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Volkswagen und seine britischen Wurzeln

Volkswagen und seine britischen Wurzeln

Vor 70 Jahren übergaben die Briten als Treuhänder das Wolfsburger Volkswagen Werk an die Bundesrepublik Deutschland. Der Zeitpunkt markierte den Ursprung des Volkswagen Aufstiegs im Nachkriegsdeutschland und darüber hinaus.

Der britische Major Ivan Hirst erkannte die Möglichkeiten des Volkswagen Werks und stellte die Weichen für die Erfolgsgeschichte des Wolfsburger Werks

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs standen die alliierten Siegermächte im Sommer 1945 vor der großen Herausforderung, die Ernährung der deutschen Bevölkerung in ihren Besatzungszonen sicherzustellen und für Wohnraum, Heizmaterial und Kleidung zu sorgen. Gleichzeitig mussten sie entscheiden, was mit den verbliebenen Industrieanlagen geschehen sollte. Einer dieser Fabriken war das Volkswagen Werk in Wolfsburg.

Nach der Befreiung der Stadt durch amerikanische Truppen am 11. April 1945 hatte das Werk zunächst auf der Demontageliste der alliierten Siegermächte gestanden. Doch als die britische Militärregierung im Juni 1945 in die Besatzungszone eintrat und die Fabrik beschlagnahmte, wurde schnell deutlich, welche Nutzungsperspektiven es noch für die Zukunft bot. Wirtschaftlich schwer angeschlagen, entschieden die Briten das Werk als Treuhänder zu verwalten und bis zur Rückgabe an die Bundesrepublik Deutschland am 8. Oktober 1949 zu einem internationalen Automobilbaustandort umzubauen. Einer der zentralen Figuren dabei war der britische Major Ivan Hirst.

Die Briten stellen die Weichen für die Zukunft des Volkswagen Werks

1945 geht die Zuständigkeit für das Volkswagenwerk auf die britische Militärregierung über, die das Unternehmen gemäß Kontrollratsgesetz Nr. 52 beschlagnahmt hat und bis zur Übergabe in deutsche Hand treuhänderisch verwaltet

Zunächst nur als Reparaturwerkstatt für Militär- und Transportfahrzeuge genutzt, erkannte er als Erster die Möglichkeiten, die der Aufbau einer zivilen Fahrzeugproduktion in dem fast völlig zerstörten Werk bot – und ließ dafür kriegsbedingt ausgelagerte Maschinen und Lagerbestände wieder ins Werk zurückholen. Die Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf, als er in der Fabrik einen alten Käfer entdeckte und diesen ans britische Hauptquartier schickte.

Begeistert vom Fahrzeug, bekam das Volkswagen Werk am 22. August 1945 von dort den Auftrag, 20.000 Autos für die Britische Militärverwaltung zu fertigen. Nur zwei Wochen später wurde dieses Programm auf 40.000 Wagen verdoppelt. Mit dem Start der zivilen Serienfertigung nur wenige Monate später am 27. Dezember 1945 nahm das Werk in Wolfsburg damit als erste Automobilfabrik in Deutschland die Produktion nach dem Krieg wieder auf. Das erste Ziel: 1.000 Autos im Monat zu produzieren.

Am 22. August 1945 bekam das Volkswagen Werk am 22. August 1945 von den Briten den Auftrag, 20.000 Autos für die Britische Militärverwaltung zu fertigen. Hier sind die ersten nach Kriegsende gebaute Limousinen mit Kübelwagenfahrgestell zu sehen

Keine leichte Aufgabe: Denn wegen der wirtschaftlichen Lage stellte nicht nur die Beschaffung von Material und Brennstoff für das Kraftwerk ein großes Problem dar. Auch das Rekrutieren von Arbeitskräften war ein potentielles Hindernis auf dem Weg zu einem erfolgreichen Automobilunternehmen. Damit sie überhaupt arbeiten konnten, versorgte Volkswagen die Werksarbeiter und Angestellten deshalb schon früh mit dem Notwendigsten und ließ auf dem Werksgelände Getreide anbauen. Und: Hatte die britische Militärverwaltung bereits im Sommer 1945 eine Belegschaftsvertretung eingesetzt, fanden im November 1945 schließlich auch die ersten demokratischen Wahlen für einen Betriebsrat statt.  

Die Basis fürs internationale Exportgeschäft wird geschaffen

1946 feierte das Werk die Produktion von 1000. Volkswagen im Monat und das Jubiläum des 10.000 Volkswagen überhaupt

Planvoll und systematisch setzten die Briten in den nächsten Monaten weitere Maßnahmen zur Verbesserung der Bedingungen um und errichteten eine effektive Handelsorganisation mit Fokus auf Vertrieb und Service. Beispiel Qualitätskontrolle: Ab dem Jahr 1946 – als schon das 10.000. Fahrzeug Jubiläum feierte und das Produktionsziel von 1.000 Wagen im Monat erreicht wurde – schulte die neu eingerichtete Abteilung Kundendienst deutsche und englische Werkstattmitarbeiter in der Wartung und Reparatur von Fahrzeugen. Zudem schufen die Briten mit einem Netzwerk aus 10 Großhändlern und 28 ihnen unterstellten Händlern in der gesamten britischen Zone sowie einem Hauptverteiler in Berlin die entscheidenden Weichen für den Aufbau des Exportgeschäfts ab dem Jahr 1947. Erstmals wurden Volkswagen Fahrzeuge auch außerhalb Deutschlands verkauft – die Basis für den internationalen Aufstieg des Unternehmens.

Im Jahr 1947 werden die ersten Export-Fahrzeuge übergeben

Mit der Export-Limousine bot Volkswagen ab Sommer 1947 dazu eine Premium-Version des Volkswagen Käfer (Typ 1), die auch für deutsche Kunden attraktiv war. Das verdeutlichten auch die Produktionszahlen: Innerhalb von zwei Jahren haben sie sich fast verdoppelt. 1948 verließen gut 19.000 Wagen die Wolfsburger Fabrik, von denen ein Viertel ins Ausland verkauft wurden. Zudem fertigte Volkswagen nun auch Ersatzteile zur Reparatur gebrauchter Wagen. Die Einführung der Währungsreform am 20. Juni 1948 ermöglichte Volkswagen einen weiteren Wachstumsschub. So stieg die Produktion im Jahr darauf sogar auf mehr als 46.000 Wagen – und erreichte im Jahr 1950 schließlich 81.000 Limousinen und 8.000 ebenfalls im Werk gefertigten Transporte.

Rückgabe des Volkswagen Werks an die Bundesrepublik Deutschland

Als am 8. Oktober 1949 die britische Militärregierung die Treuhänderschaft über die Volkswagen Werk GmbH in die Hände der Bundesregierung legte und die Bundesregierung ihrerseits das Land Niedersachsen mit der Verwaltung beauftragte, befand sich Volkswagen so bereits in einer „Pole Position“ beim Start ins sogenannte Wirtschaftswunder. Heute, 70 Jahre später, hat sich Volkswagen zum weltgrößten Autobauer entwickelt und steht exemplarisch für den beispiellosen Aufstieg Deutschlands von einem kriegszerstörten Land zu einer weltweit führenden Industrienation.