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„Die Volkswagen Arena ist immer noch ein Schmuckstück“

Das Jahr 2017 bleibt beim VfL Wolfsburg das Jahr der Jubiläen. Vor 25 Jahren zogen die Wölfe in den Profifußball ein, halten sich seit 20 Jahren ohne Unterbrechung in Liga eins – und spielen darüber hinaus seit 15 Jahren in der Volkswagen Arena.

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Blick auf die Baustelle: die unfertige Arena im Jahr 2002.

Interview mit Klaus Fuchs

Klaus Fuchs, von 1999 bis 2008 Geschäftsführer des VfL Wolfsburg, hat den Bau der Arena nicht nur federführend begleitet. Er gilt auch als ihr geistiger Vater. Im Interview spricht Fuchs über Fans in Schneeanzügen, Wasser im Kabinentrakt und Champagner aus Dänemark.

Klaus Fuchs, haben Sie jemals in Ihrem Leben ein Haus gebaut?

Oh, ja. Dreimal sogar. Einmal in den 70er Jahren, dann wieder in den 90ern und noch ein drittes Mal, nachdem wir in Wolfsburg sesshaft geworden sind.

Wie hoch muss man sich demgegenüber den Aufwand beim Bau eines Fußballstadions vorstellen?

Das steht natürlich in keinem Verhältnis. Bei einem Stadionbau gibt es viele Herausforderungen. Die Dachkonstruktion zum Beispiel ist unheimlich komplex, aber genauso das gesamte Innenleben. Hier ist eine einfache Wegeführung wichtig, damit man am Spieltag nicht zu viele Ordner benötigt. Außerdem muss man auch zukünftige Entwicklungen im Auge behalten, um sich ständig dem Zeitgeist anpassen zu können. Das ist bei einem Haus etwas anders.

Das Thema dieses Interviews ist die Entstehungsgeschichte der Volkswagen Arena. Wo setzen wir da eigentlich zeitlich an?

Etwa im Jahr 1997, also zum Zeitpunkt des Aufstiegs. VfL-Manager Peter Pander und Wolfgang Heitmann, der damalige Fußballchef, hatten erste Pläne geschmiedet und waren auch schon aktiv geworden. In dieser Phase holten sie mich dazu mit dem Ziel, das Projekt zu realisieren.

Wie genau sahen diese ersten Ideen aus?

Die VfL-Führung hatte sich zwei Stadien zum Vorbild genommen: Schalke und Amsterdam. Das zeigt, in welche Richtung es ursprünglich gehen sollte. Nämlich in eine unrealistische Größenordnung von 60.000 Zuschauern, auch ein zufahrbares Dach war geplant. Das wäre für Wolfsburg zwar völlig überdimensioniert gewesen und hätte auch einer Refinanzierung auf keinen Fall Stand gehalten. Trotzdem ist es immer besser, erst mal zu groß zu denken als zu klein.

Es sollte also auf jeden Fall ein Neubau sein? Ein weiterer Ausbau des VfL-Stadions war keine Option?

Nein, das war keine Alternative. Man hat schon damals darüber nachgedacht, den Elsterweg städtebaulich anders zu verwenden. An diesem Standort mit den ungenügenden Parkplätzen und den Zufahrtswegen im Wohngebiet hatte der Bundesligafußball keine Zukunft. Es war klar, dass ein neues Stadion hermusste. Und dafür war der Allerpark sehr schnell gesetzt.

Vom Moment der Grundsatzentscheidung bis zum ersten Spatenstich: Wie funktioniert so ein Stadionbau?

Man braucht Mehrheiten, und die gab es zum Glück. Die breite politische Unterstützung war nicht selbstverständlich, aber alle Parteien haben zugestimmt. Herausstellen muss man hier Prof. Rolf Schnellecke, der als damaliger Oberbürgermeister die treibende Kraft gewesen ist. Überhaupt hatte die Stadt einen enormen Anteil an der Realisierung. Ursprünglich hatte eine Drittelfinanzierung zwischen Stadt, Werk und Verein im Raum gestanden. Dann zog sich Volkswagen allerdings raus, woraufhin die Stadt sich bereiterklärte, 50 Prozent der Baukosten als einmaligen Zuschuss beizutragen, verbunden mit der Verpflichtung des Betreibers, sie später von den laufenden Kosten freizustellen. Das war in dieser schwierigen Situation einer der beiden Schlüssel zur Lösung.


