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Angriff der Pferdeschwänze

Zum Start der WM in Frankreich ist Frauenfußball präsenter denn je. Topspielerinnen wie Alexandra Popp fordern selbstbewusst die gebührende Anerkennung für ihren Sport.

Ein idyllischer Sonntag am Chiemsee. Im Golf Resort Achental bereitet sich die deutsche Frauen-Nationalmannschaft auf die Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich vor. Am Abend zuvor hat der FC Bayern das DFB-Pokalfinale in Berlin gewonnen, die allermeisten der besten deutschen Fußballerinnen haben sich das Spiel – ganz selbstverständlich – auf der Großleinwand im Aufenthaltsraum oder bei der Massage angesehen. „Wir gucken alle gerne Männerfußball“, sagt Spielführerin Alexandra Popp, 28, beim Interview auf der Hotelterrasse in Achental. Ob sie glaube, dass auch die DFB-Männer gerne Frauenfußball schauen? „Puh, schwer zu sagen“, sagt Popp und grinst.

„Wir brauchen keine Eier, wir haben Pferdeschwänze“

Alexandra Popp (2.v.li.) mit Teammitgliedern und dem neuen T-Roc. Seit Jahresbeginn ist Volkswagen Mobilitätspartner des DFB

In den letzten Wochen war der Frauenfußball in Deutschland mehr denn je in aller Munde. Dabei ging es weniger um die großen sportlichen Erfolge oder die Aussichten bei der anstehenden WM als um den gesellschaftlichen Status Quo, den der Spot eines DFB-Sponsors provokant thematisierte. Sein Slogan: „Wir brauchen keine Eier, wir haben Pferdeschwänze.“ Der Imagefilm war ein Hit im Netz. Anne Will retweetete begeistert „Hammer-Spot”, die Fußball-Plattform „onefootball.com“ kommentierte: „Ein charmant verpackter Mittelfinger für alle Vorurteile und Ressentiments, mit denen der Frauenfußball heute noch zu kämpfen hat.“ Selbst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der die DFB-Frauen noch am Vortag besuchte, um die Menschen in Deutschland wissen zu lassen, dass in wenigen Tagen eine WM der Frauen stattfinde, war angetan: „Der ist wirklich cool!“

Die unterschiedliche Wahrnehmung von Frauen- und Männerfußball in Deutschland ist nach wie vor groß – doch die Frauen machen selbstbewusster denn je dagegen mobil. Bestärkt durch weltweite Frauenbewegungen wie #Timesup wollen auch Fußballerinnen für ihren Sport den Status erreichen, der ihm längst gebührt. Und die Erfolge können sich sehen lassen. Zwischen 1995 und 2013 gewann das DFB-Team sechs EM-Titel in Folge, 2016 dann die olympische Goldmedaille. Neben den USA sind Deutschlands Fußball-Frauen die erfolgreichsten der Welt. Und unter den Vereinen spielen der FC Bayern und der VfL Wolfsburg seit Jahren um den Champions League-Titel vorne mit – der von Volkswagen unterstützte VfL Wolfsburg konnte Europas Spitzenklasse sogar bereits zweimal gewinnen.

Die USA machen Mut

Mit dem VfL Wolfsburg, bei dem sie seit 2012 spielt, holte Alexandra Popp fünfmal den deutschen Meistertitel

Mut macht der Nationalmannschaft dabei die langfristige Kooperation mit Volkswagen als neuem Mobilitätspartner des DFB. Sowie die positive Entwicklung in Ländern wie Dänemark, Norwegen oder den USA, dem aktuellen Titelverteidiger. Dort hat der Kampf um mehr Anerkennung bereits eine ungleich höhere Popularität des Frauenfußballs bewirkt. Im Vorfeld der WM habe auch ihr Team intensiv mit dem DFB Pläne beraten, um den Frauenfußball stärker ins Gespräch zu bringen, berichtet Popp. Ein wichtiger Punkt dabei: Synergien für beide Auswahlmannschaften. „Wenn man sieht, hey, unsere Männer stehen voll und ganz hinter uns und man würde den ein oder anderen Marketingtermin zusammenmachen, das wäre wichtig. Im Optimalfall von einer erfolgreichen WM unterstützt.“ Als Kapitänin ist sie da besonders gefordert – auf und neben dem Platz.

Alexandra Popp ist seit Jahresbeginn die neue Spielführerin des Nationalteams und damit Nachfolgerin von Dzsenifer Marozsán, die lange verletzt war.  Die 28-jährige ist lange dabei, hat mit 95 Länderspielen die zweitmeisten Einsätze und ist schon wegen ihrer Vielseitigkeit ein Vorbild in der Mannschaft. Die gelernte Stürmerin, die im DFB-Dress bisher 69 Tore erzielte, hat sich in den letzten Jahren zu einer Allrounderin entwickelt, wie es sie im Weltfußball ganz selten gibt. Sie kann im defensiven Mittelfeld spielen, im Champions League-Finale 2014 ging sie für Wolfsburg als Linksverteidigerin auf den Platz. „Ich bin sehr mentalitätsstark und kann die Mannschaft mit meiner Art Fußball zu spielen auf dem Feld sehr gut führen. Insofern bin ich das ideale Bindeglied zwischen Mannschaft und Trainerteam.“

Neues Niveau bei Technik und Schnelligkeit

Sie sei jemand, sagt Popp, der auf dem Platz auch mal laut werde, die sage was sie denke, auch wenn sie sich hinterher dafür entschuldigen müsse bei Mitspielerinnen oder Schiedsrichtern. Wenigstens da sind sich Frauen- und Männerfußball ganz ähnlich, glaubt Alexandra Popp. „Typen, die anecken, sind auf beiden Seiten selten.“ Will sie den Frauenfußball auf die nächste Stufe hieven, könnte ihr Temperament von Vorteil sein. Der Popp-Star des deutschen Frauenfußballs will nicht einfach akzeptieren, dass es angesichts der großen Popularität des Fußballs in Deutschland so schwer sein soll, die Frauen effektiver zu vermarkten. „Technisch spielen wir mittlerweile auf sehr hohem Niveau. Was sich am meisten entwickelt hat, ist die Schnelligkeit im Frauenfußball. Die kann man sehen.“

Ihr Ziel ist klar: „Dass jeder Fußball-Fan in Deutschland und anderswo die Namen und Gesichter der Spitzenspielerinnen kennt. Und dass jede Spielerin in den ersten Ligen vom Fußball leben kann.“ Den nächsten Impuls in diese Richtung wollen die DFB-Frauen nun in Frankreich setzen. Aber Alexandra Popp will noch mehr: „Wir sind in der Pflicht, den Frauenfußball nicht nur zur WM ins Gespräch zu bringen, sondern das auch nachhaltig zu schaffen.“ Auf dass jüngere Spielerinnen sich demnächst das breite öffentliche Interesse nicht mehr erarbeiten müssen, weil es längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

Am 8. Juni um 15 Uhr startet das DFB-Nationalteam – der zweimalige Weltmeister – gegen China in die WM. Das ZDF überträgt die Partie live.