1. DEUTSCH
  2. News
  3. Stories
  4. 2017
  5. 11
  6. Die Unbestechlichen

Wir setzen Cookies (eigene und von Drittanbietern) ein, um Ihnen die Nutzung unserer Webseiten zu erleichtern und Ihnen Werbemitteilungen im Einklang mit Ihren Browser-Einstellungen anzuzeigen. Mit der weiteren Nutzung unserer Webseiten sind Sie mit dem Einsatz der Cookies einverstanden. Weitere Informationen zu Cookies und Hinweise, wie Sie die Cookie-Einstellungen Ihres Browsers ändern können, entnehmen Sie bitte unserer Cookie-Richtlinie. Akzeptieren

Die Unbestechlichen

Larry D. Thompson und sein Team bilden eine Art unabhängiges Spezialeinsatzkommando. Es soll dafür sorgen, dass Volkswagen die Auflagen des Anfang 2017 mit dem US-Justizministerium geschlossenen Vergleichs erfüllt. Die Anwesenheit des sogenannten Monitors macht den Ernst der Lage deutlich. Alle wissen, dass ihre Kooperation erforderlich ist. Das Unternehmen kann es sich nicht leisten, den Deal in den USA zu gefährden.

Furchteinflößend wirkt er nicht, der freundliche ältere Herr mit der samtigen Stimme. Neugierig blickt er durch die runde Brille, spricht nahezu beiläufig von seinen beeindruckenden beruflichen Stationen. Wenn man Larry Dean Thompson begegnet, bekommt man Lust, mit ihm ein Bier trinken zu gehen. Und über die Lage der Welt im Allgemeinen, der USA im Besonderen und was auch immer zu diskutieren. So sympathisch kommt er daher.

Aber dem Top-Juristen eilt sein Ruf voraus. Das US-Department of Justice (DoJ) hat ihn im Frühjahr 2017 zum Monitor ernannt. Manche sagen zum Aufpasser. Drei Jahre lang soll er sicherstellen, dass Volkswagen die Auflagen erfüllt, die mit den Criminal Plea Agreement und Consent Decrees in den USA verbunden sind.

Thompson kann das. Von 2001 bis 2003 war er stellvertretender Generalstaatsanwalt in Washington und damit an zweithöchster Position im DoJ. Er hat den Bilanzbetrug beim Energiekonzern Enron ans Licht gebracht – einer der spektakulärsten Wirtschaftsprozesse der amerikanischen Geschichte. Das Ergebnis: saftige Bußgelder, unehrenhaft entlassene Manager und langjährige Haftstrafen für die Vorstände. Und nun Volkswagen.

Dabei ist der 72-Jährige Republikaner eigentlich bereits im Ruhestand. Er hat in anderen Fällen Anfragen abgelehnt, ein Monitorship zu übernehmen. Warum macht er es diesmal? Larry Thompson sitzt zurückgezogen in einer Lounge auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt, stützt die Ellbogen auf den kleinen Bistrotisch und lacht: „Meine Frau meint, das sei mein Ego. Ich aber sage: Volkswagen ist eine Ikone.“ Vorn, auf dem imposanten Stand des Konzerns, tummeln sich Journalisten und Brancheninsider. Ihn habe nicht nur gereizt, die Compliance zu untersuchen, auch die umwelttechnischen Prozesse interessierten ihn sehr. „Die Komplexität hat mich fasziniert.“

Mit der neuen Aufgabe ist Thompson vom späten Hochschuldozenten zum „Independent Compliance Auditor and Monitor“ aufgestiegen. Zu seinen neuen Kollegen gehören Juristen, Ingenieure und Umwelttechniker.

  • Dem Guten verpflichtet

    Larry Dean Thompson (*1945) ist ein renommierter US-amerikanischer Jurist und Anwalt. Von 2001 bis 2003 war er stellvertretender Generalstaatsanwalt in Washington, die zweithöchste Position im US-Justizministerium. Thompson hat außerdem als Staatsanwalt des Northern District of Georgia (Atlanta) komplexe Fälle wie den Enron Skandal behandelt. Er lehrt Unternehmens- und Wirtschaftsrecht an der University of Georgia School of Law.

Eine starke Truppe

Wie Thompson ist auch Jonny Frank mit allen Wassern gewaschen. Frank ist der zweite Mann im Team. Der 63-Jährige räumt als Compliance und Business Ethics Monitor auch bei der Deutschen Bank auf. Die Arbeitsteilung der beiden ist klar: Thompson definiert Themenfelder und Arbeitsgruppen und führt Gespräche mit den obersten Kontrolleuren und Entscheidern, also etwa Aufsichtsräten oder Vorständen. Frank kümmert sich darum, dass alles läuft. Stellt Anfragen, sammelt Dokumente, engagiert Spezialisten, die Daten analysieren.