Die verbreitete Annahme, der Konzern hätte dem VfL ein schickes Stadion hingestellt, ist damit widerlegt.

Zumindest hat das Werk zu den Baukosten nichts beigesteuert, die anderen 50 Prozent wurden letztlich über ein Darlehen finanziert. Trotzdem hat Volkswagen natürlich eine unverzichtbare Rolle gespielt, weil es die Bonität seiner Tochtergesellschaft sichergestellt hat. Als e.V. hätte der VfL das Darlehen nie stemmen können. Das ging nur durch die Eingliederung der Fußball-GmbH in den Konzern. Hinzu kam, dass man mit dem Namensrecht einen Vertrag geschlossen hat, der einen großen Beitrag zur Darlehensfinanzierung bedeutete. Selbst bei einem Abstieg, der zwischenzeitlich tatsächlich ja drohte, hätte das den VfL abgesichert. Volkswagens Einstieg als Mehrheitseigner war für den VfL insofern eine Lebensversicherung.

Was war denn eigentlich der zweite Schlüssel zur Lösung?

Ich hatte bereits vor dem Baubeschluss – einfach mal ins Blaue hinein – die Vermarktung der Arena ausgeschrieben. Die Angebote, die daraufhin reinkamen, waren so hoch, dass sich ein Gutteil der Finanzierung dadurch gegenrechnen ließ. In dieser sensiblen Phase hat das viele wichtige Entscheidungen erleichtert. Das wirtschaftliche Risiko, mit der die Bauherrin Wolfsburg AG als gemeinsame Tochter von Stadt und Land das Projekt anging, war damit minimiert.

Mancher Klub hat sich beim Stadionneu- oder Ausbau mächtig verhoben. Gab es bei der Planung der Arena Momente der Unvernunft?

Ich finde, wir waren im Grundsatz höchstverantwortlich mit dem Projekt. Von der Planung bis zum Einzug haben wir sehr kostengünstig gearbeitet. Die Wolfsburg AG hat sogar ein Pflichtenheft von mir erbeten, um nachvollziehen zu können, ob wir goldene Wasserhähne vorschlagen oder realistisch bleiben. Neben den Planungsrunden haben zudem wir immer wieder Sparrunden eingelegt und ständig preisgünstigere Alternativen gesucht. So haben wir es hinbekommen, die Volkswagen Arena mit nur minimalen Kostenabweichungen zu bauen.

Das klingt alles ziemlich stressig, nebenbei wurde zumal auch noch Fußball gespielt. Hat Ihre Frau Sie in dieser Zeit überhaupt gesehen?

Sie behauptet, dass sie die Kinder allein großgezogen hat (lacht). Leider ist da wohl auch etwas dran. Meine Kollegen in der Geschäftsführung damals, Wolfgang Hotze und Peter Pander, haben mir aber komplett den Rücken freigehalten, so dass ich mich trotz intensiven Tagesgeschäfts auf die Bauphase konzentrieren konnte. Ich muss aber auch sagen, dass der Arena-Bau für mich eine Herzensangelegenheit war. Arbeitsbelastung kann ja aber sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Dies war ein außerordentlich euphorischer Stress. Ich habe mich dieser Herausforderung enorm gern gestellt.

Das Tempo wirkt im Rückblick atemberaubend: Innerhalb von 18 Monaten war die Arena einzugsbereit. Gab es überhaupt keine Verzögerungen?

Doch, natürlich. Besonders die Witterung hat uns zu schaffen gemacht, den Wolfsburger Wind darf man nicht unterschätzen. Wir hatten Stillstände durch Stürme, die teilweise ganze Wände eingedrückt haben. Einmal ist sogar ein Kran umgestürzt, glücklicherweise ohne dass jemand verletzt worden ist. Es stand alles Spitz auf Knopf, der Eröffnungstermin des 13. Dezember war hochambitioniert. Weil wir Halbjahresdauerkarten verkauft hatten, mussten wir ihn aber unbedingt halten. Als der Tag dann kam, huschte die Putzkolonne auf der einen Seite raus, während auf der anderen die Gäste reingegangen sind. Aber im Großen und Ganzen hat alles geklappt, weil die Motivation und der Teamgeist bei allen Beteiligten hoch waren. Dass wir den Termin halten konnten, hat mir übrigens eine Flasche Champagner beschert. Unser damaliger Kapitän Claus Thomsen hatte nämlich behauptet, dass wir niemals so früh würden einziehen können. Zur Eröffnung reiste er dann aus Dänemark an, obwohl er seine Laufbahn schon beendet hatte, um die Wettschuld zu begleichen.

