1. DEUTSCH
  2. News
  3. Stories
  4. 2019
  5. 06
  6. „Klimapolitik ohne CO₂-Preis ist wie Medizin ohne Penicillin“

Wir setzen Cookies (eigene und von Drittanbietern) ein, um Ihnen die Nutzung unserer Webseiten zu erleichtern und Ihnen Werbemitteilungen im Einklang mit Ihren Browser-Einstellungen anzuzeigen. Mit der weiteren Nutzung unserer Webseiten sind Sie mit dem Einsatz der Cookies einverstanden. Weitere Informationen zu Cookies und Hinweise, wie Sie die Cookie-Einstellungen Ihres Browsers ändern können, entnehmen Sie bitte unserer Cookie-Richtlinie. Akzeptieren

„Klimapolitik ohne CO₂-Preis ist wie Medizin ohne Penicillin“

Interview mit Prof. Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung

Prof. Ottmar Edenhofer ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und einer der weltweit renommiertesten Klima-Ökonomen. Für die Bundesregierung erarbeitet er ein Modell zur Bepreisung von CO₂, das noch im Sommer vorliegen soll. Im Interview spricht er über den Weg zu einem wirksamen Klimaschutz.

Die Fridays-for-Future-Proteste verschaffen dem Klimaschutz weltweit Aufmerksamkeit. Wie finden Sie das?

Die Bedeutung dieser Demonstrationen ist enorm. Noch beim UN-Klimagipfel im polnischen Kattowitz vor wenigen Monaten fürchteten viele Politiker eine Gelbwesten-Bewegung wie in Frankreich – und waren entsprechend vorsichtig mit Zusagen für den Klimaschutz. Inzwischen haben die Schülerinnen und Schüler die Debatte entscheidend verändert. Auf die Straße gehen jetzt die, um deren Zukunft es geht. Zugleich ist allen der Dürresommer 2018 noch in Erinnerung, der etwa die weltweite Weizenernte schrumpfen ließ; die Sorge wegen zunehmender Wetterextreme wächst. In Deutschland erleben wir nun eine lebendige Diskussion zur CO₂-Bepreisung als Mittel zur Klimastabilisierung.

Wie dringend ist es, für den Klimaschutz zu handeln?

Es ist sehr dringend. Um die Risiken des Klimawandels zu begrenzen, müssen wir bis 2050 weltweit CO₂-Neutralität erreichen. Das kann nur gelingen, wenn wir bereits bis 2030 den weltweiten Stromsektor dekarbonisieren und zugleich Verkehr und Wärmeerzeugung elektrifizieren. Übersehen wird gern: Innerhalb der EU haben sich die Mitgliedstaaten verbindlich darauf geeinigt, bis 2030 die CO₂-Emissionen auch jenseits des Stromsektors – eben bei Verkehr, Wärme, auch Landwirtschaft – um jeweils 38 Prozent zu senken. Dazu gelten jahresscharfe Budgets für jeden Mitgliedstaat. Wer die Reduzierung nicht schafft, muss bei anderen Staaten Emissionsrechte kaufen – das kann Milliarden kosten, und zwar konkret auch Deutschland. Wenn also etwa unsere Autos weiterhin zu viele Treibhausgase ausstoßen, dann wird das teuer für die Steuerzahler. Auch deshalb hat der Verbrennungsmotor langfristig keine Zukunft.

Mit welchen Mitteln lassen sich die Ziele am besten erreichen?

An einer gerechten Bepreisung klimaschädlicher Emissionen führt kein Weg vorbei. Eine Klimapolitik ohne CO₂-Preis ist wie Medizin ohne Penicillin. Langfristig brauchen wir ein einheitliches Preissignal in allen Sektoren – ob Verkehr, Landwirtschaft oder Wärmeerzeugung. Nur dann werden die Emissionen dort gesenkt, wo es am effizientesten ist. Man kann das entweder über eine Steuer erreichen oder über einen Zertifikatehandel, nötig ist aber immer ein sozialer Ausgleich. Gut wäre, wenn auch große Unternehmen wie Volkswagen sich öffentlich für einen CO₂-Preis stark machen würden. Der Preis bietet der Wirtschaft genau die Planbarkeit und Verlässlichkeit, die sie für Investitionen in saubere Technologien braucht. Und Volkswagen könnte Verantwortung für die Zukunft übernehmen und damit vielleicht auch das beim Dieselskandal verloren gegangene Vertrauen der Menschen ein Stück weit wieder zurückgewinnen.

„Der Staat sollte die Einnahmen aus der CO₂-Bepreisung an die Bürger zurückgegeben – zum Beispiel über eine Senkung der Stromsteuer“, fordert Ottmar Edenhofer

Was genau passiert ohne CO₂-Preis?

Ein gutes Beispiel ist der Kohleausstieg in Deutschland. Der ist richtig – aber wir müssen ihn absichern mit einem Mindestpreis für CO₂ in Europa. Tun wir das nicht, dann steigt in einigen Nachbarländern der Anreiz, wieder verstärkt Strom aus Braunkohle und Steinkohle zu erzeugen, weil der Betrieb der Kraftwerke rentabler wird. Für unser Klima wäre dann nichts gewonnen, Wetterextreme nähmen weiter zu. Mit CO₂-Preis zahlen wir für die Klimastabilisierung – ohne CO₂-Preis zahlen wir für Klimaschäden. Wir haben die Wahl.

