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„Wir kommen beim Klimaschutz nicht schnell genug voran“

Im Weltwirtschaftsrat für Nachhaltige Entwicklung (Englisch: WBCSD) haben sich mehr als 200 Unternehmen zusammengeschlossen, um gemeinsam an Lösungen für eine nachhaltigere Welt zu arbeiten. Zu den Mitgliedern gehört auch Volkswagen. María Mendiluce ist beim WBCSD als Managing Director unter anderem für Klima und Energie, Städte und Mobilität sowie Programme zur Kreislaufwirtschaft verantwortlich. Im Interview spricht sie über die drängendsten Aufgaben und die Gefahren des Klimawandels.

Interview mit María Mendiluce

„Jedes Unternehmen muss sein Handeln überdenken – das betrifft das heutige Geschäft und die Art und Weise, wie das Geschäft in Zukunft funktionieren soll“, fordert María Mendiluce, Managing Director beim Weltwirtschaftsrat für Nachhaltige Entwicklung.

Frau Mendiluce, die Welt steht vor zahlreichen großen Umweltproblemen. Was bedeutet das für Unternehmen – müssen sie ihr Geschäft neu erfinden?

Jedes Unternehmen muss sein Handeln überdenken – das betrifft das heutige Geschäft und die Art und Weise, wie das Geschäft in Zukunft funktionieren soll. Die weltweiten Probleme zeigen klar, dass unsere heutige Wirtschaft nicht nachhaltig ist. Eine der grundlegenden Schwierigkeiten besteht darin, dass wir wirtschaftliche Kennzahlen bewerten, nicht aber soziale oder Umwelt-Größen. Das führt dazu, dass sich der Verbrauch natürlicher Ressourcen, der Ausstoß von Treibhausgasen sowie die Auswirkungen eines Unternehmens auf das Gemeinwesen nicht angemessen in den Bilanzen widerspiegeln. Unternehmen erzielen Gewinne – aber sie weisen nicht die externen Kosten für die Gesellschaft aus. Das müssen wir ändern.

Welche Probleme sind am drängendsten?

Der Klimawandel ist die bei weitem größte globale Herausforderung unserer Zeit. Wir brauchen mehr Tempo! Die Berichterstattung des Weltklimarats macht sehr deutlich, dass die Welt die Netto-Emissionen auf Null senken muss, wir müssen also genauso viele Emissionen entziehen wie wir ausstoßen. Staaten und Unternehmen sollten sich Netto-Emissionen von Null zum Ziel setzen, denn in scheiternden Gesellschaften werden sie nicht überleben. Mein Eindruck ist, dass viele führende Unternehmen die Dringlichkeit eines wirksamen Klimaschutzes verstanden haben. Insgesamt ist aber noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Wir brauchen mehr Taten – jetzt!

Wie kann die Zusammenarbeit im WBCSD dazu beitragen?

Wirksamer Klimaschutz funktioniert nur, wenn er Unternehmen über komplette Wertschöpfungsketten einbezieht. Der WBCSD bringt Unternehmen über Wertschöpfungsketten und Regionen hinweg zusammen, damit sie gemeinsam an den größten Herausforderungen für die Nachhaltigkeit arbeiten können. Die weltweite Kooperation trägt dazu bei, dass sie globale Megatrends, Best-Practice-Lösungen ihrer Industrie und Wechselwirkungen zwischen Systemen verstehen sowie unerwünschte Folgen des eigenen Handelns erkennen.

Das klingt recht abstrakt. Können Sie ein Beispiel nennen?

Die Geschichte ist voller Beispiele. Nehmen wir Lampenöl: Das stammte früher aus dem Walfang – bis man erkannte, dass die permanente Jagd das Überleben der Wale gefährdete. Also setzte man auf Erdöl – und schuf damit neue Probleme in Form klimaschädlicher Emissionen. Das historische Beispiel zeigt: Auch was gut gemeint ist, kann negative Folgen haben. Es geht aber nicht nur darum, durch enge Zusammenarbeit unbeabsichtigte negative Wirkungen zu vermeiden. Kooperation eröffnet auch wirtschaftliche Chancen: Heute arbeiten zum Beispiel viele Unternehmen daran, die Kreislaufwirtschaft zu erleichtern, bei der Abfälle oder Nebenprodukte des einen Unternehmens zu wertvollem Material für ein anderes Unternehmen werden können. Zum Beispiel lassen sich Gase aus der Stahlherstellung zur Produktion von Biokraftstoffen nutzen.