Jonny Frank ist der einzige im Team des Monitors, mit dem Larry Thompson zuvor noch nicht zusammengearbeitet hatte. „Jonny wurde mir empfohlen. Sein Wissen und seine Persönlichkeit haben mich überzeugt“, sagt Thompson. Die anderen im „Leadership Team“ sind langjährige Weggefährten: Scott L. Marrah, Stellvertretender Monitor für die Themen Wirtschaftskriminalität, Ethik und Compliance, Benjamin F. Wilson, Stellvertretender Monitor für die Themen Emissionen und Umwelt, Michele Edwards, Chief of Staff und der Berater Michael A. Sullivan, Partner einer Anwaltskanzlei.

„Ich mag es nicht, im Ruhestand zu sein.“

Larry D. Thompson

Thompson ist seit Ende Mai jeden Monat ungefähr für eine Woche in Wolfsburg. Allein die Anreise aus Atlanta, wo er zu Hause ist, dauert 12 Stunden. Die wichtigen Bereiche des Konzerns hat er in einem ‚Boot Camp‘ kennengelernt, und sich auf der Betriebsversammlung in Wolfsburg den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vorgestellt. Was er und sein Team den ganzen Tag lang machen, weiß aber bislang kaum jemand.

Die ersten Amerikaner sind Anfang September in Großraumbüros am Standort Wolfsburg eingezogen. Sie sitzen im streng gesicherten, frisch modernisierten ehemaligen Rechenzentrum, ‚Eingang 80‘, an riesigen grauen Schreibtischen, auf denen sich Dokumente türmen; an den Wänden hängen großformatige Autobilder; hier und da immergrüne Zimmerpflanzen. Die räumliche Tristesse hat immerhin einen Vorteil: Zum Vorstandsgebäude, dem ‚BT10‘, geht das Team des Monitors nur wenige Schritte.

Auf dem Prüfstand

  1. Prüfen, prüfen, prüfen.

    Das Monitor-Team arbeitet akribisch jene Auflagen ab, die in den offiziellen Dokumenten zu den mit den US-Behörden vereinbarten Lösungen, dem „Third Partial Consent Decree“, dem „Third California Partial Consent Decree“ und dem „Plea Agreement“ (den „Criminal Resolutions“), schwarz auf weiß festgehalten sind. Unter anderem muss das Monitor Team prüfen, wie technische Probleme im Management behandelt, Qualität bescheinigt und Produktsicherheit gewährleistet werden. Zu prüfen ist, wie Emissions-Zertifizierungen und Audits ablaufen. Zu prüfen ist auch, ob Compliance Prozesse wirklich lückenlos sind. Prüfen, prüfen, prüfen. Es geht hier um so etwas wie die Einhaltung der Bewährungsauflagen für den Konzern.

  2. Arbeitsgruppen

    Dabei hat Thompson im Rahmen der Vereinbarungen mit der US-Regierung breiten Ermessenspielraum. Er hat bereits Arbeitsgruppen etabliert zu Kultur und Integrität und sogar eine, die für den neu geschaffenen Nachhaltigkeitsbeirat zuständig ist.

  3. Stakeholder

    Nachhaltigkeit ist ein Lieblingsthema von Thompson. Während seiner Lehrtätigkeit an der University of Georgia School of Law hat er zu Corporate Social Responsibility publiziert. „Wer heute erfolgreich sein will, muss alle seine Stakeholder im Blick haben. Nicht nur die Aktionäre, auch Kunden, Mitarbeiter, Behörden – und ja, die Umwelt.“ Die sei sogar „ein sehr wichtiger Stakeholder“, sagt Thompson.

  4. Gespräche, keine Verhöre

    Alles was ein Reputations- und Compliance-Risiko darstellt, ist für Thompson wichtig. Er führe aber keine Verhöre, nein, nur Gespräche. „Manche Mitarbeiter denken, dass ich der verlängerte Arm der amerikanischen Justiz bin und Menschen ins Gefängnis stecken kann“, sagt Thompson und lacht. „Das kann ich natürlich nicht.“

  5. Schwachstellen identifizieren

    Es geht beim Monitoring nicht darum, die in den USA begangenen Verfehlungen der Vergangenheit investigativ aufzuarbeiten. Sondern darum, sensible Prozesse im Unternehmen zu durchleuchten und ihre Schwachstellen zu identifizieren. Gäbe es Manager, die nicht kooperieren wollen, wäre das daher „durchaus ein Problem“, warnt Thompson.

