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Interview mit Dr. Garcia Sanz zur Transformation in der Beschaffung

Die Bedeutung des Einkaufs hat sich fundamental gewandelt: Er nimmt heute eine wichtige strategische Aufgabe für den gesamten Volkswagen Konzern wahr, indem er unsere Innovationsfähigkeit langfristig absichert.

„Das beste Lieferantennetzwerk gewinnt“

Mit der Transformation der Automobilbranche stehen auch die Einkaufsabteilungen vor großen neuen Aufgaben – der moderne Beschaffer muss nicht nur Verhandler sein, sondern zugleich dafür sorgen, dass die Zulieferer frühzeitig als Partner in die Entwicklung innovativer Produkte einbezogen werden. Im Interview erklärt Francisco Javier Garcia Sanz, Beschaffungsvorstand des Volkswagen Konzerns, den Wandel in seinem Ressort.

Ein gnadenloser Preisdrücker: Das ist das gängige Klischee über den typischen Einkäufer. Wie viel hat dieses Bild heute noch mit der Realität zu tun?

So gut wie nichts. Natürlich spielen Preisverhandlungen bei uns immer noch eine wichtige Rolle – aber Einkauf ist heutzutage viel mehr als das. Um das zu verstehen, müssen Sie sich nur die Transformation der Automobilindustrie ansehen: Megatrends wie Digitalisierung, autonomes Fahren und E-Mobilität stellen die gesamte Branche vor noch nie dagewesene Herausforderungen. Diese können wir nur erfolgreich bewältigen, wenn wir eng mit neuen und bestehenden Zulieferern zusammenarbeiten. Darum hat sich die Bedeutung des Einkaufs fundamental gewandelt: Er nimmt heute eine wichtige strategische Aufgabe für den gesamten Volkswagen Konzern wahr, indem er unsere Innovationsfähigkeit langfristig absichert.

Was bedeutet das konkret?

Zu den Aufgaben des Einkaufs gehört es heute beispielsweise, frühzeitig vielversprechende Ideen und Innovationen für unsere Konzern Marken zu finden. Dazu unternehmen wir Scouting-Reisen in die weltweit führenden Technologiezentren wie etwa das Silicon Valley oder nach China. Und unsere Beschaffungsbüros in aller Welt nehmen gemeinsam mit Partnern vor Ort Kontakt zu lokalen Unternehmen mit interessanten Produkten oder Dienstleistungen auf – so haben wir zum Beispiel von Budapest aus eine Scouting-Messe in den baltischen Staaten organisiert, weil es dort viele potenzielle Partner für uns gibt.

Welche Auswirkungen hat diese Transformation auf Ihre internen Strukturen und Prozesse?

Natürlich haben auch wir uns mit den Veränderungen der Branche weiterentwickelt. Und gerade das hohe Entwicklungstempo in der Automobilindustrie macht unsere Aufgabe ja so spannend: Einerseits bewegen wir uns nach wie vor in der „klassischen“ Autowelt und in einem über viele Jahrzehnte gewachsenen Netzwerk aus traditionellen Lieferanten – andererseits müssen wir aber auch auf neue Partner zugehen, etwa aus der Welt der Digitalisierung und der Consumer Elektronik.

Wie stellen sich Ihre Mitarbeiter darauf ein?

Die aktuellen Veränderungen erfordern neue Kompetenzen und eine neue Denkweise: Bei der Zusammenarbeit mit einem Software-Lieferanten haben wir es zum Beispiel mit viel kürzeren Entwicklungszyklen zu tun. Zudem stellt sich bei besonders innovativen Unternehmen auch die Frage, ob wir nicht mit einer Beteiligung unsere strategischen Interessen am besten absichern können. Schon diese Beispiele zeigen, welche breite Palette an Aufgaben der Einkauf heute hat. Die Zeiten der bloßen Preisverhandlungen sind längst vorbei.

Die Zeiten der bloßen Preisverhandlungen sind längst vorbei.

Spüren das auch Ihre traditionellen Zulieferer?

