„Sicher kein Urwaldholz“

Jeder fünfte Baum weltweit wird für die Papierherstellung gefällt. Um die natürliche Ressource Holz vor Raubbau zu schützen, zeichnet das Forest Stewardship Council (FSC) Produkte aus nachhaltiger Forstwirtschaft aus. Für den Druck seines Nachhaltigkeitsberichts 2007 wählte der Volkswagen Konzern aus diesem Grunde FSC-zertifiziertes Papier. Joachim Erb, Geschäftsführer des Druckdienstleisters Medialogik, erklärt, was das für sein Unternehmen und unsere Wälder bedeutet.

Das FSC-Zertifikat zeichnet Papier aus verantwortungsvoll bewirtschafteten Wäldern aus. Warum haben Sie sich 2003 zertifizieren lassen?

Aus persönlichen Gründen: Ein Verwandter, der Forstwissenschaft studierte, brachte mich auf die Idee. Wir führten mehrere Gespräche mit dem FSC Deutschland und dem WWF Deutschland. Dann war klar: Die FSC-Zertifizierung ist ein anspruchsvolles, aber glaubwürdiges Werkzeug zur „unbedenklichen“ Materialbeschaffung. FSC-zertifizierte Wälder stellen einen Kompromiss aus ökonomischen, sozialen und ökologischen Interessen dar und sind damit ein Beispiel für zukunftsfähiges Wirtschaften für Umwelt und Menschen. Der in diesem Zusammenhang häufig gebrauchte Ausdruck „Nachhaltigkeit“ stammt übrigens ursprünglich aus der Waldwirtschaft, wo er schon im 16. Jahrhundert geprägt wurde. Wir waren im Jahr 2003 der zweite Druckdienstleister in Deutschland mit diesem Standard. Es gab noch keinen zertifizierten Großhändler und die Materialbeschaffung war extrem schwierig. Wir mussten das Material in kleinen Mengen direkt bei den entsprechenden Papierfabriken europaweit einkaufen und heranfahren. Die Situation hat sich mittlerweile erheblich verbessert. Es gibt ca.150 Duckbetriebe und Großhändler mit einem FSC-Zertifikat in Deutschland.

Wie wird die Einhaltung der FSC-Standards garantiert?

Unabhängige Zertifizierungsunternehmen überprüfen die Einhaltung der FSC-Standards in jährlichen Audits. Sie untersuchen, ob der Materialfluss in unserer Struktur gesichert und protokolliert ist. Unsere Vorlieferanten werden unabhängig von uns überprüft. Haben alle an der Prozesskette beteiligten Unternehmen eine entsprechend gültige Zertifizierung, dürfen die Produkte das FSC-Siegel tragen.

 

Warum ist FSC noch nicht Standard für Druckerzeugnisse? Liegt es an den Kosten für zertifziertes Papier?

Ein großer Teil der Rohstoffe für die Zellstoffindustrie stammt aus Plantagenanbau. Da die Waldwirtschaft aber ein sehr langsamer Prozess ist, dauert es Jahre, bis aus einer abgeernteten Plantagenfläche statt einer neuen Plantage wieder ökologisch wertvolle Waldfläche wird, wie es das FSC-Protokoll verlangt. Die Folge ist, dass zertifizierte Produkte nicht in gleichem Ausmaß verfügbar sind, wie qualitativ vergleichbares Material ohne Zertifikat. Sie sind daher in der Regel etwas teurer. Hinzu kommen administrative Kosten. Es gibt aber auch Papierfabriken, die ihr FSC-Material zum selben Preis anbieten können. Trotz des relativ höheren Aufwandes ist die Entwicklung in den letzten zwei Jahren sehr positiv. Im Bereich der umweltsensiblen Produkte ist FSC in naher Zukunft vermutlich unumgänglich.

Der Volkswagen Nachhaltigkeitsbericht trägt das Siegel „FSC MIX“. Was verbirgt sich hinter dieser Bezeichnung?

„MIX“ bedeutet, dass ein gewisser Prozentsatz im Bedruckstoff aus FSC-zertifizierten Wäldern stammt und die anderen Zellstoffe aus geprüften Wäldern. Das schließt unter anderem die Verwendung von Raubholz aus und garantiert Sozial- und Arbeitssicherheits-Standards der Waldarbeiter. Das heißt, auch wenn der FSC-Anteil relativ gering ist, kann man sicher sein, kein Urwaldholz zu verbrauchen.

Welche anderen Zertifikate werden in der Papierbranche vergeben? Was verbirgt sich hinter diesen Siegeln?

Der „Blaue Engel“ ist Deutschlands bekanntestes Siegel. Leider schließt der „Blaue Engel“ nicht unbedingt aus, dass Raubholz in die Produktion gelangt. Es könnte zum Beispiel billiges Zeitungsdruckpapier aus weißrussischem Raubholz importiert werden und ohne Bedruckung direkt ins Recycling fließen, wo es dann mit einem Umweltsiegel wiedergeboren wird. Der FSC International hat ein Recycling-Label, das derartige „Pre-Consumer-Materialien“ ausschließt. Das FSC-Recycling-Label findet in Deutschland aber neben dem etablierten „Blauen Engel“ keine große Bedeutung.

Der PEFC – Standard (Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes) ist ein durch die Holzindustrie etablierter Standard, der in seinen Grundsätzen ähnlich wie der FSC durch unabhängige Zertifizierer geprüft wird. Er sieht aber, anders als die FSC Zertifizierung, die von einer Sozial-, Umwelt und Wirtschaftskammer überwacht wird, keinerlei Mitspracherecht der Umweltschutzverbände vor.

 

Welche Perspektive gibt es für die Druck- und Papierbranche, in Zukunft nachhaltiger zu wirtschaften? Wohin sollte sich die Branche entwickeln?

Natürlich gibt es Faktoren, die FSC nicht direkt beeinflussen kann. Mineralölfreie Druckfarben, Ökostrom, bedarfsorientierte Produktionsmöglichkeiten, Reduzierung von Abfall oder Reduzierung der CO2-Emisson sind weitere Möglichkeiten, um die Druckindustrie sauberer zu machen. Papier ist und bleibt noch für lange Zeit ein bedeutender Informationsträger. Vermutlich besteht der beste Umweltschutz darin, kritisch zu hinterfragen, ob eine Information aus umweltverantwortlicher Sicht wert ist, gedruckt zu werden. Als Druckereibesitzer sitze ich in dieser Hinsicht zwischen zwei Stühlen. Oder um im Wald zu bleiben: Sägen am eigenen Ast birgt natürlich auch Risiken!


Presse-Information zur „papervision“ der Umweltschutzverbände