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Der Visionär in China

Der Visionär in China

Carl Hahn, ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Volkswagen Konzerns, brachte in den 1980er Jahren die Marke Volkswagen nach China. Mit dem Aufbau einer Automobilindustrie in China prägte er mit Volkswagen die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung des Landes. Für sein Engagement zeichnet die China Newsweek Carl Hahn als „Person des Jahres“ aus.

Wenn Prof. Dr. Carl Horst Hahn (92) im Staatsgästehaus Diaoyutai in Peking am Samstag die Bühne betreten wird, reiht sich eine weitere Auszeichnung in seinen Lebenslauf ein. Die Vita Hahn umfasst in rund 70 Jahren zahlreiche berufliche Stationen, Würdigungen und Mitgliedschaften. Die Fotos, Preise und Widmungen in seinem Wolfsburger Büro dokumentieren dies eindrucksvoll: Internationale Persönlichkeiten wie Papst Johannes Paul II., Tennis-Legende Steffi Graf, Russland-Reformer Michail Gorbatschow und chinesische Führungsspitzen zieren die Wände. Dazwischen finden sich Familienfotos seiner Frau Marisa und der gemeinsamen vier Kinder.

Prof. Carl Hahn ist “Person des Jahres“ in China

Der ehemalige Vorstandsvorsitzende Prof. Carl Hahn wird für sein Engagement in China als „Person des Jahres“ ausgezeichnet

Als Vorstandsvorsitzender des Volkswagen Konzerns stellte Hahn in den 1980er Jahren die Weichen für den Erfolg des Unternehmens in China – und damit langfristig für den gesamten Konzern. Als Partner beim Aufbau der dortigen Autoindustrie prägte Volkswagen in den folgenden Jahrzehnten die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Chinas wie kein anderer Autohersteller. Möglich wurde der Aufstieg Chinas zur Wirtschaftsnation durch die Reform- und Öffnungspolitik, die sich 2018 zum 40. Mal jährt. Aus diesem Anlass ehrt das chinesische Fachmagazin China Newsweek 40 Persönlichkeiten für ihre Verdienste während der Reformen in China. Vier davon erhalten stellvertretend an diesem Wochenende in Peking die Auszeichnung als „Person des Jahres“ – Carl Hahn ist einer davon. Für den 92-Jährigen ist die Auszeichnung in China eine unter vielen, und dennoch etwas ganz besonderes. „Diese Ehrung ist ein Geschenk, wie man es größer im Leben nicht bekommen kann“, sagt Hahn. „Ich hatte ein so reiches Leben und ich bin jeden Tag dankbar dafür. Alleine wäre all das nicht möglich gewesen. Ich hatte viele Wegbegleiter und Unterstützer, bei denen ich mich bedanken möchte, darunter meinen ehemaligen Vorstandskollegen Dr. Martin Posth. Ich werde den Preis auch für sie sowie die Volkswagen Mannschaft in China und in der ganzen Welt entgegennehmen.“

Bereits als Kind kam Carl Hahn mit der Automobilindustrie in Berührung

1926 in Chemnitz geboren, kam Hahn als Sohn eines Industriellen bereits im Kindesalter mit der Automobilindustrie in Berührung. Sein Vater arbeitete vor dem Zweiten Weltkrieg in führender Stellung bei DKW in Zschopau bei Zwickau und später bei der neu gegründeten Auto Union in Chemnitz. Nach 1945 startete die Familie einen Neuanfang in Ingolstadt. Dort gründeten Hahns Vater und Richard Bruhn nach Kriegsende mit Hilfe der Bayerischen Staatsbank die Auto Union in Ingolstadt neu und legten damit den Grundstein für die heutige Konzernmarke Audi. Nach dem wirtschaftswissenschaftlichen Studium in Paris promovierte Carl Hahn an der Universität in Bern und war zunächst an der OEEC (Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit) in Paris tätig.  

Vom Assistenten zum Vorstandsvorsitzenden des Volkswagen Konzerns

Seine Karriere bei Volkswagen begann Hahn 1954 als Assistent von Heinrich Nordhoff bei der damaligen Volkswagenwerk GmbH. Bereits ein Jahr später wurde er Leiter der Exportförderung und wechselte vier Jahre später als CEO zu Volkswagen of America, wo er mit dem VW Käfer den amerikanischen Markt eroberte. Zurück in Wolfsburg, wurde er mit 38 Jahren zum Vorstandsmitglied für den Konzernvertrieb berufen. Nach Differenzen um die strategische Ausrichtung des Konzerns – Hahn machte sich mit seiner Divisionalisierungspolitik nicht nur Freunde, weil er schon damals die Konzernmarken in unterschiedlichen Segmenten positionieren wollte – verließ er Volkswagen im Jahr 1972. Anschließend übernahm Hahn neun Jahre lang die Führung der damaligen Continental Gummi-Werke AG in Hannover.  

