1. DEUTSCH
  2. News
  3. Stories
  4. 2019
  5. 03
  6. Volkswagen: Sounddesign

Wir setzen Cookies (eigene und von Drittanbietern) ein, um Ihnen die Nutzung unserer Webseiten zu erleichtern und Ihnen Werbemitteilungen im Einklang mit Ihren Browser-Einstellungen anzuzeigen. Mit der weiteren Nutzung unserer Webseiten sind Sie mit dem Einsatz der Cookies einverstanden. Weitere Informationen zu Cookies und Hinweise, wie Sie die Cookie-Einstellungen Ihres Browsers ändern können, entnehmen Sie bitte unserer Cookie-Richtlinie. Akzeptieren

Unerhörte Fahrerlebnisse

Seit es Autos gibt, bestimmt der Verbrennungsmotor das Sounddesign. Im Zeitalter der E-Mobilität gibt es ihn nicht mehr. Es entsteht ein Ruheraum, den es zu gestalten gilt.

Die UX Designerin Indra-Lena Kögler steht mit geschlossenen Augen in der Präsentationshalle des Volkswagen Design Centers.

Da ist sie wieder. Die Frage nach dem Motorsound. Indra-Lena Kögler muss sie mit einem fragenden Blick beantworten, sichergehen, dass ihre Antwort verstanden wird. Zu wichtig ist sie für den weiteren Gesprächsverlauf. „Motorsound klingt stark nach der Verbrenner-Welt. Ich würde eher vom Antriebssound sprechen“, sagt die UX Designerin. „Wir versuchen keinen Motorsound nachzuahmen, sondern den Charakter der Elektroautos wiederzugeben“, ergänzt ihre Kollegin Valentina Wilhelm.

Mehr als 100 Jahre bestimmte er den Sound und dominierte das Design beim Auto: der Verbrennungsmotor. „Nun, im Zeitalter der Elektromobilität, fällt er weg. Dadurch entsteht eine neue Freiheit, die es zu erforschen gilt“, erklärte kürzlich Klaus Bischoff, Leiter Design der Marke Volkswagen. Für seine Designer ergebe sich dadurch ein ganz neues Betätigungsfeld. Zwei von ihnen, Indra-Lena Kögler und Valentina Wilhelm, erkunden die neu gewonnene Freiheit unter anderem beim ID. – dem ersten rein elektrisch konzipierten und betriebenen Volkswagen auf MEB-Basis.

Sound als akustische Identität

Die Designerinnen Indra-Lena Kögler (l.) und Valentina Wilhelm (r.) im Austausch über die Rolle von Sounds im Alltag.

„Wir haben keine mechanischen Restriktionen und können jedem Fahrzeug einen eigenen Sound geben“, sagt Valentina Wilhelm, als möchte sie noch mal klarstellen, dass hier nicht zwei Soundingenieure über den Verbrennungsmotor sprechen, sondern zwei UX Designer über die Klangwelt der E-Ära. Der Antriebssound ist natürlich wesentlicher Bestandteil für einen stimmigen Gesamteindruck. Der Sound eines Elektromotors kommuniziert, wie beim Verbrennungsmotor auch, Vortrieb, Dynamik, Kraft und Geschwindigkeit.

Seine Anforderungen an den Antriebssound hat Klaus Bischoff bereits klar formuliert: Er möchte, dass die Menschen ein vorbeifahrendes Auto der Marke Volkswagen an seinem Sound erkennen – selbst mit geschlossenen Augen. „Jeder auf der Straße soll sofort erkennen, wow, das kann nur ein Elektrofahrzeug sein und der zweite Gedanke soll sein, wow, das ist ein VW“, sagt er.

