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„Deutsches Design-Verständnis war immer eng verbunden mit Ingenieurskunst“

„Driven by German Design“

Dr. Mateo Kries ist Direktor des Vitra Design Museum. Für die Ausstellung „Driven by German Design“, die noch bis zum 14. Januar 2018 in Katar zu sehen ist, stellte sein Haus Leihgaben zur Verfügung, er selbst war beratend involviert. Im Interview verrät Kries, was eine gute Ausstellung ausmacht, wie man richtig sammelt und weshalb die Design-Hoheit des Westens schwindet.

Die Form ist meist nicht beliebig, sondern aus Material, Technik oder Funktion abgeleitet.

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  • Herr Kries, die von Volkswagen und Ihrem Museum mit Leihgaben unterstützte Ausstellung in Doha dreht sich um deutsches Design. Was ist dessen Hauptmerkmal?

Das deutsche Verständnis von Design war schon immer eng verbunden mit der Ingenieurskunst und geprägt von der Wertschätzung der Technologie. Darüber hinaus spielt die Verbindung von Funktionalität und Ästhetik eine große Rolle. Seit jeher sind deutsche Designer innovationsfreudig und von Forscherdrang getrieben, zum Beispiel beim Testen neuer Materialien. Die Form ist also meist nicht beliebig, sondern aus Material, Technik oder Funktion abgeleitet – ein Merkmal vieler überzeugender Alltagsobjekte.

  • Was zeichnet heute eine gute Ausstellung zum Thema Design aus?

Gelungene Ausstellungen stellen Design in einen größeren Kontext und halten eine kritische Distanz zum Thema. Sie sind erzählerisch überzeugend, laden zum Mitmachen ein und vermitteln ihre Botschaft eindringlich. Um Zusammenhänge herzustellen – zum Beispiel zu anderen Bereichen des Lebens oder zu anderen Epochen –, sollten Kuratoren und Museumsmacher transdisziplinär denken und entsprechende Kooperationen eingehen. So kann etwa Expertise auf historischer Ebene helfen, die Entstehung eines Designobjektes vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen zu erklären.

  • Welche Rolle spielt dabei die zunehmende Digitalisierung unseres Lebens?

Zeitgemäße Ausstellungen finden sowohl im realen als auch im digitalen Raum statt, stellen die „User Experience“ in den Fokus. Sie bedienen sich wie selbstverständlich digitaler Werkzeuge – das gilt ja längst auch für viele Designer. Man denke nur an Web- oder App-Design oder die Nutzung komplexer Computerprogramme, wie sie beim Design von Autos oder bei der statischen Berechnung von Architekturen längst gang und gäbe ist.

Gelungene Ausstellungen stellen Design in einen größeren Kontext und halten eine kritische Distanz zum Thema.

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  • Ist denn eine von Algorithmen und Code dominierte Welt für Designer eher Chance oder Risiko?

Für uns Benutzer ist es beides, für Designer eine Chance, sich zu beweisen.  Zunächst einmal erleichtern digitale Helfer vielen Designern die Arbeit und ermöglichen bessere Ergebnisse in kürzerer Zeit. Zudem beweist so mancher Kreative, dass es möglich ist, Algorithmen in den Prozess der Gestaltung einfließen zu lassen.

  • Können Sie ein Beispiel nennen?

Der Möbeldesigner Clemens Weisshaar setzt beim Design seiner sogenannten „Breeding Tables“ einen Algorithmus ein, der jedem Tisch eine individuelle Form zuweist. Nur noch bestimmte Parameter wie Verbindungen und Belastungsahlen sind vorgegeben, der Rest frei durch die Maschine gestaltbar. Damit entfernt sich Weisshaar von der Idee der identischen Massenfertigung nach dem Vorbild eines einzigen Prototyps – und zeigt stattdessen die Möglichkeiten eines Designansatzes auf, der den Prinzipien Künstlicher Intelligenz folgt und jedes Objekt zum Unikat macht.

  • Üblicherweise denkt man beim Begriff Design ja an haptische, an greif- und fühlbare Objekte. Muss dieses Verständnis heute revidiert werden?

Zumindest relativiert. Das Design ohne Objekt – also zum Beispiel das Gestalten von Kommunikationsprozessen oder neuen Konsummustern – wird im Zeitalter der Digitalisierung und der stets und überall verfügbaren Informationen immer wichtiger. Blickt man auf die Autoindustrie, zählt dazu das Erarbeiten einer völlig neuen „User Experience“ in den autonomen Autos der Zukunft.

Neben der Digitalisierung ist auch die Nachhaltigkeit ein großes Thema.

  • Stichwort Globalisierung: Welchen Einfluss hat die weltweite Verfügbarkeit von Waren und Dienstleistungen auf Design als Disziplin?

Die Globalisierung hat für viele Designer und Unternehmen neue Märkte zugänglich gemacht. Gleichzeitig treten auch außerhalb der alten Industrieländer Designer auf die Bildfläche, die neue Maßstäbe setzen. Oft sind diese Maßstäbe ganz andere als unsere, etwa in Bezug auf Ästhetik oder den kulturellen Kontext.

  • Welche Bedeutung hat in einer derart dynamischen und multipolaren Welt der Aufbau von Sammlungen?

Bei jedem Museumsverantwortlichen sollte das Bewusstsein für den Aufbau umfassender Sammlungen vorhanden sein, die – Stichwort Kontext – neben den Designobjekten selbst auch Quellenmaterial wie Korrespondenzen, Entwürfe oder Aufzeichnungen enthalten. Im Vitra Design Museum verwahren wir unter anderem die Nachlässe der Möbeldesigner Alexander Girard oder Charles und Ray Eames. Darüber hinaus umfasst unsere Sammlung rund 7.000 Objekte aus den Bereichen Möblierung, Inneneinrichtung und Architektur, die als Fundament für das Bestücken vieler Ausstellungen dienen und die in unserem von den Architekten Herzog & de Meuron entworfenen Schaudepot eine Heimat gefunden haben. Dort wird die Sammlung für unsere Besucher erfahrbar.

  • Was sind denn derzeit die großen Trends in Sachen Design?

Neben der Digitalisierung ist auch die Nachhaltigkeit ein großes Thema – denken Sie zum Beispiel an die Trends hin zu E-Mobilität und zum autonomen Fahren und die daraus entstehenden Möglichkeiten für Autodesigner. Ein anderes Beispiel sind Sportschuhe, die aus Plastikmüll hergestellt wurden, den die Umweltorganisation „Parlay for the Oceans“ aus dem Meer fischte. Auch neue Produktionsmethoden wie der 3-D-Druck sind ein großes Thema. Adidas zum Beispiel will seinen Kunden bald schon nach deren Wünschen maßgefertigte Schuhe anbieten, die innerhalb kürzester Zeit mit Druckern dieser Art hergestellt werden.

  • Letzte Frage: Welches Auto fahren Sie eigentlich privat – und was schätzen Sie an dessen Design?

Privat bin ich mit einem Kombi unterwegs, einem Audi A4. An diesem Wagen schätze ich das ebenso zurückhaltende wie funktionale Design, das trotzdem eine gewisse Dynamik ausstrahlt. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre das etwas mehr Innenraum, um die Fahrräder meiner Töchter mitnehmen zu können. Klingt typisch deutsch, oder?