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„Wir brauchen eine CO₂-Steuer“

Nicht viele Menschen wissen mehr als Connie Hedegaard über Politik, Big Economy und die Verflechtung der beiden auf internationaler Ebene. Vor allem, wenn es um den Klimawandel geht. Die dänische Politikerin hat als führende Fernseh-, Radio- und Zeitungsjournalistin gearbeitet, bevor sie 2004 Umweltministerin in Dänemark und 2007 Ministerin für Klima und Energie wurde. 2009 war sie Gastgeberin der UN-Klimakonferenz COP15 in Kopenhagen. Von 2010 bis 2014 arbeitete sie als EU-Kommissarin für Klimapolitik. Seitdem hat sie sich einen Namen als Intellektuelle und Klimaschutzexpertin von globalem Rang gemacht. Im Oktober 2016 wurde sie zum Mitglied des Nachhaltigkeitsrates des Volkswagen Konzerns berufen. Die neun renommierten Ratsmitglieder beraten den Volkswagen Konzernvorstand zu den Themen nachhaltige Mobilität und Umweltschutz sowie soziale Verantwortung, Integrität, Zukunft der Arbeit und Digitalisierung. Sie arbeiten völlig selbstständig.

Interview mit Connie Hedegaard, Mitglied des Volkswagen Nachhaltigkeitsbeirats

Wie können wir die globale Erwärmung bei unter zwei Grad stoppen? Und was sollten Automobilhersteller und Politiker dafür tun? Connie Hedegaard, Mitglied des Volkswagen Nachhaltigkeitsbeirats, gibt Antworten.

Frau Hedegaard, der Nachhaltigkeitsrat arbeitet seit mehr als zweieinhalb Jahren. Wie würden Sie seine Hauptaufgabe umschreiben?

Mit der Ernennung des Rates hat Volkswagen ein klares Zeichen gesetzt: Der Klimawandel ist für uns ein zentrales Thema. Wir Ratsmitglieder sehen dies als große Chance, um einen offenen Dialog zwischen Europas größtem Automobilhersteller, Wissenschaftlern, Umweltaktivisten und NGO's zu entwickeln. Seitdem hatten wir einen wirklich offenen Austausch mit dem Vorstand.

Zu Ihren Schwerpunkten gehört auch der kulturelle Wandel im gesamten Volkswagen Konzern.

Richtig. Fragen wie: Wie kann es sein, dass die Vorgänge, die zum Dieselskandal führten, so lange andauerten? Wir ermutigen Volkswagen, intensiv darüber nachzudenken, wie man eine Unternehmenskultur aufbaut, die solche Dinge in Zukunft zu vermeiden hilft. Abgesehen davon ist es kein Zufall, dass Volkswagen bei der Dekarbonisierung der Automobilbranche die Führung übernommen hat. Die Dieselkrise hatte für Volkswagen gravierende Folgen, finanziell und das Image betreffend. Aber sie könnte zugleich ein mentaler Tritt in den Hintern zur richtigen Zeit gewesen sein.

Was sind für Sie die wichtigsten Errungenschaften des Rates bisher, sowohl beim Mentalitätswandel als auch bei konkreten Maßnahmen?

Meiner Meinung nach hat Volkswagen wieder einen konstruktiven Dialog mit der Zivilgesellschaft aufgenommen. Und das Unternehmen stärkt seine Position in diesem Dialog vor allem, indem es starke Maßnahmen zur CO₂-Neutralität ermöglicht und einen ernsthaften Dekarbonisierungsplan vorantreibt. Die jüngsten Fortschritte in diesem Bereich können unter anderem auch das Ergebnis intensiver Diskussionen sein, die vom Nachhaltigkeitsbeirat kuratiert wurden. Für mich persönlich ist es enorm wichtig, dass sich Top-Unternehmen wie Volkswagen für den Klimaschutz engagieren.

Ein kultureller Mentalitätswandel ist also bei Volkswagen bereits spürbar?

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie die Mitarbeiter in der Produktion und in den Büros über Dekarbonisierung, Elektroautos und Digitalisierung denken. Aber im Top-Management scheint die Erkenntnis, dass Volkswagen einen ganz neuen Weg erfolgreich gehen muss, stärker verankert zu sein als 2016. Für sein letztes Treffen mit dem Nachhaltigkeitsbeirat nahm sich Herbert Diess drei Stunden Zeit. Für mich ein klares Signal.