„Wenn ich eine Begabung gehabt habe, dann war es meine Begabung für Strategien“

Als er 1982 als Vorstandsvorsitzender zu Volkswagen zurückkehrte, setzte er das Thema China auf die Tagesordnung. Die Entscheidung war wohl überlegt, als vorausschauender Stratege verfolgte Hahn mit Volkswagen eine weltweite Expansionspolitik, die er bereits mit dem Markteintritt in Brasilien und Mexiko begonnen hatte. „Wenn ich eine Begabung gehabt habe, dann war es meine Begabung für Strategien“, so Hahn. Mit der Übernahme von SEAT und ŠKODA entwickelte sich Volkswagen unter Hahn zum europäischen Marktführer. Die Vision von Volkswagen im Reich der Mitte stieß jedoch durchaus auch auf Kritik. Manche bezeichneten seine Pläne für China schlichtweg als „Unsinn“, der „Millionen Dollar bei den Kommunisten versenken würde“, erzählt Hahn. Die Argumente gegen China lagen auf der Hand: eine vom Kommunismus geprägte Staatswirtschaft und die geringe Kaufkraft in dem Riesenreich – auf ein Auto kamen 1.000 Einwohner.BU: Im Herbst 1985 rollte der erste in China gebaute VW Santana vom Band.

Visionär Carl Hahn plädierte für den Markteintritt von Volkswagen in China

Zusammen mit einer Gruppe von Mitstreitern plädierte Hahn dennoch weiter für den Markteintritt von Volkswagen in China und warb für die Etablierung einer chinesischen Automobilindustrie. Mit Aufnahme der diplomatischen Beziehungen und dem Besuch einer chinesischen Delegation in Deutschland 1978, verhandelte man nur wenige Wochen später über die lokale Montage von Volkswagen Modellen in China. 1984 markierte einen Meilenstein: Als erster ausländischer Automobilhersteller schloss Volkswagen einen Joint-Venture-Vertrag mit Gründung der „Shanghai-Volkswagen Automotive Company“. Ein Jahr später rollte der Santana in China vom Band. In den Folgejahren trieb Hahn den Ausbau des Produktionsstandorts stetig voran. 1991 folgte mit FAW-Volkswagen ein weiteres Joint-Ventures in Changchun. 1992 wechselte Hahn vom Vorstand in den Aufsichtsrat, wo er bis 1997 tätig war.

Langfristige Kooperationen und Austausch von Know-how

Beim Aufbau der chinesischen Automobilindustrie setzte Hahn auf langfristige wirtschaftliche Kooperationen. „Wir brachten die größten Automobilzulieferer nach China und mussten zunächst ein Zulieferernetzwerk schaffen“, erläutert Hahn. „Daneben etablierten wir grundlegende Strukturen wie zum Beispiel Tarifverträge.“ Mit Unterstützung der VW-Stiftung leistete Hahn einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung des Landes. Mehr als 100 Projekte hat die weltweit tätige Stiftung von Volkswagen in China seither realisiert – vom Aufbau sanitärer Einrichtungen bis hin zu Universitäten. “Wir wollten etwas tun, was das Land voranbringt und neue Impulse setzen“, betont der 92-Jährige. Mit dem Bau einer Lehrwerkstatt mit deutschen Meistern vor Ort oder der Einführung eines Schulprogramms zur Ausbildung von Mitarbeitern in Deutschland und China setzte sich Hahn schon früh für einen Wissenstransfer ein. „Wir müssen Know-how untereinander austauschen und die eigenen Leute qualifizieren“, so Hahn.

In China zu Hause: Auch heute noch unterstützt Carl Hahn diverse Projekte in China

Auch heute noch fühlt sich Carl Hahn in China zu Hause. Er reist regelmäßig dorthin, um verschiedene Projekte vor Ort zu betreuen, darunter Stiftungen oder Forschungen, etwa im Bereich der Gentechnik. Man merkt ihm die Bewunderung und Begeisterung für Land und Leute an. “Die Bedeutung Chinas heutzutage ist unübersehbar, etwa im Bereich der Digitalisierung. Die Chinesen besitzen eine unglaublich schnelle Auffassungsgabe,  wirtschaftliche Kompetenz und handeln mit viel Disziplin und Logik. Sie zeichnen sich durch Unternehmertun und Erfindergeist aus“, sagt Hahn.

Mit seinen 92 Jahren ist Carl Hahn fast immer noch täglich im Büro. Man spürt förmlich, wie ihn Ideen und Projekte umtreiben. „Einst brachten wir mit Volkswagen Know-how nach China, heute fahren uns die Chinesen bei der Elektromobilität voraus“, sagt Hahn. „China ist auf dem richtigen Weg. Und unsere Zusammenarbeit mit China kann gar nicht eng genug sein.“ Das Reich der Mitte ist längst der größte und wichtigste Einzelmarkt für den Volkswagen Konzern: Aus ein paar Tausend Fahrzeugen jährlich sind rund vier Millionen verkaufte Modelle im Jahr 2017 geworden. Den Grundstein hierfür hat er vor 40 Jahren gelegt – der Visionär und Stratege Carl Hahn.

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