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Carsharing auf dem Dorf

Die letzten Takte des Gospel-Gesangs sind gerade verklungen, als sich ein kräftiger Mann zu seinem Sitznachbarn herüber beugt und flüstert: Ich habe da etwas über Sie gelesen in der Zeitung – lassen Sie uns das zusammen machen! Vier Wochen zuvor hat Volkswagen Händler Wolf Warncke der Wochenzeitung „Die Zeit“ gesagt, dass er sich durchaus einen Verleihservice für Elektroautos in der niedersächsischen Provinz vorstellen kann. Jetzt sitzt Landarzt Traugott Riedesel im überfüllten Chorkonzert neben ihm und beide entwickeln erste Ideen für ein Projekt, das alle Zutaten hat für zukunftsweisende Mobilität abseits der Ballungsräume: Autos auf Abruf, umweltschonende Antriebe, ehrenamtlicher Einsatz.

Heute, zwei Jahre später, haben Warncke und Riedesel drei Mitstreiter gefunden, mit denen sie in der kleinen Samtgemeinde Tarmstedt bei Bremen insgesamt sechs e-Golf gegen geringe Gebühr zum Verleih anbieten – jeder in einem anderen Ort und auf eigene Rechnung.

Die Fahrzeuge hat Volkswagen Händler Warncke über ein Förderprojekt zu günstigen Leasingraten organisiert. Einen e-Golf verleiht er selbst. Vor dem Autohaus hat er eine CCS-Schnellladesäule aufgestellt, an der der Akku binnen 20 Minuten zu 80 Prozent aufgefüllt ist. Getankt wird kostenloser Ökostrom des regionalen Energieanbieters EWE.

Zu den Mitstreitern von Autohändler Warncke und Landarzt Riedesel gehört Diakon Claus Wahlers. In seinem alten Bauernhof im Dörfchen Bülstedt steht er am Fenster und blickt nach draußen auf die E-Ladestation, die er zusammen mit einem örtlichen Elektriker installiert hat. „Mir macht es Spaß, immer wieder etwas Neues auf die Beine zu stellen. Ich bin mehr der Macher als der Schnacker“, sagt er.  

Neben dem e-Golf steht noch ein alter Passat vor Wahlers Tür, so dass er immer eines der Autos verleihen kann.  „Meine beste Kundin ist eine meiner Mieterinnen, die in Bremen an der Uni arbeitet. Wenn sie ein Auto braucht, dann schreibt sie einfach in unsere Whatsapp-Gruppe und holt sich den Schlüssel aus dem Haus“, berichtet er. Einmal im Monat stellt er dafür eine Rechnung aus.  

Auf die Dächer seines Hofs hat Wahlers Solarzellen gebaut, so dass der Strom für das Carsharing auch hier aus erneuerbarer Energie kommt. „Mein Ziel ist es, mich selbst zu versorgen und möglichst  unabhängig zu werden von den Netzbetreibern“, sagt er. Für seine täglichen Fahrten kann er diese Unabhängigkeit mit dem e-Golf schon heute problemlos erreichen: Bis zu 190 Kilometer Reichweite bietet das Auto, nur knapp die Hälfte davon verbraucht Wahlers für den Arbeitsweg nach Visselhövede und zurück. Abends kommt der Wagen an die heimische Zapfsäule.

Wenige Kilometer weiter in Wilstedt. In der Arztpraxis von Traugott Riedesel laufen die Vorbereitungen für die Nachmittagssprechstunde. Eine Mitarbeiterin ruft Patienten auf, bereitet Rezepte vor, nimmt Anrufe entgegen. Das Besondere: Termine gibt es nicht nur für medizinische Untersuchungen, sondern auch für die beiden e-Golf vor der Tür. „Wir haben hier keinen Anschluss an die Bahn und nur eine Buslinie im Nachbarort. Vor allem für viele Ältere ist es deshalb schwierig, zu einem Facharzt in die Stadt zu gelangen“, berichtet Riedesel.

Als Antwort auf dieses Problem begann der Mediziner mit dem Autoverleih, allerdings ist der Service nicht auf Patienten beschränkt. „Wir wollen, dass die Menschen hier auf dem Land möglichst ebenso mobil leben können wie in der Stadt. Darum kann unsere E-Autos jeder nutzen, der sie braucht“, sagt Riedesel, der auch ehrenamtlicher Bürgermeister von Wilstedt ist. Zur Lebensqualität trägt zusätzlich ein besonderer Fahrdienst bei, der als Ergänzung zum Carsharing-Projekt entstanden ist: Über eine Telefonnummer im Rathaus vermittelt die Gemeinde seit Sommer vergangenen Jahres Freiwillige, die zum Beispiel alte Menschen mit dem e-Golf zum Einkaufen oder zu Terminen bringen. Bezahlt wird nur die Leihgebühr für das Fahrzeug, alles andere ist kostenlos.

Volkswagen Händler Warncke ist manchmal selbst verblüfft, was aus einem Zeitungsartikel und einem Konzertbesuch binnen zwei Jahren geworden ist. „Ich freue mich, dass wir mit dem Elektro-Carsharing so viel positive Resonanz bekommen. Offenbar gibt es hier einen großen Bedarf, für den es vorher noch kein passendes Angebot gab.“ Entwickele sich das Projekt weiter so gut, dann könne man bald an weitere Verbesserungen denken – zum Beispiel durch eine Smartphone-App zum Bestellen der Autos.  

Warncke räumt ein, dass ihm das Carsharing rein finanziell bislang noch keinen Gewinn gebracht hat, ähnlich gehe es seinen Mitstreitern. Ein Grund zum Aufhören sei das jedoch nicht. Warncke: „Als Unternehmer muss ich mich darauf einstellen, dass sich die Wünsche der Menschen verändern. Nicht jeder kann oder will ein Auto kaufen, aber jeder will mobil sein. Für dieses Bedürfnis muss ich die passenden Lösungen anbieten - nicht mehr als reiner Autohändler, sondern als Mobilitätsanbieter.“

Text: Ralf Blasig

Fotos: Kai-Uwe Knoth

e-Golf: Das Fahrzeug wird noch nicht zum Verkauf angeboten und unterliegt daher nicht der Richtlinie 1999/94 EG.