Apropos Dezember: Hätte man die Fertigstellung nicht für einen netteren Monat einplanen können? Bei der Einweihung war es ein klein wenig kalt.

(lacht) Das hat der Winter leider oft an sich. Sicher, die Temperaturen waren heftig. Beim „a-ha“-Konzert mussten wir extra Heizstrahler aufstellen, damit die Band überhaupt spielen konnte. Trotzdem war die Stimmung überragend. Die Leute sind in Schneeanzügen und anderer origineller Thermoausrüstung gekommen, ein wunderbares Bild. Die Tatsache, dass wir minus 17 Grad hatten, macht diesen Tag erst recht erinnerungswürdig. Wer dabei war, wird ihn niemals vergessen.

Sie sprachen von einer terminlichen Punktlandung. Lief denn ab dem Moment der Eröffnung alles glatt?

Das kann man nicht sagen, nein. In den ersten Wochen hatten wir rund 25 Wasserrohrbrüche, weil die Rohrbegleitheizung nicht angeschlossen war. Das hatte die zuständige Firma vergessen. Ich kann mich gut erinnern, wie ich an Weihnachten in die Arena kommen musste, weil im Eingangsbereich der Kabinen das Wasser stand. Aber auch organisatorisch sind wir natürlich an Grenzen gestoßen, zum Beispiel beim Ticketing. Die Doppelbelastung bei neuer EDV und der geringe Personalstamm haben den Kollegen einiges abverlangt. Zwei Mitarbeiterinnen haben nach dem Eröffnungsspiel entnervt den Dienst quittiert, so chaotisch ging es zu.

Zu Elsterweg-Zeiten hatte die Geschäftsstelle zwölf Mitarbeiter, heute hat der VfL rund 180 Festangestellte. Wie konnte man damals wissen, dass es der Verein derart wachsen würde?

Der Stamm bestand aus zwölf Personen, das stimmt. Wir haben dann aber direkt fünf Mitarbeiter eingestellt, die mit in die Arena eingezogen sind. Trotzdem ist das mit heutigen Maßstäben natürlich nicht zu vergleichen. Genau das meinte ich mit dem Blick für zukünftige Entwicklungen: Die Rohbauten, die zunächst nicht genutzt wurden, haben wir damals so angelegt, dass ein weiterer Ausbau möglich blieb. Das galt für das gesamte Zwischengeschoss, also den Bereich, in dem inzwischen weitere Büros entstanden sind sowie der Club45 und die Halle09. Es gab ja mehrfach weitere Ausdehnungen im Laufe der Jahre wie zum Beispiel das Fanhaus oder zuletzt das AOK Stadion. Ursprünglich sollte auch das Internat für den Nachwuchs, heute ja am Porschestadion beheimatet, mit in die Gegengerade ziehen. Dieser Plan wurde richtigerweise aber verworfen.

Schmuckstück:
„Die Arena stand nie still, sondern ist ein höchst lebendiger Komplex“, sagt Klaus Fuchs.

Wenn man die Wohnung wechselt, bestellt man gute Freunde und einen Möbelwagen. Wie funktioniert ein Umzug zwischen zwei Fußballstadien?

Logistisch war das angesichts der wenigen Mitarbeiter ein überschaubares Problem. Der größte Nervenkitzel bestand darin, ob die neue Telefonanlage funktioniert. Viel wichtiger aber ist die Frage gewesen: Wie reagieren die Fans? Da brauchte es viel Fingerspitzengefühl, um in Arbeitsgruppen Wünsche zu berücksichtigen, aber auch Grenzen des Machbaren zu diskutieren. Die Elsterweg-Stammgäste sollten unbedingt ein Vorkaufsrecht bekommen. An dieser Stelle haben wir großen Aufwand betrieben und über viele Wochen Fans in Gruppen von 200 bis 300 Leuten unter Beschallung klassischer Musik durch die Arena geführt, um das Konzept zu erläutern. Ich habe jede einzelne Führung übernommen und Fragen beantwortet. Das waren denkwürdige Abende.

Wie fühlt es sich an, wenn man nach 55 Jahren dann aus dem alten Wohnzimmer auszieht?

