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Motivations-Coaching

Interview mit VfL Wolfsburg-Chefcoach Bruno Labbadia

Bruno Labbadia – Top-Stürmer, 103 Treffer in 323 Erstligapartien, zweifacher deutscher Meister, Pokalsieger; als Trainer vielfach gefeierter Retter in höchster Abstiegsnot. Einer, der scheinbar Unmögliches möglich macht. Noch Fragen? Ja, und zwar ganz grundsätzliche: Wie motiviert man sich und sein Team, wenn scheinbar die ganze Welt gegen einen steht?

Herr Labbadia, spätestens seit der WM in Russland haben Schlagworte wie „Motivation“, „Mentalität“ und „innere Einstellung“ im Fußball Hochkonjunktur. Aus Ihrer Erfahrung als Spieler und Chefcoach: Wie definieren Sie diese Begriffe?

Bruno Labbadia: Das sind alles sehr starke Worte, die heute nach Niederlagen oftmals in den Raum gestellt werden. Ich für mich sehe das so: Du brauchst „Mentalität“, du musst motiviert sein, aber in erster Linie muss die Grundlage stimmen, sonst machst Du keinen Stich. Das heißt: Wir Trainer und Verantwortliche müssen erst mal die Rahmenbedingungen schaffen. Wenn das gelungen ist, dann werden die Spieler auch die Mentalität auf den Platz bekommen können.

Welche Rahmenbedingungen meinen Sie damit?

Bruno Labbadia: Alle im Team sollen wissen, was von Ihnen erwartet wird, das Ziel kennen – und den Weg dorthin. Warum handhaben wir bestimmte Dinge so, welcher Plan steckt dahinter, was passiert, wenn einer aus der Reihe tanzt. Eine Mannschaft funktioniert nur, wenn es einen klaren, verbindlichen Rahmen gibt – das verhält sich bei einem Fußballteam nicht anders als in einer Familie oder einem Unternehmen.

Man muss in meiner Position sehr genau beobachten, welche Art von ‚Betreuung‘ welche Persönlichkeit gerade benötigt – und dann Entscheidungen im Sinne der Mannschaft treffen.

Bruno Labbadia VfL Wolfsburg-Chefcoach

Demnach sind Sie als Chefcoach quasi der „Abteilungsleiter“?

Bruno Labbadia: (lacht) Nun ja, das wäre dann wohl der Spielführer. In der Rolle des Trainers bist Du eher der Unternehmer selbst. Immerhin trägt man nicht nur Verantwortung für den Kader, sondern für den gesamten Staff drum herum. Beim VfL Wolfsburg sind das inklusive der Spieler gut und gerne 60 Personen, zum Beispiel unsere Physiotherapeuten. Die spielen eine ganze wichtige Rolle, sind manchmal sogar Seelsorger, weil ihnen die Jungs das eine oder andere auch anvertrauen. Gleichzeitig ist es wichtig, sie alle in die Pflicht zu nehmen. Ich habe mal erlebt, dass nach einem 0:2 Rückstand in der Halbzeitpause Mitarbeiter der Medienabteilung wie der sprichwörtliche Schluck Wasser in der Kurve hingen. Da bin ich dann hinterher ziemlich direkt geworden: „Leute, das geht so nicht, ihr müsst genauso mitziehen wie die Jungs auf dem Feld.“ Man kann festhalten: Umso besser diese „zweite Mannschaft“ um die eigentliche Mannschaft herum funktioniert, umso besser die Stimmung – und dann hoffentlich die Ergebnisse.

Gute Kommunikation ist also ein Schlüssel zum Erfolg und zu mehr Motivation?

