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„Scheitern kann zu tollen Innovationen führen“

Interview mit Historiker Kurt Möser

Vom VW Käfer bis zu eGolf und SEDRIC war es ein langer Weg der kleinen Schritte. Der Historiker Kurt Möser vom Karlsruher Institut für Technologie über Innovationen wie die elektronische Zündung und den Wankelmotor.

Herr Möser, Innovation ist eines der Schlagworte in der Wirtschaft. Was aber genau ist das überhaupt, eine Innovation?

Zunächst einmal die Verbesserung von etwas Bestehendem, einem Gerät, einer Maschine, eines Zustands. Oder die Erschaffung von etwas Neuem auf der Grundlage von etwas Bestehendem. Manchmal liegt die Innovation auch darin, dass etwas Bekanntes auf eine neue, disruptive Weise genutzt wird. Nehmen Sie den Container. Technisch ist er nicht wirklich innovativ. Die Idee des Containers gibt es schon, seit es industriellen Transport gibt. Aber die heutigen Normcontainer, die 20- und 40-Fuß-Container, eigentlich simple Blechkisten, haben unsere moderne Welt revolutioniert, sie sind die Objekte der Globalisierung. Innovationen sind Erfindungen, die zur Anwendung kommen.

Lief das beim Auto ähnlich?

Für ihre Automobile haben Carl Benz und Gottlieb Daimler Bestandteile zusammengefügt, die es für sich genommen schon länger gab. Wenn man sich zum Beispiel die Räder anschaut, die Carl Benz verwendet hat: Die hat er in einer Fahrradfabrik in Frankfurt gekauft. Die Rohre stammen ebenfalls vom Fahrrad. Der Stationärmotor war auch eine schon bekannte Technik. Dann erst kommen bestimmte Innovationen dazu.

Zunächst war das Automobil eher ein Spielzeug für extravagante und wohlhabende Männer. In den 20er-Jahren wurde es zu einem Statussymbol von Ärzten, Anwälten, Geschäftsleuten, aber zu einem alltagstauglichen Massenverkehrsmittel erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Was veränderte sich damals?

Wir erleben, beginnend in den 1950er-Jahren, zunächst eine Designrevolution. Alles, was bei einem Auto der 1930er- und der 1940er-Jahre noch separat an die Karosserie montiert wurde, verschmilzt nun miteinander. Die Kotflügel werden in die Karosserie integriert ebenso die Scheinwerfer. Die Frontscheibe wird immer flacher, das Schrägheck ist im Kommen. Und aus dem Drei-Box-Auto – Motor, Fahrgastzelle, Kofferraum – wird das Zwei-Box-Auto, das den Kofferraum mit dem Fahrgastraum verbindet. Da entsteht im Prinzip die Golf-Form: unteres Mittelklassefahrzeug mit Frontantrieb, Frontmotor, vier Türen und Heckklappe.

Und technisch?

Die technischen Innovationen sind vor allem die Elektronikzündung und die Einspritzung, beim Dieselmotor die Common-Rail-Einspritzung. Dazu kommen Entwicklungen, die vor allem die Sicherheit und den Komfort erhöhen: Kopfstützen und Sicherheitsgurte zum Beispiel – letztere setzten sich erst nach massivem Druck durch die Behörden durch – elektrische Fensterheber, elektrische Sitzverstellung.

Erfolgsmodell VW Käfer

Das schließt Scheitern mit ein.

Selbstverständlich. Interessanterweise hat die Volkswagen-Stiftung gerade einen Preis ausgeschrieben, in dessen Bewerbungsvoraussetzungen es heißt: Sie müssen eine gute Idee haben, die bisher niemand fördern wollte, weil niemand an den Erfolg glaubte – kommt mal zu uns. Genau so muss man es eigentlich machen: die Leute ermutigen, auch aus Fehlern zu lernen. Aus dem Scheitern können großartige Innovationen entstehen.

Wie kommt es zu diesen Innovationen?

Sie nehmen in der Regel in der Oberklasse ihren Anfang, damit sich die wohlhabenderen Kunden von den einfachen Autofahrern abheben können. Nach und nach sickern sie dann in die unteren Fahrzeugklassen durch. Zum zweiten, indem sich Vorschriften ändern wie zum Beispiel bei der Einführung des Katalysators. Drittens, weil es Unzulänglichkeiten gibt. Die normale Zündung der 60er-, 70er-Jahre müssen Sie selbst oder eine Werkstatt regelmäßig einstellen, damit der Wagen nicht immer schlechter fährt. Elektronische Zündung hieß die Lösung dieses Problems. Viertens schließlich entstehen Innovationen, weil nach Wegen gesucht wird, Autos günstiger zu produzieren. So hat das etwa Ferdinand Porsche beim Käfer gemacht: Er hat einen Wagen entworfen, der sich einfach produzieren lässt. Porsche hat konsequent von der Produktionsseite aus gedacht.

