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Die Eroberung der dritten Dimension

Viele große Metropolen stehen vor dem Verkehrskollaps. Straßenraum wird zur knappen Ressource. Der Pop.Up Next erobert dank Drohnentechnik die dritte Dimension – für eine entspannte Fortbewegung in der Luft.

Gemächlich schlängelt sich der Po durch die Landschaft im Süden von Turin, an Wiesen und Äckern vorbei, an Baggerseen und Brachland. Der Strom, der in den Westalpen entspringt und nach 650 Kilometern in die Adria mündet, ist die Lebensader Norditaliens. Kurz bevor der Po das Stadtgebiet von Turin erreicht, erstreckt sich östlich des Flusses ein weitläufiges Gewerbegebiet, das zur Gemeinde Moncalieri gehört. An dessen südwestlichem Zipfel befindet sich ein unscheinbarer Gebäudekomplex, umgeben von einer kaum mannshohen weißen Mauer. Ein schmales Törchen gewährt Zutritt auf das Gelände, nach wenigen Schritten erreicht der Besucher ein kleines Empfangsfoyer – und steht mitten in einer anderen Welt.

Denn in dem flachen Gebäudeensemble ist das Unternehmen Italdesign zuhause, eine Größe des europäischen, wenn nicht globalen Automobildesigns, in Automobiltechnologie und Prototypenbau. Das Unternehmen bereitet gerade seinen nächsten Coup vor: Mit einem modularen Drohnenfahrzeug will Italdesign die dritte Dimension für den Individualverkehr erobern. Pop.Up Next heißt das flug- und fahrfähige Gerät, das demnächst bis zu zwei Personen autonom und elektrisch von A nach B befördern soll, am Boden und in der Luft. Auf der Drone Week in Amsterdam haben die Erfinder in enger Zusammenarbeit mit ihren Partnern Airbus und Audi ein 1:4-Modell im vergangenen Jahr zum ersten Mal zum Fliegen gebracht. Die staunenden Gesichter des Publikums kann man sich noch heute auf einem YouTube-Video ansehen.

Italdesign arbeitet seit 2016 an dem Projekt. Damals, so erzählt der CEO Jörg Astalosch, hätten sie bei Italdesign zusammengesessen und darüber nachgedacht, wie die verkehrlichen Herausforderungen in großen Städten künftig gemeistert werden könnten. Astalosch kam ein Jahr zuvor an die Spitze von Italdesign, nachdem die Marke Audi aus dem Volkswagen Konzern die Designschmiede komplett übernommen hatte. Bis dahin hielt der Gründer, Designlegende Giorgetto Giugiaro, noch Anteile an dem von ihm selbst 1968 gegründeten Unternehmen.

Jörg Astalosch, CEO Italdesign: „Wir haben städtische Mobilität neu gedacht.“

„Wir haben uns gefragt, was wir tun können, um die dritte Dimension für den innerstädtischen Verkehr zu nutzen“, sagt Astalosch. Die Antwort darauf ist ein System, bei dem nicht der Reisende das Verkehrsmittel wechseln muss, um von A über B nach C zu kommen, sondern sich das Verkehrsmittel verwandelt: von einem Auto in ein Flugtaxi und zurück in ein Auto. Der Passagier bleibt einfach in der Transportkapsel sitzen. Die Kapsel sitzt dabei entweder auf dem Basisfahrzeugmodul und wird auf der Straße an ihr Ziel befördert oder hängt an der Drohne, die sie durch die Luft bewegt. 

Die Idee der Urban Air Mobility, also des Flugverkehrs im städtischen Luftraum, gebe es schon länger, sagt Astalosch. „Aber wir sind die einzigen mit einem modularen Konzept, das Straße und Luft miteinander verbindet.“ Als Partner hat Italdesign den Flugzeugbauer Airbus gewonnen, der derzeit auch an einer Art elektrisch betriebenem Drohnenhubschrauber arbeitet und demnächst auf einem Luftwaffenstützpunkt in Ingolstadt testen will. Tatsächlich wird gerade an vielen Orten an Flugtaxi-Konzepten getüftelt, von klassischen Automobilunternehmen und Luftfahrtkonzernen ebenso wie von Start-ups und Mobilitätsdienstleistern wie dem Online-Transportvermittler Uber. Experten sehen darin schon die Fortbewegung der Zukunft. Bis 2035, so jüngste Prognosen, könnten bis zu 23.000 Flugtaxis über den Metropolen der Welt fliegen.

