel ein deutlicher Ausbau der erneuerbaren Energien gelingt. Auch die Netze müssen leistungsfähiger und engmaschiger werden. Global ist es ebenfalls wichtig, im Verkehrsbereich die richtigen Weichen zu stellen. Viele Menschen haben heute noch gar keinen Zugang zu individueller Mobilität. Das ist also ein Wachstumssektor.

In Deutschland hat sich eine Regierungskommission auf einen Fahrplan zum Kohleausstieg geeinigt. Ist das nicht ein großer Fortschritt für den Klimaschutz?

Das muss man abwarten. Einerseits hätte ich mir gewünscht, dass der Ausstieg schneller kommt. Andererseits haben wir nun nach langer Zeit wieder die Chance, dass die CO₂-Emissionen deutlich sinken. Seit zehn Jahren verharren sie auf hohem Niveau. Vermutlich hätte ich den Kompromiss auch unterschrieben – wenn auch mit leichtem Zähneknirschen. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Sie sind sicher viel unterwegs – wie organisieren Sie persönlich Ihre Fernreisen?

Wann immer es möglich ist, nehme ich die Bahn. Bei vollem Terminkalender oder bei Übersee-Strecken bleibt aber oft nur das Flugzeug. Dann kompensiere ich die CO₂-Emissionen – zum Beispiel, indem ich Klimaprojekte in Entwicklungsländern unterstütze.