  • Wie der Monitor ins Haus kam

    Als Teil des Vergleichs (Plea Agreement) der Volkswagen AG mit dem US-Justizministerium, stimmte die Volkswagen AG einem Schuldanerkenntnis im Hinblick auf drei nach US-amerikanischem Bundesrecht strafbare Handlungen zu: Verschwörung, Behinderung der Justiz und Verwenden von Falschaussagen für die Einfuhr von Gütern in die USA.Als Teil der vereinbarten Lösung – bestehend aus 4 separaten Vereinbarungen, das Plea Agreement eingeschlossen - hat Volkswagen Bußgeld- und Strafzahlungen von insgesamt 4,3 Milliarden US-Dollar sowie einer Reihe von Maßnahmen zugestimmt, mit denen seine Compliance- und Kontrollsysteme weiter gestärkt werden sollen. Hierzu zählt auch die Bestellung eines unabhängigen Monitors für die kommenden drei Jahre. Der Monitor wurde vom US-Justizministerium aus einer Liste mit von Volkswagen vorgeschlagenen Kandidaten ausgewählt. Gemäß der Criminal Resolutions wurde Larry Dean Thompson im April 2017 zum Compliance Monitor von Volkswagen bestellt. Er hat in dieser Funktion bisher 23 Fach-Arbeitsgruppen einberufen zu Themen wie Emissionen, Umwelt oder Antikorruption; darüber hinaus gibt es drei Arbeitsgruppen an den Standorten Wolfsburg, Ingolstadt (Audi) und Herndon, USA. In seinem Abschlussbericht, der 2020 fertiggestellt wird, muss Thompson bestätigen, dass Volkswagen alle Auflagen des Justizministeriums erfüllt. Sonst könnten Vokswagen weitere strafrechtliche Maßnahmen drohen.

Die Vermittler

Seit Mitte August ist der Arbeitsplan des Monitors für das erste Jahr ausformuliert. „Es ist ein Investment. Aber wir erwarten uns davon nachhaltige Verbesserungen“, sagt Dr. Thomas Meiers, Chef-Koordinator für den Monitor. Er ist Hiltrud D. Werner unterstellt, der Vorständin für Integrität und Recht. Zuvor hat er unter anderem bei MAN Truck & Bus das weltweite Compliance Management System aufgebaut.

Mit einer eigens zusammengestellten Truppe von gut 50 Mitarbeitern arbeitet Meiers nun dem Team um Larry Thompson zu.
Dabei sitzt Meiers Mannschaft im Großraumbüro gleich neben Thompsons Leuten. Deren „requests“, Anfragen also, müssen grundsätzlich mit knappen Fristen beantwortet werden – nicht selten binnen 24 Stunden.

„Für die Menschen hier bedeutet das zusätzliche Arbeit“, sagt Meiers. Das sei hart. Aber die Konsequenzen, wenn nach den drei Jahren womöglich kein gutes Zeugnis ausgestellt wird, seien vielfach härter. Und es gäbe auch einen positiven Aspekt. „Künftig ist Volkswagen robuster aufgestellt.“
In eigener Initiative habe der Konzern bereits ein Whistleblower-System eingeführt, das Fehlverhalten frühzeitig aufdecken soll und den Code of Conduct überarbeitet, die allgemeinen Verhaltensregeln. Meiers sieht sich und seine Leute in einer vermittelnden Funktion zwischen dem Monitor-Team und dem Unternehmen.

„Volkswagen soll in drei Jahren ein Unternehmen sein, das sich nicht nur durch Höchstleistungen, sondern auch durch höchste Integrität auszeichnet.“

Larry Thompson

Meiers hat in Großbritannien und den USA studiert und dort auch eine Zulassung als Anwalt. Die Offenheit und der Enthusiasmus der Amerikaner sind ihm vertraut: „Nur weil Larry Thompson freundlich ist, heißt das nicht, dass er es dem Konzern leicht machen wird.“ Der schlanke, hochgewachsene 46-Jährige zählt täglich seine Schritte mit einem Aktivitätstracker. „Am Tag komme ich auf gut 10.000.“ Er ist aktiv, auch bei den Erwartungen an den Bericht des Monitors denkt er voraus. „Ich habe noch nie erlebt, dass der erste Report eines Monitors keine Verbesserungsvorschläge enthalten hätte: Das wird auch bei uns nicht passieren.“ Schon deshalb nicht, weil Thompson seinen Ruf zu verlieren hat.

Und wie sieht es Larry Thompson selbst? „Das hier ist vermutlich die letzte große Sache, die ich in meinem Berufsleben mache“, sagt er: „Wenn es, nach unserer Zertifizierung, ein weiteres schwerwiegendes Fehlverhalten bei Volkswagen gäbe wie den Dieselskandal, wäre ich nicht nur enttäuscht, sondern beschämt. Ich werde alles dafür tun, dass dieser Fall nicht eintritt.“ In diesem Moment lächelt Larry Thompson nicht.

Das könnte Sie auch interessieren:

  • Shift – Das Nachhaltigkeitsmagazin von Volkswagen