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Flüchtlingshilfe: Hanno zeigt Matran den Weg zur Hochschule

Matran hat viel erlebt in seinem Leben. Viel mehr, als die meisten von uns sich vorstellen können. Umso bemerkenswerter ist, dass ihn noch etwas aus der Ruhe bringen kann.

Diese Aufregung vor einer wichtigen Prüfung kenne doch jeder, sagt Matran lachend. „Ich muss sie eben unbedingt schaffen, damit ich an einer deutschen Hochschule studieren kann.“ Ob sein großer Wunsch in Erfüllung geht? Es gibt gute Gründe dafür. Weil Matran schon viel erreicht hat in Deutschland. Weil es Hanno Teiwes gibt. Und auch Goethe. Doch der Reihe nach.

  1. Diese Geschichte beginnt vor etwas mehr als einem halben Jahr, als Matran wenige Tage vor Weihnachten Wolfsburg besucht. Die zwei Tage gefallen ihm, weil er neue Eindrücke sammeln kann von dem Land, in dem er jetzt lebt; und weil er viele Menschen kennenlernt. Einer von ihnen: Hanno Teiwes, den er zum ersten Mal in einer Pizzeria trifft.

  2. Matran ist 24 Jahre alt, hat im Sudan Informationstechnik studiert und ist aus seinem Heimatland nach Deutschland geflüchtet; Hanno Teiwes ist 27 Jahre alt, hat sein Masterstudium abgeschlossen und schreibt seine Dissertation. Was die beiden zusammenführt, ist das Volkswagen Lotsenprogramm.

  3. Das Lotsenprogramm der Volkswagen Flüchtlingshilfe ist ein Projekt, das Geflüchteten den Zugang zum deutschen Hochschulsystem erleichtern möchte. Die Lotsen sind Mitarbeiter von Volkswagen: Die Doktoranden helfen den Geflüchteten, den Weg zu finden. Aus Erfahrung wissen sie, was Hochschulen von Studierenden erwarten, wie das Campusleben aussieht – und welche Hürden es vor und während des Studiums gibt.

Beim gemeinsamen Pizzaessen lernen sich Lotsen und Geflüchtete kennen. Eines von 16 Tandems bilden Matran und Hanno Teiwes. Die Hoffnung ist, dass die beiden in den kommenden sechs Monaten zu einem guten Team zusammenwachsen. Wir fragen Matran, ob wir ihn auf seinem Weg begleiten dürfen. Um mehr zu erfahren über ihn, seine Ziele und die Hindernisse auf dem Weg zur Hochschule. Matran stimmt zu. „Kein Problem“, sagt er.

Als wir im neuen Jahr Matran das erste Mal treffen, erzählt er von seiner Flucht mit dem Boot über das Mittelmeer und dann quer durch Europa im Bus, mit dem Zug, zu Fuß. Er erzählt, dass er einen Schutzengel haben muss – denn im Sommer 2015 gelingt es ihm, die Flüchtlingsunterkunft in Braunschweig zu erreichen. Am Leben und in Sicherheit. Und er erzählt von seinem neuen Zuhause: einem kleinen Dorf, das zwischen Braunschweig und Hannover liegt. Bis heute lebt er dort mit anderen Geflüchteten in einer Wohngemeinschaft.

  • Volkswagen Flüchtlingshilfe

    Der Volkswagen Konzern engagiert sich auf vielfältige Weise für die Integration von Geflüchteten – von Sprachkursen über Berufsvorbereitung bis zur Begegnung mit Mitarbeitern. Beim Lotsenprogramm der Konzernstelle „Flüchtlingshilfe“ begleiten Mitarbeiter für sechs Monate Geflüchtete, die in Deutschland ein Studium aufnehmen wollen oder bereits studieren. Vor kurzem ist ein Lotsinnenprogramm gestartet, bei dem sich Mitarbeiterinnen und geflüchtete Studentinnen begegnen. Hier erfahren Sie mehr über die Flüchtlingshilfe und das Engagement der Mitarbeiter, Marken und Gesellschaften.