Bruno Labbadia: Absolut, wie ich eingangs sagte: Die Teammitglieder erwarten, dass man sie mitnimmt und wichtige Themen mit ihnen bespricht. Auf der anderen Seite gibt es einen großen Unterschied zwischen einer Fußballmannschaft und einer Firma, den mir ein Vorstandsvorsitzender mal sehr bildlich vor Augen geführt hat. Er sagte: „Herr Labbadia, wenn ich mir Ihren Job so anschaue und ihn mit meinem vergleiche: Sie müssen sich jedes Wochenende einer Bilanzpressekonferenz stellen.“ Und da hat er vollkommen recht: Unser Sport ist extrem schnelllebig – in einer einzigen Woche kann unglaublich viel passieren, sodass man gewisse Dinge nicht strategisch planen kann. Abgesehen davon ist die Emotionalität im Fußball eine ganze andere als in der Unternehmenswelt.

Bruno Labbadia, VfL Wolfsburg-Chefcoach
Seit 20. Februar 2018 leitet Bruno Labbadia als Chefcoach die Geschicke des Bundesliga-Erstligisten VfL Wolfsburg. Der 1966 geborene Labbadia blickt auf eine 19-jährige Profikarriere zurück, wobei er in seiner Position (Sturm) mit dem 1. FC Kaiserslautern (1991) und dem FC Bayern München (1994) deutscher Fußballmeister wurde. Seit 2003 arbeitet der gebürtige Darmstädter als Trainer und rettete neben dem Hamburger SV auch den VfB Stuttgart und zuletzt den VfL Wolfsburg erfolgreich vor dem Abstieg in die zweite Fußball-Bundesliga.

Trotzdem gibt es in einer Firma wie im Fußball auch „Mitarbeiter“ mit riesigem Talent, aber mangelnder Disziplin. Wie gehen Sie mit solchen „Problemfällen“ um?

Bruno Labbadia: Erst mal schadet es nicht, wenn man früher selbst Fußballer war. Das hilft, sich besser in die Jungs hineinzuversetzen und deren Gedankengänge nachzuvollziehen. Generell ist das Verhältnis zwischen Spieler und Coach eine ziemlich komplexe Sache: Man muss in meiner Position sehr genau beobachten, welche Art von „Betreuung“ welche Persönlichkeit gerade benötigt – und dann Entscheidungen im Sinne der Mannschaft treffen. Ich habe auch schon zu einem Spieler gesagt: „Du bist ein ziemlicher Idiot, aber ich stell’ dich heute trotzdem auf den Platz, weil du der Mannschaft hilfst.“ Der Trainer sollte nicht erwarten, dass alle so sind oder werden wie er selbst. Ein Team lebt von der Unterschiedlichkeit seiner Charaktere: dort der emotionale Typ, hier der abgezockte und so weiter.

Unser Sport ist extrem schnelllebig – in einer einzigen Woche kann unglaublich viel passieren, sodass man gewisse Dinge nicht strategisch planen kann.

Bruno Labbadia VfL Wolfsburg-Chefcoach

Und wenn sich beim VfL mal einer zu viel herausnimmt, muss er neuerdings den Abwasch erledigen …?

Bruno Labbadia: (lacht) Das kann durchaus passieren – was solche Erziehungsmaßnahmen angeht, bin ich bisweilen sehr kreativ. Klar gibt es beim VfL Geldstrafen für bestimmtes Fehlverhalten, doch manchmal ist es wirksamer, wenn Spieler zum Beispiel nach unserem gemeinsamen Essen abwaschen oder vor den Augen der anderen die Tische abräumen. Da sind wir wieder beim Thema Rahmenbedingungen. Wer gegen den vereinbarten Verhaltenskodex verstößt, muss mit den Konsequenzen leben.

Wie stehen Sie eigentlich zu der Frage, ob ein Fußballteam heute einen Mentalcoach braucht?

Bruno Labbadia: Generell stehe ich solchen neuen Ansätzen immer offen gegenüber. Wenn man sich solche Spezialisten ins Team holt, dann muss man aber a) eine individuelle Betreuung der Spieler sicherstellen und sollte b) langfristig an die Sache herangehen. Nur in Schwächeperioden wird das nicht viel bringen – ich bin kein Freund von „Hand auflegen und alles wird besser“.

