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„Wir können die Klimaziele erreichen - unser Wille entscheidet“

Interview mit Prof. Volker Quaschning


Volker Quaschning ist Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Zugleich ist er Mitinitiator der Scientists for Future, die sich für einen wirksamen Klimaschutz einsetzen. Im Interview spricht er über die Gefahren der Erderwärmung – und er erklärt, wie ein nachhaltiger Autoverkehr aus seiner Sicht funktionieren kann.

Sie wollten gern, dass dieses Gespräch telefonisch stattfindet – wegen der besseren CO₂-Bilanz. Warum liegt Ihnen das so am Herzen?

Für wirksamen Klimaschutz braucht es einerseits staatliche Vorgaben – aber andererseits müssen wir auch unser Verhalten ändern. Das betrifft zum Beispiel die Urlaubsbuchung, den Fleischkonsum und auch vermeidbare Fahrten zu beruflichen Terminen. Im Fall dieses Interviews ist es ja so, dass wir mit einem Telefongespräch das gleiche Ergebnis erreichen können wie mit einem persönlichen Treffen. Wir vermeiden also CO₂-Emissionen ohne irgendeinen Nachteil in Kauf nehmen zu müssen.

Wie groß ist der Effekt?

Das kommt auf den Einzelfall an. Bei einem früheren Interview habe ich ausgerechnet, dass Hinfahrt und Rückfahrt zwischen Frankfurt und Berlin rund 50 Kilogramm CO₂ verursachen – wenn man mit dem Zug unterwegs ist. Mit dem Auto ist es erheblich mehr.

(Zum Vergleich: Die jährlichen CO₂-Emissionen pro Kopf liegen in Deutschland bei 8.600 Kilogramm – Hinweis der Redaktion)

„Wenn wir die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen wollen, dann müssen wir sofort handeln.“

Prof. Volker Quaschning Energieexperte an der HTW Berlin

Als Mitglied der Scientists for Future mahnen Sie immer wieder zur Eile. Wieviel Zeit bleibt noch, um die Klimaziele von Paris zu erreichen?

Wenn wir die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen wollen, dann müssen wir sofort handeln. Schon heute liegt die globale Durchschnittstemperatur um 1 Grad über der vorindustriellen Zeit. Und der Anstieg setzt sich fort. Um das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen, müssen wir in Deutschland in spätestens 20 Jahren klimaneutral sein. Das bedeutet: Wir dürfen kein Öl, keine Kohle, kein Erdgas mehr verbrennen.

Und wenn wir das Ziel verfehlen?

Die Erderwärmung ist ein schleichender Prozess. Natürlich ist es nicht so, dass bei 1,5 Grad die Welt noch in Ordnung ist und bei 1,51 Grad bricht das Chaos aus. Aber: Jeder Anstieg verschlechtert die Lebensbedingungen auf der Erde. Im schlimmsten Szenario steigt die weltweite Durchschnittstemperatur bis zum Ende des Jahrhunderts um vier bis fünf Grad. Das entspricht der Veränderung seit der letzten Eiszeit vor 20.000 Jahren. Damals lag Berlin unter einer 200 Meter dicken Eisschicht. Das zeigt die Dramatik.

Was wären die Folgen einer ungebremsten Erderwärmung?

Große Gebiete der Erde wären unbewohnbar, weil es dort unerträglich heiß wäre. Gleichzeitig würde der Meeresspiegel deutlich steigen. Bis zu 70 Meter sind langfristig möglich, bis zu 2 Meter in diesem Jahrhundert. Insgesamt wären damit die Lebensräume von mehreren Milliarden Menschen verloren. Man stelle sich vor, eine solche Zahl von Menschen müsste innerhalb eines Jahrhunderts umgesiedelt werden. In Deutschland haben wir gerade erlebt, dass schon eine Million Flüchtlinge gesellschaftliche Verwerfungen auslösen können. Die Situation würde noch durch Probleme in der globalen Nahrungs- und Trinkwasserversorgung verschärft. Einige Studien gehen deshalb davon aus, dass ein ungebremster Klimawandel zu so starken kriegerischen Auseinandersetzungen führt, dass unsere Zivilisation vollständig zerstört wird.

Was sind Ihre wichtigsten Forderungen als Wissenschaftler?

Wir haben die Technik und die finanziellen Möglichkeiten, um die Klimaziele zu erreichen. Wir müssen es nur angehen und sofort handeln. Unser Wille entscheidet. Ich stelle mir immer vor, der Dachstuhl unseres Hauses würde brennen. Was würden wir dann tun? Mit Sicherheit aus allen verfügbaren Schläuchen löschen. So muss es auch beim Klimaschutz sein. Mit ein paar Eimern Wasser verlangsamen wir vielleicht das Abbrennen – aber wir können unser Haus nicht retten.

Eine wichtige Rolle für den Klimaschutz spielt der Verkehrssektor. Wie kann klimafreundliche Mobilität aussehen?

Ich sehe zwei große Herausforderungen. Erstens: In Ländern wie Deutschland müssen wir die Zahl der Autos pro Kopf mindestens halbieren. Würden wir unser heutiges System auf alle Länder übertragen, dann wären weltweit mehr als vier Milliarden Autos in Betrieb. Das ist nicht zu verkraften. Für Autohersteller wie Volkswagen bedeutet das: Sie müssen nicht unbedingt weniger Fahrzeuge verkaufen als heute – aber anderswo. Zum zweiten müssen die verbleibenden Autos komplett emissionsfrei unterwegs sein. Das kann nur mit alternativen Antrieben gelingen.