Ja, denn auch und gerade die Kooperation mit diesen langjährigen Partnern entwickelt sich beständig weiter. Mit einigen von ihnen arbeiten wir bereits seit Jahrzehnten zusammen, und natürlich wollen wir diese bewährten Beziehungen nicht nur weiter pflegen, sondern auch auf eine neue Stufe heben. Genau darum binden wir unsere Zulieferer heute bereits in die Vorserienentwicklung ein. In „Konzeptwettbewerben“ können sie ihre Ideen vorstellen und so entscheidend dazu beitragen, dass wir neue Fahrzeuge künftig schneller als bisher erfolgreich auf den Markt bringen. Diese frühe Einbindung unserer Partner passiert nicht nur beim Produkt sondern auch auf der Ebene der strategischen Ausrichtung unserer Unternehmen. Dieser sogenannte Strategie-Dialog ist der Kern unserer Initiative FAST („Future Automotive Supply Tracks“), und mittlerweile haben sich 64 Top-Zulieferer dafür qualifiziert.

Wie sieht diese neue Form der Zusammenarbeit aus?

In der Vergangenheit haben unsere Entwickler Lastenhefte geschrieben, und die Zulieferer haben uns daraufhin ihren Preis genannt. Heute verfassen wir die Lastenhefte gemeinsam mit den Lieferanten – dadurch fließen von Anfang an auch die Sicht der Fertigungsexperten und die Kenntnisse der Zulieferer über den Wettbewerb in die Entwicklung ein. Nur so wird es uns beispielsweise gelingen, bis 2025 konzernweit mehr als 80 neue elektrifizierte Fahrzeuge auf den Markt zu bringen, darunter fast 50 rein batterieelektrische Fahrzeuge und 30 Plug-In-Hybride. Wir nennen diesen Ansatz „Value Sourcing“, und gemeinsam mit unserem „Value Engineering“ ergibt sich ein Vorgehen, dass wir „Design to Source“ nennen. Alle Seiten profitieren davon: Volkswagen, unsere Zulieferer und am Ende vor allem unsere Kunden. Diese neue Form der Zusammenarbeit setzt natürlich ein hohes Maß an gegenseitigem Vertrauen und absolute Verlässlichkeit voraus. Diese Kriterien werden bei der künftigen Gestaltung unseres Zuliefernetzwerkes also noch an Bedeutung gewinnen.

Alle Seiten profitieren davon: Volkswagen, unsere Zulieferer und am Ende vor allem unsere Kunden.

Welche Vision haben Sie vom Einkauf der Zukunft?

Eines steht für mich völlig außer Frage: In Zukunft wird nicht der Konzern mit dem größten Verhandlungsgeschick im Vorteil sein – gewinnen wird vielmehr derjenige, der das beste Lieferantennetzwerk aufbauen kann. Und dieses komplexe Netzwerk wird sowohl aus etablierten als auch aus neuen Partnern bestehen. Als Einkauf befinden wir uns darum an einem strategischen Knotenpunkt, an dem zahlreiche Fäden zusammenlaufen – nicht nur von unseren externen Partnern, sondern auch von anderen Konzernbereichen wie Entwicklung und Finanzen.

Das klingt nach einer fundamental neuen Aufgabe für den Einkauf…

Genauso ist es auch. Unsere Aufgabe hat sich bereits heute vom reinen Einkauf hin zum innovativen Beschaffer und Gestalter von Wertschöpfungsketten gewandelt. Und das ist noch nicht das Ende dieses Transformationsprozesses: Künftig wird bei uns das Management des gesamten Wertschöpfungsnetzwerks immer wichtiger werden. Dann wird es etwa darum gehen, wer überhaupt Teil davon werden soll und welche Aspekte dabei eine Rolle spielen – etwa Nachhaltigkeit. Kurz gesagt: Der Wandel der gesamten Branche spiegelt sich in wenigen Bereichen so sehr wider wie im Einkauf.

Unsere Aufgabe hat sich bereits heute vom reinen Einkauf hin zum innovativen Beschaffer und Gestalter von Wertschöpfungsketten gewandelt. Und das ist noch nicht das Ende dieses Transformationsprozesses.

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