Bei mir persönlich hat die Vorfreude sehr dominiert, aber die Wehmut bei den Alteingesessenen war sicherlich spürbar. Es gab dann ja den legendären Marsch der Fans, die symbolisch den Geist aus dem alten Stadion ins neue getragen haben. Dass der harte Kern dort – im Unterschied zum Elsterweg – dann in die Nordkurve gegangen ist, war nicht selbstverständlich. Aber es gab generell eine schnelle Akzeptanz, an der wir auch gezielt gearbeitet hatten. Zum Beispiel mit launigen Videos auf der Leinwand im VfL-Stadion.

Sie meinen Granato Rambocco?

Genau! Der Mann war eine geniale Erfindung. Es ging uns darum, über eine sympathische Figur mit einem Augenzwinkern schwierige Situationen zu erklären und gleichzeitig den Baufortschritt zu dokumentieren. Diese kleinen Clips waren super, im Halbzeitprogramm gab es immer großen Applaus. In meiner Lieblingsszene stand Rambocco in seinem weißen Anzug in einer Pfütze und erläuterte, dass wegen Regens gerade nicht gearbeitet würde. „Aber hier an dieser Stelle soll später mal das Ermüdungsbecken für Stefan Effenberg entstehen.“ Herrlich.

Mit Inbetriebnahme hatte der VfL Wolfsburg eins der modernsten Stadien Deutschlands. Wo würden Sie heute, 15 Jahre später, die Arena deutschlandweit einsortieren?

Da unterscheide ich zwischen zwei Klassen von Stadien: Solche, die WM-tauglich gebaut wurden und Kapazitäten von 50.000 und mehr Zuschauern haben. Und dann die kleineren Arenen wie unseres, das Leverkusener oder das Stadion der TSG Hoffenheim. In diesem Segment haben wir immer noch ein Schmuckstück, finde ich. Weil es eben gelungen ist, die Volkswagen Arena immer wieder den neuesten Anforderungen anzupassen. Und wenn Sie mich jetzt fragen, …

… worauf Sie persönlich besonders stolz sind, …

… dann nenne ich genau das: nämlich die Flexibilität. Die Arena stand nie still, sondern ist ein höchst lebendiger Komplex. Wir sind in der Breite allen Anforderungen gerecht geworden, haben eine immer noch sehr ansprechende Architektur, die im Zusammenspiel mit der Autostadt gut ins Stadtbild passt. Und wir haben Alleinstellungsmerkmale wie den Familienblock mit Kinderspielplatz. Rückblickend, wenn ich noch einmal in der Situation wäre, würde ich bei der Planung kaum etwas anders machen. Als einziges etwas unterschätzt haben wir damals die wachsende Medienlandschaft. Aber auch hier konnte der VfL ja baulich noch etwas korrigieren.

Eingangs erzählten Sie, dass bei der Kapazität auch andere Dimensionen im Raum standen. Bei der Entscheidung für die heutige Größe sehen Sie sich vermutlich bestätigt.

Absolut. Umstritten war das Fassungsvermögen übrigens in beide Richtungen. Genauso wie eine weit größere Arena diskutiert wurde, erreichten mich viele Briefe von Fans, die uns für verrückt erklärten. Ein Volumen von 20.000 Zuschauer würde angesichts von Kulissen rund um 13.000, wie wir sie am Elsterweg hatten, doch absolut reichen. Wir kalkulierten dagegen, dass es aus dem Stand 50 Prozent Zuwachs geben müsste und außerdem jedes Jahr etwa 1.000 Zuschauer mehr kommen würden. Bei 26.000 bis 27.000 hat es sich dann irgendwann eingependelt. Insofern sind die Berechnungen aufgegangen. Für mehr ist die Stadt Wolfsburg einfach zu klein.


Wäre es baulich denn überhaupt möglich, das Fassungsvermögen noch zu erhöhen?

Das würde einen erheblichen Aufwand bedeuten. Man müsste das Dach wie bei einer Tortenschachtel runternehmen, weil es auf eigenen Stützen steht und nicht mit dem Bau verbunden ist. Dann könnte man ein drittes Stockwerk mit steilen Rängen dazubauen, längere Träger anbringen und das Dach wieder draufsetzen. Das alles wäre mit meiner Meinung nach unverhältnismäßig hohen Kosten verbunden. Ich glaube auch kaum, dass sich diese Frage auf Jahre hinaus jemals stellen wird. Aber: Möglich wäre es.