Schwierige Situationen lassen dich unglaublich wachsen – wenn du bereit bist, das anzunehmen.

Bruno Labbadia VfL Wolfsburg-Chefcoach

Wenn Sie auf Ihre Karriere blicken – was würden Sie sagen: Haben Sie aus Ihren Siegen mehr gelernt oder aus Ihren Niederlagen?

Bruno Labbadia: Schwierige Situationen lassen dich unglaublich wachsen – wenn du bereit bist, das anzunehmen. Beispiel Abstiegskampf: Da lasten ja als Chefcoach nicht nur die Erwartungen des Vereins auf deinen Schultern, sondern die einer ganzen Stadt. Um dich herum herrscht in der Regel totale Hektik – davon darf man sich nicht anstecken lassen und muss Stärke zeigen. Am Ende hat man in so einer Situation höchstens eine oder zwei Patronen. Dieser Druck ist wirklich enorm. Und trotzdem kam mir nach meiner ersten erfolgreichen „Rettung“ die Erkenntnis, dass mich diese Erfahrung letzten Endes zu einem kompletteren Trainer, einem kompletteren Menschen gemacht hat. Dass mir die Medien dann irgendwann einen bestimmten Stempel aufgedrückt haben, dagegen wehre ich mich nicht. Ich für meinen Teil weiß ja: Ich kann beides – Abstiegskampf und internationale Klasse. Trotzdem macht Letzteres natürlich deutlich mehr Spaß (lacht).

Stichwort Druck: Legendär ist Ihre „Wutrede“ nach einem Unentschieden mit dem VfB Stuttgart gegen Bayer 04 Leverkusen aus dem Jahr 2012. Darin haben Sie – um es mal förmlich auszudrücken – den berühmtesten Satz aus Goethes Götz von Berlichingen auf Ihre ganz eigene Weise interpretiert. Wie motiviert man sich als Trainer, wenn die Kritik aus der Öffentlichkeit gewisse Grenzen überschreitet?

Bruno Labbadia: In dem Fall war das Fass schlichtweg voll. Ich hatte den VfB in einer desolaten Lage übernommen, anschließend in die Europa League geführt – und trotzdem hagelte es eine Schelte nach der anderen. Da musste ich mal eine klare Ansage machen und eine Lanze brechen für alle Trainer, die ja gern als Mülleimer der Nation benutzt werden. Obwohl meine Rede damals aus dem Bauch heraus kam, war die „sprachliche Spitze“ durchaus bewusst eingestreut; das bringt die Leute vielleicht dazu, doch genauer hinzuhören. Was das Ganze aber so ärgerlich macht, ist vielmehr die Frage, wie sich derart harsche öffentliche Kritik auf deine Familie auswirkt? Wenn die Kinder in der Zeitung lesen müssen, wie ihr Vater öffentlich runtergebuttert wird? Da können Sie Berufliches und Privates gar nicht trennen, weil der Fußball omnipräsent ist. Keine einfache Sache für alle Beteiligten. Ich persönlich habe jedenfalls genug Erfahrung und Selbstwertgefühl, dass ich akzeptieren kann: Zu jedem Hoch gehört auch ein Tief, das wird immer so sein.

Motivieren Sie solche Erlebnisse, auch sich selbst immer weiter anzutreiben?

Bruno Labbadia: Das pusht schon enorm, keine Frage. Allerdings – und das ist im Prinzip der Kern der Sache: Die größte Motivation liegt immer in einem selbst. Jeder Mensch hat seinen individuellen Antrieb. Ich für meinen Teil weiß sehr genau, warum und für wen ich das alles auf mich nehme. Als Trainer ist es genau mein Job, diesen Antrieb bei jedem Spieler zu finden und herauszuarbeiten.

Das Interview mit Bruno Labbadia führte Fleet Magazine Chefredakteur Markus R. Groß