„Jeder auf der Straße soll sofort erkennen, wow, das kann nur ein Elektrofahrzeug sein und der zweite Gedanke soll sein, wow, das ist ein VW.“

Klaus Bischoff Leiter Design der Marke Volkswagen

Sounds made by Volkswagen

Design und Technik haben in Wolfsburg schon immer eine besondere Rolle gespielt. Mit dem Elektroauto wird die Verantwortung nun viel größer. Ja, der Verbrennungsmotor ist bald nicht mehr der Wesenskern des Autos. Doch während die Idee des autonomen Fahrens und ihre Verheißung fast alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, übersehen viele, was bereits heute stattfindet.
Die Antwort auf die Frage nach der Rolle des Sounds in der E-Ära findet sich in einer Stadt, in der es mehr zugelassene Autos als Einwohner gibt. Die 125 Meter hoch in den Himmel führenden Rundschornsteine sind nicht nur das Wahrzeichen des Stammwerks Wolfsburg, sondern auch das der jüngsten Großstadt des Landes. Während in den meisten Produktionshallen reges Treiben herrscht, dominiert im Herzstück des Design Centers die Naturidylle mit Vogelgezwitscher.

Die Lichtdesignerin Valentina Wilhelm steht mit geschlossenen Augen vor einer 18 Meter langen Präsentationswand und lauscht der Ruhe.

Der fensterlose Raum, ausgestattet mit eindrucksvoller Lichttechnik und auf einer Seite verspiegelt, nennt sich „Walhalla“. Hier werden dem Vorstand neue Automodelle vorgestellt. Eine 18 Meter lange Wand dient als Projektionsfläche für Präsentationen, wie sie heute auch Designerinnen Indra-Lena Kögler und Valentina Wilhelm halten. Das eingespielte Vogelgezwitscher diene zur Einstimmung auf eine natürliche Umwelt.

Künstlicher Antriebssound ist Pflicht

Autos müssen Lärm machen. Das ist keine Frage der Einstellung, sondern Gesetz. Ab Juli 2019 ist ein „akustisches Fahrzeugwarnsystem“ (engl. „Acoustic Vehicle Alert System“, AVAS) für alle neu entwickelten Elektroautos in der Europäischen Union vorgeschrieben. Zwei Jahre später darf dann kein Elektro- und Hybridauto das Werk ohne das Akustiksystem verlassen. In der EU ist das künstlich erzeugte Geräusch bis zu einer Geschwindigkeit von 20 km/h vorgeschrieben. Ab dann reichen die Rollgeräusche der Reifen.
Den konkreten Sound dürfen die Hersteller bestimmen. Die EU hat aber Vorgaben. Das Geräusch eines Elektroautos muss, wie beim Verbrennungsmotor, das Fahrverhalten widerspiegeln. Ein Klangbeispiel findet sich auf der Website der Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen. Beethovens 9. Sinfonie ist also tabu.

Indra-Lena Kögler im Gespräch über die Verantwortung, den Fahrer entspannt durch den Verkehr zu bringen.

„Das Rechtliche bezieht sich nur auf den Außensound“, sagt Indra-Lena Kögler, die seit 18 Jahren bei Volkswagen arbeitet. Ihr Job sei es, eine angenehme Sound-Atmosphäre im Innenraum zu schaffen, damit der Fahrer entspannter durch den Verkehr kommt und nicht ständig Außengeräusche hören muss. „Sounds sind für uns akustische Designlinien“, erklärt die ausgebildete Medien- und Kommunikationsdesignerin. „Licht und Sound ergänzen sich“, sagt Lichtdesignerin Valentina Wilhelm. „Beide sind wichtig für das multisensorische Erlebnis.“

„Licht und Sound ergänzen sich. Beide sind wichtig für das multisensorische Erlebnis.“

Valentina Wilhelm Lichtdesignerin

Hören mit allen Sinnen

Indra-Lena Kögler zeigt auf ein Bild an der Präsentationswand, auf dem sich ein Mann liegend mit geschlossenen Augen in einem, so mutet es zumindest an, fahrenden Auto entspannt. „In der E-Ära sind die Autos sehr leise“, sagt sie. „Und in einer ruhigen Umgebung kann jeder Klang besser zur Geltung kommen.“ Dieser Satz, der so leicht klingt, weil er neue Möglichkeiten aufzuzeigen scheint, ist eine große Herausforderung. Denn das verbildlichte Entspannungserlebnis im Innenraum, es kann nur stattfinden, wenn auch die Geräusche eliminiert werden, die der Verbrennungsmotor bislang übertönte.