„Die ersten Monate waren hart“, sagt Matran. Er habe kein Wort Deutsch gesprochen, niemanden gekannt und gewartet. Worauf? „Dass es weitergeht.“

Matran macht ein Praktikum als Maler, dann arbeitet er sieben Monate als Koch. Er will wissen, wie das Leben in Deutschland funktioniert: Wie er sich am Fahrkartenautomaten ein Ticket für Bus und Bahn kaufen kann und wie er seine Steuererklärung ausfüllen muss.

Matran (24) hat im Sudan Informationstechnik studiert. Sein Ziel: Er will sich an einer deutschen Hochschule einschreiben.

Und er versucht zu verstehen, wie die Menschen in Europa zusammenleben. „In meinem Dorf habe ich wirklich jeden gekannt. In Deutschland musste ich erst lernen, dass man gemeinsam in einer Straße leben kann, ohne sich näher zu kennen.“ Für Matran steht fest: „Ich will mehr wissen über die Kultur und die Menschen in Deutschland und unbedingt hier bleiben.“

Matrans großes Ziel ist ein Studienplatz an der Hochschule. Seine Voraussetzungen sind gut: Er hat Abitur und ein abgeschlossenes IT-Studium; und er will die deutsche Sprache so gut lernen, dass er die Anforderungen einer Universität erfüllt. Matran erzählt, dass er einen wichtigen Vorbereitungskurs besuchen will und sich erst einen Tag nach Ablauf der Frist um die Anmeldung gekümmert hat.

„Dass ein Tag mehr oder weniger einen Unterschied macht, wusste ich nicht“, sagt Matran. „Das sind Dinge, die Hanno mir erklärt.“

Hanno Teiwes (27) hat sein Masterstudium abgeschlossen und schreibt nun seine Dissertation.

Seit jenem Kennenlerntag in Wolfsburg stehen die beiden in Kontakt. Sie haben vereinbart, jeden Montag über Skype oder WhatsApp miteinander zu reden. Zuerst war es Hanno Teiwes, der viele Fragen stellte – über Matrans Leben im Sudan und seine Flucht nach Europa. Jetzt hat sich die Perspektive geändert: Es geht darum, wie Matran die Herausforderungen des Alltags bewältigt und es an die Hochschule schafft.

„Hanno hat in den USA studiert und kannte sich dort nicht besonders gut aus“, erzählt Matran, „er war in derselben Situation wie ich. Wenn ich ihn frage, bekomme ich immer eine Antwort. Ich lerne viel von ihm.“ Die Verbindung zu ihm sei auch deswegen wichtig, „weil Hanno sich für mein Leben interessiert. Er hat mir Frohe Weihnachten und Frohes Neues Jahr gewünscht. Und er fragt mich, wie mein Wochenende war. Ich kann ein wenig Nähe gut gebrauchen. Meine Familie ist weit weg.“

Bevor wir auseinandergehen, erzählt Matran von einer Begegnung in Deutschland, die ihm Glück gebracht hat: Beim Spazierengehen spricht Matran einen älteren Herrn ohne Umschweife an und erzählt ihm, wer er sei und woher er komme. Wenig später steht dessen Sohn Fabian vor Matrans Wohnungstür und drückt ihm ein Englisch-Deutsch-Wörterbuch in die Hand.

Dank Fabian, der Matrans bester Freund geworden ist, haben sich neue Türen geöffnet. Auch die zu einem Fußballverein, wo Matran im offensiven Mittelfeld auf Torejagd geht. „Leute kennenlernen, mit ihnen weggehen, Spaß haben: Das ist für mich Integration. Es ist gut für mich, Deutsche wie Fabian und Hanno kennenzulernen. So kann ich besser Deutsch lernen.“

Ein paar Wochen später: das nächste Treffen am Tag nach Muttertag. Matran erzählt, dass er sich beim Fußballspielen den Zeh gebrochen hat. Und dass er gestern mit seiner Mutter telefonierte, um ihr zu sagen, welchen besonderen Tag die Deutschen feiern. Am liebsten würde er mit allen reden: den Eltern, seinen beiden Brüdern, den drei Schwestern.