„Im Pkw-Bereich sind Elektroautos mit Batterien eindeutig die beste Lösung für den Klimaschutz“

Prof. Volker Quaschning Energieexperte an der HTW Berlin

Gerade in Deutschland wird heftig diskutiert, ob es beim klimaneutralen Auto realistische Alternativen zum E-Antrieb gibt. Wie ist Ihre Einschätzung?

Aus meiner Sicht gibt es keine vernünftige Alternative. Klar ist: Mit herkömmlichen Dieselfahrzeugen oder Benzinern ist Klimaneutralität in keinem Fall erreichbar. Auch die Diskussion über Biokraftstoffe aus Pflanzen hat von Anfang an in die Sackgasse geführt. Schon mit einem einfachen Dreisatz lässt sich ausrechnen, dass die verfügbaren Anbauflächen nicht ausreichen. Sunfuels sind wegen der hohen Kosten ebenfalls ein absolutes Nischenprodukt. Damit bleiben nur zwei Wege, die für eine nachhaltige Mobilität grundsätzlich in Frage kommen: Elektroantriebe mit Batterien oder Wasserstoff. Meine Einschätzung: Im Pkw-Bereich sind Elektroautos mit Batterien eindeutig die beste Lösung für den Klimaschutz.

Warum?

E-Autos nutzen die eingesetzte Energie deutlich effizienter als Wasserstoff-Fahrzeuge. Für den Betrieb eines Wasserstoffautos braucht es deshalb zwei- bis dreimal so viele Solaranlagen oder Windräder wie für den Betrieb eines E-Autos. Schon heute kommen wir in Deutschland beim Ausbau der Windenergie nur sehr langsam voran. Umso größer wären die Schwierigkeiten, eine Wasserstoffökonomie aufzubauen. Und der Import von Wasserstoff im großen Stil dürfte auf absehbare Zeit kein realistisches Szenario sein. Deshalb kommt der Wasserstoffantrieb vor allem dort in Frage, wo sehr lange tägliche Fahrtstrecken unvermeidbar sind. Beispiele sind der Bahn- und der Güterfernverkehr.

Was muss passieren, damit die E-Mobilität schnell zum Erfolg wird?

Wir brauchen einen klaren Plan – zum Beispiel nach dem Vorbild Norwegens. In Oslo gibt es eine hohe Citymaut für Autos mit Verbrennungsmotoren. Das ist zwar ein drastischer Schritt. Aber mit Kaufprämien allein wird der Umstieg nicht schnell genug gelingen. Wir brauchen außerdem ein massives Ausbauprogramm für Ladesäulen im öffentlichen Raum. Es ist ja so: Wer sein E-Auto zuhause laden kann, der hat mit den heutigen Reichweiten überhaupt kein Problem. Man lädt das Fahrzeug während der Standzeiten auf und startet jeden Tag mit voller Batterie. Abgesehen von wenigen Urlaubsfahrten reicht das vollkommen aus. Ein Problem haben dagegen Autofahrer ohne eigenen Stellplatz. Für die brauchen wir wesentlich mehr Ladepunkte. Gleichzeitig würde ich mir von den Autoherstellern wünschen, dass sie den Wechsel zur E-Mobilität noch radikaler angehen. Die Welt wird bald elektrisch fahren – egal, was wir in Deutschland tun. Darauf sollten sich die Unternehmen auch im eigenen Interesse einstellen.

Seit langem sind sich wichtige Länder beim Klimaschutz nicht einig. Was erwarten Sie von der Klimakonferenz in Madrid?

Ich rechne nicht mit großen Beschlüssen. Nach dem angekündigten Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen ist die Lage schwierig. Außerdem ist Madrid ohnehin eher eine Zwischenkonferenz – entscheidende Anstöße erhoffe ich mir im kommenden Jahr. Ich muss aber dem falschen Eindruck widersprechen, dass sich international beim Klimaschutz nichts tut. Ein gutes Beispiel ist China, wo die E-Mobilität viel schneller vorankommt als bei uns. Komplette Großstädte wurden dort schon mit Elektrobussen ausgestattet. Wir dagegen durchschneiden ein rotes Band, wenn auch nur ein neuer E-Bus übergeben wird. Beim Ausbau erneuerbarer Energien ist China ebenfalls die Nummer eins – deutlich vor Deutschland.

  • Prof. Volker Quaschning

    • Volker Quaschning ist seit 2004 Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin. Sein Fachgebiet: Regenerative Energiesysteme.
    • Zuvor war er Projektleiter für solare Systemanalyse beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. In seiner Habilitation setzte er sich mit den Strukturen einer klimaverträglichen Energieversorgung auseinander.
    • Quaschning ist Mitbegründer der Scientists for Future, die den internationalen Protest für besseren Klimaschutz und Aktionen wie den Klimastreik unterstützen.
    • Unter volker-quaschning.de betreibt er ein unabhängiges Portal zu erneuerbaren Energien und Klimaschutz.
    • 2012 und 2018 erhielt er den Preis für erfolgreiche Wissenschaftskommunikation der HTW Berlin.