Gegenwärtig scheint vor allem die jüngere Generation auf eine effektivere Dekarbonisierungspolitik zu drängen. Wie sehen Sie Bewegungen wie #fridaysforfuture in dieser Situation?

Ich denke, dass die Mobilisierung gut ist. Jüngere Menschen verstehen offensichtlich, dass sie eine hohe Rechnung für den Klimawandel bezahlen müssen – und dass diese Rechnung umso höher ausfällt, je unentschiedener die Eltern-Generation agiert. Aber ich beobachte auch einen allgemeinen Bewusstseinswandel. Im Frühjahr 2019 berichten die Nachrichten über schwere Überschwemmungen in Simbabwe, Mosambik, Malawi, mehr als eine Million Menschen haben gerade ihr Zuhause verloren. Im April stieg in Grönland die Temperatur an einem Tag um 20 Grad. Und immer mehr Menschen denken: "Oh, genau davor haben uns die Wissenschaftler gewarnt." In Dänemark ist der Klimawandel erstmals das Nummer-Eins-Thema auf der Wähler-Agenda.

Kohle und Öl sind die größten Treiber für die steigenden CO₂ Emissionen.

Die Welt erkennt also endlich, dass der Klimawandel in vollem Gange ist?

Das hoffe ich sehr. 2009, im Vorfeld der UN-Klimakonferenz, gab es eine ähnliche globale Mobilisierung. Alle schienen verstanden zu haben, dass es fünf vor zwölf Uhr war. Dann kam die Finanzkrise, und plötzlich hatten Entscheidungsträger, Banken und Investoren andere Dinge zu tun. Wir haben damals erlebt, wie fragil diese Art von Bewusstseinswandel ist. Eine solche Erfahrung können wir uns nicht nochmal leisten. Und Mobilisierung ist eine Möglichkeit, genau dies zu verhindern.

Wie ausgeprägt ist dieser Bewusstseinswandel in der Autoindustrie?

Die Branche verändert sich stark. Als ich EU-Kommissarin war, hörte ich Automobilhersteller oft klagen: "Oh, regulieren Sie dieses nicht, jenes ist zu viel, das kriegen wir nicht hin." Natürlich ist es legitim, so unverbindliche Vorschriften wie möglich durchzusetzen — aber für mich hatte die Branche den Fuß ein wenig zu sehr auf der Bremse. Grüne Mobilität bietet große Chancen, wenn man früh und schnell genug ist, Digitalisierung ebenfalls. Wir stehen vor einer massiven Umwälzung im Mobilitätssektor mit neuen Wettbewerbern aus China und Silicon Valley. Soweit ich das beurteilen kann, sind sich die Spitzenkräfte des Volkswagen Konzerns dessen voll bewusst.

In jüngster Zeit hat Volkswagen CEO Herbert Diess ein Primat der E-Mobilität gefordert, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Stimmen Sie zu?

Man kann nicht den neuesten EU-Standards entsprechen, wenn man nicht über einen großen Anteil an BEVs oder PHEVs verfügt. Und ganz sicher kann man so nicht bis 2050 CO₂-neutral werden. Abgesehen davon verstehe ich die Aussage von Herrn Diess auch als symbolische Botschaft: Hallo, wir investieren hier wirklich im großen Stil! Auch in der Hoffnung, dass die Politik die Infrastruktur und finanzielle Anreize für E-Mobilität vorantreibt. Es bedarf gemeinsamer Anstrengungen, um der neuen Antriebstechnik zum Durchbruch zu verhelfen.

Was könnten die politischen Akteure innerhalb der EU dafür tun?