Mitarbeiter bereiten das Modell für die autonome Fahrt zur Drohne vor.

Im Virtual Reality Center von Italdesign in Moncalieri können sich Besucher ein Bild von der Technologie machen. Mitten in einem tanzsaalgroßen Raum steht ganz real das 1:4-Modell des Pop.Up Next. Sehr elegant sieht es mit seinen zwei Kufen und den acht Propellern aus, die jeweils paarweise an vier metallenen Armen befestigt sind. An der Stirnseite des Raums sind auf einer großen Tafel Modellzeichnungen des Golf I zu sehen, dessen klassische Form Giorgetto Giugiaro Anfang der 1970er Jahre entworfen hat. Vergangenheit trifft hier ganz augenfällig auf Zukunft, Tradition verbindet sich mit modernen Design- und Technologieideen.

  • 51 Jahre Designgeschichte

    Das italienische Unternehmen Italdesign entwickelt seit mehr als 50 Jahren Fahrzeuge für die großen Automobilhersteller der Welt.

    Das Firmengelände von Italdesign in Moncalieri ist Anziehungspunkt für Design- und Automobilliebhaber gleichermaßen. Wer seinen Blick durch die lichten Räume schweifen lässt, entdeckt alte Bekannte genauso wie futuristisch anmutende Prototypen. Es ist, als wandele man abwechselnd in den Kulissen längst vergangener Epochen oder durch das Filmset einer Science-Fiction-Produktion. Der erste Golf und der Audi 80, der Panda und der Lancia Thema, der Saab 9000 und der Seat Ibiza – das Design dieser Erfolgsmodelle ist in diesen Hallen entstanden. Auch Exoten wie der DeLorian DMC-12, bekannt geworden als Zeitreisemaschine in „Zurück in die Zukunft“, der Sportwagen Zerouno, eine Sensation auf dem Genfer Autosalon 2017, und das Showcar DaVinci, das in diesem Jahr in Genf vorfuhr, verdanken den Designern von Italdesign ihre extravagante und einzigartige Gestalt. 

    Giorgetto Giugiaro und Aldo Mantovani haben Italdesign am 13. Februar 1968 gegründet. In den zurückliegenden 51 Jahren hat das Unternehmen mit allen großen Automobilherstellern zusammengearbeitet. Ein überwältigender internationaler Erfolg war die Entwicklung des ersten VW Golf, dessen Gestalt auf Firmengründer Giugiaro zurückgeht. Die Firma führt zwar den Begriff Design im Namen, arbeitet aber auch dem Gebiet der Automobiltechnologie. Ingenieurleistungen machen die Hälfte des Umsatzes aus. Seit 2015 gehört Italdesign komplett zu Audi.

Letzter Kontrollblick: Hängt die Passagierkapsel sicher an der Drohne?

Viel Zeit, darüber nachzudenken, bleibt nicht. Fast unhörbar fährt von rechts das Basismodul samt Passagierkapsel an die Drohne. Mittels zweier Kameras und hoher Rechnerleistung rollt es autonom zur Drohne, um zwischen den Kufen zum Stehen zu kommen. Millimeterarbeit, denn die Kupplung der Drohne muss exakt auf den Anschluss der Passagierkapsel passen. Leise surrt der Abtrieb, der die Kapsel mit der Drohne verbindet. Abheben ist hier und jetzt nicht möglich, unverrichteter Dinge setzt die Drohne die Kapsel zurück auf das Fahrmodul zurück – Vorführung beendet.

„Die größte Herausforderung war es, die beiden Welten Boden und Luft miteinander zu verbinden“, sagt Technikvorstand Antonio Casu. Denn damit das Flugtaxi abheben und in der Luft manövrieren kann, darf es nicht zu schwer sein. Um sicher zu fahren und zu fliegen, muss es stabil sein – bei jedem Wetter und auf jedem Untergrund. Nicht zu schweigen von der Betriebssicherheit eines solchen Gerätes, das ohne Piloten und Fernsteuerung auskommen soll. „Wenn der Pop.Up Next in Produktion geht, wird er so sicher sein, dass Sie ihre Kinder mit gutem Gewissen damit fliegen lassen“, sagt Jörg Astalosch. Damit ist indes nicht vor der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts zu rechnen, wie Technikchef Casu sagt, also kaum vor 2025.