María Mendiluce ist beim WBCSD unter anderem für Klima und Energie verantwortlich. Sie sagt: „Aus meiner persönlichen Sicht ist die Erderwärmung die größte Bedrohung der Menschheit.“

Was raten Sie Automobilherstellern?

Die Transformation der Mobilität ist unvermeidlich. Elektromobilität, vernetzte Fahrzeuge und neue Mobilitätsdienste werden in Zukunft nicht mehr wegzudenken sein. Automobilunternehmen können diesen Wandel unumkehrbar machen. Das wird nicht einfach, denn die Transformation beeinflusst die Art und Weise, wie die Unternehmen wirtschaften und sie erfordert neue Fähigkeiten, um unter den veränderten Bedingungen erfolgreich zu sein. Meine Empfehlung ist, diese Einschränkungen zum Teil der Lösung zu machen – und sich davon nicht vom Handeln abhalten zu lassen. Viele Menschen erwarten von der Branche, dass sie saubere Autos für Millionen und nicht nur für Millionäre liefert.

Welche Chancen sehen Sie noch für nachhaltig handelnde Unternehmen?

Die größte Herausforderung für Städte und ihre Bürger ist heute der Verkehrsstau. Der Massentransport, verbunden mit Mobilitätsdiensten, Mikromobilität und Mobility Hubs, wird künftig neben dem traditionellen Verkehr bestehen. Wir müssen die neuen Beförderungsmittel miteinander verbinden, damit sich die Menschen effizient und bequem fortbewegen können. Ein anderer wichtiger Punkt ist der demografische Wandel. Bei einer immer älter werdenden Bevölkerung brauchen wir andere Mobilitätsangebote, um die Zugänglichkeit für Senioren zu verbessern.

Was wollen Sie persönlich als Umweltexpertin und Beraterin erreichen?

In den vergangenen Jahren hat sich bereits viel verändert – auch durch Unternehmen, die mutig vorangehen. Allerdings kommen wir beim Klimaschutz immer noch nicht schnell genug voran. Aus meiner persönlichen Sicht ist die Erderwärmung die größte Bedrohung der Menschheit. Wenn wir nicht schnell handeln, drohen dramatische, langfristige Folgen: Wir hinterlassen unseren Nachkommen eine Welt mit höheren Temperaturen und einem größeren Risiko von Wetterextremen. Ich will dabei helfen, dass immer mehr Unternehmen von der Erkenntnis zum Handeln kommen, vom Identifizieren der Hindernisse zum Entwickeln stabiler Lösungen, die den wirtschaftlichen, den sozialen und den Umwelt-Belangen gerecht werden. Ich will Unternehmen dabei unterstützen, für ein gemeinsames Ziel zu arbeiten, klimaneutral zu wirtschaften und langanhaltenden Wert für künftige Generationen zu schaffen.

  • Der Weltwirtschaftsrat für Nachhaltige Entwicklung

    (Englisch: World Business Council for Sustainable Development – WBCSD) hat mehr als 200 Mitgliedsunternehmen mit  Umsatzerlösen von zusammen mehr als 8,5 Billionen US-Dollar und 19 Millionen Mitarbeitern. Zu den Mitgliedsunternehmen gehört auch Volkswagen. Gemeinsames Ziel ist es, den Wandel zu einer nachhaltigeren Welt zu beschleunigen, in der nachhaltigere Unternehmen die erfolgreicheren Unternehmen sind.

  • María Mendiluce

    ist beim WBCSD als Managing Director für Klima und Energie, Städte und Mobilität sowie Kreislaufwirtschaft verantwortlich. Zu den Erfolgen ihrer bisherigen Laufbahn zählen Wirtschaftsinitiativen zur Senkung klimaschädlicher Emissionen und zur Vermeidung von Plastikmüll. In Spanien war sie 2007 Koordinatorin der ersten Strategie zur nachhaltigen Entwicklung.