Das war ein innovatives Konzept und am Markt erfolgreich. Woran liegt es, wenn Innovationen scheitern wie der berühmte Wankelmotor im NSU RO 80?

Beim Wankelmotor können wir ziemlich genau sagen, warum er gescheitert ist. Der ist mit einem unglaublichen Hype vermarktet worden, konnte aber seine Versprechen teilweise nicht halten – ein Wundermotor, der am Ende keiner war. Hinzu kam: Die Anforderungen an einen Automotor ändern sich. Der Wankelmotor ist kaum auf dem Markt, da bewirkt die Ölkrise einen Paradigmenwechsel. Autos sollen von nun an vor allem sparsam sein. Aber der Wankelmotor verbraucht viel Benzin, viel mehr als der kleine Dieselmotor, der jetzt immer öfter zum Einsatz kommt. Und der immer besser wird.

Der Wankelmotor im RO 80 von NSU konnte sich nicht durchsetzen

Ist der Diesel ein Game-Changer gewesen?

Ja, unbedingt. Der Diesel hat das Auto im Prinzip fast neu erfunden in den 1970er Jahren. Autofahren steht damals massiv in der Kritik, weil es Ressourcen verbraucht und die Umwelt verschmutzt. Es ist unter anderem der Diesel, der das Auto rettet. Die Konzerne stecken plötzlich Forschungsgelder in den Diesel, die Verbräuche gehen weiter runter. Der Dieselmotor ist damals einfach ein extrem innovativer Motor. Bis in die Neunzigerjahre hinein. Da steigert die Common-Rail-Technik noch mal die Effizienz. Ich mache mich wirklich stark für den Diesel. Wenn wir den Diesel aus politischen Gründen killen, dann werden wir zum Beispiel unsere CO₂-Ziele nicht einhalten können.

Der Golf 1 begründete 1974 eine eigene Fahrzeugklasse

Was sind die langfristigen Innovationstrends?

Der augenfälligste Trend ist die seit vielen Jahren stattfindende Automatisierung. Die Bedienung der Maschine Auto ist auf wenige Handgriffe bzw. Fußtritte beschränkt. Parkassistent, Tempomat, Abstandshalter erleichtern das Fahren eines Autos, Navigationssysteme bringen uns ans Ziel. Mithilfe von Sensoren und Kameras bremsen Autos selbstständig und halten die Spur. Dem Fahrer werden immer mehr Aufgaben abgenommen.

Bis irgendwann autonom fahrende Autos ganz ohne Fahrer auskommen?

Ich bin mir nicht sicher, ob es dafür in naher Zukunft einen großen Markt gibt. Die Vorteile liegen auf der Hand, klar. Aber ich glaube, die meisten Fahrer wollen die Kontrolle nicht komplett abgeben, abgesehen von rechtlichen und sicherheitsrelevanten Fragen. Also mal abwarten. Ich hoffe, dass ich noch lange genug auf der Welt bin, um autonomes Fahren mitzuerleben.

Gibt es eigentlich so etwas wie ein günstiges Innovationsklima?

Das kann man nicht so sagen, dass es generell in einer Gesellschaft ein günstiges Innovationsklima gibt. Das unterscheidet sich sektoral. Dieselben Leute, die bereit sind, alle zwei Jahre neue Smartphones zu kaufen, weigern sich zum Beispiel, neue Stromtrassen zu tolerieren. Da haben Sie auf dem einen Feld eine Innovationsfreundlichkeit bei den Kunden und auf der anderen Seite bei der Nutzerseite dieses „Not in my backyard“-Prinzip.

Die Studie ID. VIZZION von Volkswagen kommt ohne Fahrer aus

Wie schafft man eine Atmosphäre, die sich positiv auf die Entwicklung von Innovationen auswirkt?

Wir versuchen beispielsweise hier am KIT ein Klima zu schaffen, das Innovationen befördert, indem wir disruptives Denken fördern. Kein „Weiter so!“, sondern „Neues ausprobieren!“. Wir wollen Leute mit neuen Ideen gezielt fördern, ein Vorsatz, der meines Erachtens in der Bundesrepublik inzwischen weit verbreitet ist.