„Meistens reicht die Zeit nur für meine Mutter. Sie gibt das Telefon nicht aus der Hand und hört nicht auf zu erzählen. Die Gespräche sind manchmal lustig, manchmal traurig.“ Ob er eine Chance habe, seine Familie wiederzusehen? „Vielleicht in ein paar Jahren, wenn die Situation eine andere ist.“

Etwas schneller, hofft er, soll sich ein weiterer Wunsch erfüllen: der nach einer eigenen Wohnung. „Ich suche schon lange, aber bisher hat mir kein Vermieter eine Chance gegeben.“

  • „Ich habe richtig Bock darauf“
  • Deutsch, Mathe und Landeskunde
  • „Wenn auch der richtige Test so läuft, schaffe ich es.“

In seinem Zimmer hat das Wörterbuch von Fabian einen festen Platz. Mittlerweile spricht Matran beeindruckend gut Deutsch. „Im Sprachkurs lerne ich zu sagen: ‚Ich habe Lust darauf'. Meine Freunde bringen mir bei, dass es heißt: ‚Ich habe richtig Bock darauf'“, sagt Matran lachend. „Deutsch lernen ist mein Hobby geworden. Ich kann mir gut vorstellen, Sudanesen als Dolmetscher zu helfen. Mir wird ja auch geholfen.“

Im September wird sich zeigen, ob Matrans Deutschkenntnisse ausreichen, um an einer Hochschule studieren zu können – mithilfe jener Prüfung, der er so gespannt entgegenblickt. In dem Kurs, der Geflüchtete auf die Aufnahme am Niedersächsischen Studienkolleg vorbereitet, hat er kurzfristig einen Platz bekommen. Seitdem fährt er jeden Tag nach Hannover, um Deutsch, Mathe und Landeskunde zu pauken.

Mut macht ihm eine Übungsklausur. Gehandelt habe sie vom deutschen Dichter Johann Wolfgang von Goethe, von seinen jungen Jahren als Anwalt und seiner Italienreise, erzählt Matran. „Ich war ziemlich gut. Wenn auch der richtige Test so läuft, schaffe ich es.“

Am Studienkolleg angekommen, wäre Matran nur noch einen Schritt von seinem Ziel entfernt: Nach zwei Semestern und bestandener Abschlussprüfung dürfte er an jeder deutschen Hochschule ein Fachstudium beginnen.

In wenigen Tagen hat Matran Geburtstag. Er wird dann seine Familie anrufen, um sich zu vergewissern, dass es ihr gut geht. Und er wird eine Party für seine Freunde ausrichten. Nicht so groß wie im vergangenen Jahr, als er dreißig Gäste zu sich einlud und sie mit sudanesischen Gerichten bekochte. Dieses Mal wird die Feier kleiner ausfallen. Für ein paar Tage ruht der Vorbereitungskurs in Hannover und Matran hat sich vorgenommen, die Zeit zu nutzen.

„Bis hierhin war es eine lange Reise. Zum ersten Mal seit drei Jahren habe ich ein wenig freie Zeit. Es war immer viel los, und ich bin nie weiter gekommen als bis nach Hannover, Braunschweig und Wolfsburg. Ich will jetzt nach Berlin und Hamburg reisen, um Deutschland besser kennenzulernen.“

Vorher haben sich Matran und Hanno Teiwes noch einmal getroffen. Ihr Lotsenprogramm ist zu Ende gegangen – nach Meinung von Hanno Teiwes zum richtigen Zeitpunkt. „Am Anfang war der Kontakt zwischen uns eng. Seit ein paar Wochen ist es ruhiger geworden“, sagt er. Für ihn ist das ein gutes Zeichen. „Matran ist selbstständiger geworden. Ich habe den Eindruck, dass es gut für ihn aussieht und er meine Unterstützung nicht mehr benötigt.“

Was nicht heißt, dass die beiden den Kontakt abreißen lassen. „Wir bleiben in Verbindung. Matran wird sicher wieder viele Fragen haben, wenn er in ein, zwei Jahren sein Studium beginnt.“ Matran lacht und sagt: „Warum sollen wir uns nicht auch in 50 Jahren noch gut kennen?“