Die EU hat klare Vorschriften für den CO₂-Ausstoß erlassen. Um den Autoherstellern zu helfen, diese zu erfüllen, könnten die EU-Länder mehr tun, um E-Mobilität zur umweltfreundlichsten Antriebstechnologie zu machen. Offensichtlich wäre der wichtigste Schritt, zum Beispiel in Deutschland, eine klare Senkung des Kohlestromanteils. In Ländern wie Norwegen haben Elektroautos einen deutlich besseren CO₂-Fußabdruck als andere, da das Land Strom zu fast 100 Prozent aus Wasser erzeugt. Vor diesem Hintergrund können die norwegischen Politiker die vielen Anreize, die sie zur Förderung der Elektromobilität gesetzt haben, besser erklären. Und das ist wiederum ein Grund, warum jedes zweite neue Auto in diesem Land bereits elektrisch fährt. Ich denke, die EU-Nationen tragen eine große Verantwortung dafür, dass die Besteuerung zugunsten der Elektrifizierung funktioniert. So könnte beispielsweise ein steuerbegünstigtes System für Elektro-Firmenwagen für einen begrenzten Zeitraum eine enorme Rolle spielen. Gleichzeitig sollte die indirekte Subventionierung fossiler Brennstoffe in Europa eingestellt werden. Was wir brauchen, ist eine smarte CO₂-Steuer für unsere Mobilität.

Der Transportsektor trägt mit rund 14 Prozent zu den weltweiten CO₂ Emissionen bei.

Wie sehen Sie die Chancen, die globale Erwärmung bei 1,5 Grad zu stoppen?

Wir sollten alles tun, um unter zwei Grad zu bleiben und versuchen, möglichst weit in Richtung 1,5 zu kommen. Laut dem IPCC-Bericht vom vergangenen Herbst gibt es einen großen Unterschied zwischen 1,5 und 2 – was er der Welt antut. 1,5 wird eine große Herausforderung sein. Aber es ist möglich, unter zwei Grad zu bleiben, wenn wir uns wirklich darauf konzentrieren, unsere Regeln für Energie, Verkehr, Gebäude und Landwirtschaft zu ändern. Dafür besteht Anlass zur Hoffnung – vor allem wenn ich sehe, wie die Verbraucher – insbesondere die jungen – ihre Gewohnheiten, ihre Ernährung und ihr gesamtes Wertesystem ändern: Du musst nicht alles besitzen. Deine Kleidung muss nicht nur für dich selbst hergestellt werden. Es ist wirklich uncool, Essen zu verschwenden. Da vollzieht sich gerade ein Paradigmenwechsel von Quantität zu Qualität, von mehr und mehr zu genug ist genug.

Kritiker wenden ein, dass alle Bemühungen in Europa durch den wachsenden Konsum in den Schwellenländern weltweit zunichte gemacht würden.

Warum sollten wir so zynisch sein? Und wie können wir an diese Länder appellieren, ihre CO₂-Belastung zu reduzieren, wenn wir selbst nicht vorankommen? Wir sind viel stärker industrialisiert, wir haben die Fähigkeiten und Ressourcen. Deutschland und Dänemark haben zum Beispiel Windtechnologien entwickelt, die heute in Indien konkurrenzfähig zum Kohlestrom sind – in einem Land, das immer noch 350 Millionen Menschen ohne Zugang zu Strom hat. Darin liegt eine große Herausforderung. Gleichzeitig ermutigt es mich, dass Investoren weltweit von nachhaltigen Produkten angezogen werden – nicht aus Philanthropie, sondern aus purem Geschäftssinn.

Connie Hedegaard im Interview beim DRIVE Volkswagen Group Forum in Berlin.

Nachhaltigkeit zahlt sich aus?

Das ist es, was die Menschen verändert. Wir haben jetzt Business Cases: Pensionsfonds, die mehr in grüne statt in schwarze Energie investieren, schneiden überdurchschnittlich gut ab. Je mehr dieser Beispiele wir sehen, desto mehr wächst das Geschäft.

Wie reduzieren Sie persönlich Ihren CO₂-Fußabdruck?

In unserem Haushalt haben wir die Fenster ersetzt, sind zur Zentralheizung gewechselt, haben unsere Ernährung umgestellt, kaufen weniger Lebensmittel und essen weniger Fleisch. Ich radle jeden Tag, meistens 16 Kilometer nach Kopenhagen und zurück. Aber andererseits fliege ich aus beruflichen Gründen viel. Ich hoffe, dass mir die Technologie hier bald helfen wird, alternative Kraftstoffe und neue nachhaltige Wege des Fernverkehrs zu entwickeln.