Indra-Lena Kögler (r.) und Valentina Wilhelm (l.) erklären, welche Rolle Ruhe für ihre Arbeit spielt.

Fahrgeräusche, die herkömmliche Motoren mit zunehmender Geschwindigkeit überdecken, sind durch den E-Antrieb viel präsenter und vermitteln ein anderes Gefühl von Geschwindigkeit. Der Dämmung und dem Material kommt somit eine höhere Bedeutung zu. Denn nur auf dem sogenannten Klangbett der Ruhe, so Indra-Lena Kögler, könne die Qualität der einzelnen Klänge zum Tragen kommen: „Die Ruhe ist die Grundlage, das Sounddesign die Kür.“ Stille dagegen könne auch unangenehm sein. „Diese Stille wollen wir nicht, wir wollen Ruhe“, sagt sie.

„Die Ruhe ist die Grundlage, das Sounddesign die Kür. Diese Stille wollen wir nicht, wir wollen Ruhe.“

Indra-Lena Kögler UX Designerin

Vertrauen durch Geräusch und Klang

Schaltet der Fahrer in einem leisen Elektroauto den Blinker ein, nimmt er ihn viel klarer und deutlicher wahr. Und so spielt der Sound auch für UX Designer eine zunehmend wichtigere Rolle. Die Mechanik ist das Spielfeld für das analoge Sounddesign. Auch sie kommuniziert, wie hochwertig etwas ist. „Die Sounds müssen den Erwartungen entsprechen und wiedergeben, was assoziiert wird“, sagt die 31-jährige Valentina Wilhelm.
„Ein Blinker ist zum Beispiel zu vergleichen mit dem Anstupsen einer Person, mit der man reden möchte“, sagt Indra-Lena Kögler. Da könne viel Vertrauen verloren gehen, wenn er falsch klingt, und viel Vertrauen aufgebaut werden, wenn er gut klinge. „Da schauen wir, wie der Lenkstockhebel am Lenkrad gestaltet ist und wie er mit dem Blinker zusammenspielt. Material, das hohe Geräusche erzeugt, kommt für uns nicht infrage.“ Sie legen Wert darauf, dass es satte Geräusche sind. Es gehe schließlich um qualitative Assoziation.

Damit ihre Arbeit ein einheitliches Bild ergibt, versucht das Team, die Designwerte von Volkswagen – etwa sympathisch, sinnlich oder innovativ – umzusetzen. Sympathie etwa bedeute für das Design, dass sich die Volkswagen Sounds an der Intonation der menschlichen Stimme orientieren.

Markenwerte und vorgegebene Tonalitäten haben großen Einfluss auf die Arbeit von Indra-Lena Kögler (r.) und Valentina Wilhelm (l.).

Bei ihrem Job haben die Designerinnen auch ein übergeordnetes Ziel im Blick – ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Elektroauto und Nutzer zu gestalten. „Ein Freund ist jemand, mit dem man gut kommunizieren kann“, sagt Indra-Lena Kögler. Das bedeute auch, schweigen zu können, weil man weiß, wie es dem anderen gerade geht. Für eine Erinnerung oder Warnung würde man diese Stille unterbrechen und ein Gespräch starten. Und so sei es auch mit dem Elektroauto. „Es ist nicht permanent am Plappern und gibt nur Hilfestellung, wenn es angebracht ist“, sagt sie. Und nach diesem Satz herrscht Stille, nicht Ruhe.