Der Prototyp soll 2020 abheben

Antonio Casu, CTO von Italdesign: „Wir erkunden neue Wege der Fortbewegung.“

Denn wenngleich die grundlegenden technischen Herausforderungen des Projektes gemeistert zu sein scheinen und ein 1:1-Prototyp innerhalb der nächsten 18 Monate abheben soll, bleiben noch Hürden zu nehmen. Antonio Casu sagt, bisher gebe es noch keine Batterie mit ausreichender Kapazität, die den Pop.Up Next zuverlässig antreiben kann.

Eine weitere Baustelle ist die notwendige Konnektivität des Flugtaxis. „Wir führen gerade Tests mit 5G-Kommunikation durch“, sagt Casu. Der künftige Mobilfunkstandard ist 100 Mal schneller als das aktuelle 4G/LTE und erlaubt Echtzeitkommunikation zwischen vernetzten Geräten in Millisekundenschnelle – eine absolute Notwendigkeit für das autonom fliegende Lufttaxi. „Wir gehen davon aus, dass sich der Pop.Up Next in einer Verkehrsumgebung bewähren muss, in der sich autonom fahrende und konventionelle Fahrzeuge tummeln, E-Mobile ebenso wie klassisch angetriebene Autos“, sagt Casu. „Und dass zwei Tonnen über unseren Köpfen durch die Luft fliegen, noch dazu ohne einen Piloten, der dieses Fluggerät steuert, daran werden wir alle uns erst gewöhnen müssen.“

Noch klinge das alles ein wenig nach Science-Fiction, räumt CEO Astalosch ein. „Aber das Konzept ist realistisch und umsetzungsreif.“ Freilich dürfe man sich nicht vorstellen, dass der Pop.Up Next tausendfach von Privatleuten gekauft und geflogen werde. „Wir wollen nicht die Mobilität einer Elite erleichtern, sondern die Mobilität in Megastädten verbessern“, sagt Astalosch. Der Pop.Up Next sei ein Produkt, das sich für Ride-Hailing oder -Sharing eigne, das der Nutzer für einen bestimmten Zweck mietet. Praktisch werde das so aussehen, dass in einer Großstadt drei bis vier Hubs existieren, an denen Passagiere vom Fahren zum Fliegen wechseln können und umgekehrt. Und es werde prioritäre Strecken geben, etwa die Anbindung eines Flughafens an die Innenstadt. 

Bis es soweit ist, das weiß auch Jörg Astalosch, muss nicht nur sein Unternehmen noch eine Menge Forschungs- und Entwicklungsarbeit leisten. „Wir müssen ein Fahrzeug komplett neu denken“, sagt er, „wir haben es mit einem ganz neuen Typ zu tun.“ Bevor das erste Lufttaxi abheben könne, müsse das regulatorische Umfeld angepasst und das Air Traffic Management auf die Anforderungen in Städten heruntergebrochen werden. Wer regelt und überwacht zum Beispiel den Verkehr in der Luft? Brauchen wir Vorfahrtsregeln in der dritten Dimension? Wie sieht es mit der Unfallhaftung aus? Alles Fragen, die noch beantwortet werden müssen. „Das können wir nicht allein lösen“, sagt Astalosch und hofft, dass Gesetzgeber, Behörden und potenzielle Betreiber an einem Strang ziehen. Am Ende soll es für den Nutzer so einfach wie möglich sein: Die gesamte Dienstleitung wird über eine Online-Plattform gebucht und abgerechnet, der Kunde besteigt die Kapsel, den Rest erledigt der Anbieter.

Studien für den Pop.Up Next in Originalgröße

Wenn das gelingt, ist der Pop.Up Next eine intelligente Art, sich in den Smart Cities der Zukunft zu bewegen. Davon ist auch der Designer Nicolas Bussetti überzeugt. Er hat an der Entwicklung des Flugtaxis von Beginn an mitgearbeitet. Ein hoch spannendes Projekt, sagt er, nicht nur wegen der revolutionären Modularchitektur. Denn nur dank digitaler Technologien wie Virtual Reality sei es möglich, so ein komplexes Projekt in so kurzer Zeit auf die Beine zu stellen. „Wie arbeiten heute datengetrieben und brauchen viel weniger Modelle als noch vor 20 Jahren“, sagt Bussetti. Technologie und Design gehen Hand in Hand. Das eröffnet neue Räume, in denen die Gedanken im wahrsten Sinne des Wortes abheben können.