Wie lassen sich soziale Ungerechtigkeiten vermeiden?

Der Staat sollte die Einnahmen aus der CO₂-Bepreisung an die Bürger zurückgegeben – zum Beispiel über eine Senkung der Stromsteuer. Und ich plädiere dafür, jeden Bürger um den gleichen Betrag zu entlasten. Davon würden vor allem einkommensschwache Haushalte profitieren. Eine Klimapolitik, die sozial ungerecht ist, wäre zum Scheitern verurteilt. Ganz sicher ungerecht wäre allerdings ein ungebremster Klimawandel, denn durch Klimaschäden steigende Preise, zum Beispiel bei Nahrungsmitteln oder Versicherungen, würden natürlich besonders stark ärmere Menschen treffen.

Der Volkswagen Nachhaltigkeitsbeirat unterstützt ein Forschungsprojekt zur klimafreundlichen Regulierung des Verkehrs. Worum geht es dabei?

Der Transportsektor steht vor einem großen Umbruch. Wir erforschen beispielsweise, wie sich die Verkehrsprobleme der Städte lösen lassen und unter welchen Voraussetzungen sich Elektromobilität durchsetzt. Konkret untersuchen wir unter anderem das Verhalten von Autofahrern in Berlin. Wir wollen herausfinden, wie sensibel sie auf Veränderungen der Kraftstoffpreise reagieren. Der erste Eindruck: Die Preise scheinen das Fahrverhalten stärker zu beeinflussen, als viele Wissenschaftler erwartet hätten. Dies ist ein Hinweis auf die Wirksamkeit einer CO₂-Bepreisung.

Noch immer gibt es Zweifler, die nicht an die Verantwortung des Menschen für den Klimawandel glauben …

Der Weltklimarat hat zu dieser Frage fast 20 Jahre lang Indizien gesammelt. Heute ist es eine der wissenschaftlich am besten gesicherten Erkenntnisse, dass der Mensch durch das Verbrennen von Öl und Gas sowie durch das Abholzen der Wälder eine entscheidende Verantwortung für den Anstieg der globalen Mitteltemperatur und den Klimawandel trägt. Inzwischen werden auch die Konsequenzen dieses Temperaturanstiegs in unseren Daten immer deutlicher sichtbar.

Skeptiker sagen: Temperaturschwankungen gab es schon immer.

Aber nicht in diesem Tempo und in diesem Ausmaß. Die Geschwindigkeit der Veränderung ist einmalig in der Menschheitsgeschichte. Schon heute hat sich die Durchschnittstemperatur auf der Erde um mehr als ein Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erhöht. Um die Risiken des Klimawandels zu begrenzen, dürfen wir die Zwei-Grad-Marke nicht überschreiten. Derzeit steuern wir bis Ende des Jahrhunderts aber eher auf vier Grad zu. Das birgt große Gefahren: zunehmende Wetterextreme, Absterben der Korallenriffe, Veränderung der Monsundynamik in China und Indien, Austrocknen des Amazonas-Regenwaldes, Auftauen der Permafrostböden und ein steigender Meeresspiegel. Wenn wir mehr Geld für Küstenschutz ausgeben müssen, fehlt das anderswo. Risiken für Ernteerträge steigen. Lieferketten der Industrie werden gestört, in Spannungsgebieten können schwelende Konflikte aufflammen und mehr Menschen in die Migration treiben.

Ottmar Edenhofer über seine Motivation: „Wenn wir es wirklich schaffen, gemeinsam unser Klima noch zu stabilisieren, sichert das Lebens-Chancen für viele Millionen Menschen.“

Trotz dieser Gefahren kommt die internationale Klimapolitik nur schwer voran. Was kann Europa da bewirken?

Die EU hat in den weltweiten Klimaverhandlungen erhebliches Gewicht. Diesen Einfluss muss Europa nutzen, um zu internationalen Vereinbarungen zu kommen. Es ist nicht so, dass wir innerhalb der G20 isoliert wären. Auch in den USA gibt es Bundesstaaten wie Kalifornien – für sich allein genommen immerhin die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt! –, die auf eine ambitionierte Regulierung setzen und viel für einen effektiven Klimaschutz tun. In den USA gibt es auch eine Debatte über die Einführung einer CO₂-Steuer. Nehmen wir nur einmal an, die EU würde sich im kommenden Jahrzehnt mit China und Kalifornien auf einen internationalen Emissionshandel einigen – das hätte großes Gewicht.

Was treibt Sie persönlich an, sich für Klimaforschung und Klimaschutz einzusetzen?

Die Klimaforschung ist eines der umfassendsten und spannendsten Betätigungsfelder, die ich mir vorstellen kann. Man muss das gesamte Erdsystem verstehen – das Klimasystem, den Kohlenstoffkreislauf, die Plattentektonik. Schon das füllt eigentlich ein ganzes Forscherleben. Dann kommt man zu Fragen der Ökonomie, der Sozial- und Rechtsphilosophie, was noch ein weiteres Forscherleben füllen würde. Für mich als Wirtschaftswissenschaftler ist besonders interessant, wie wir als Menschen mit globalen Gemeinschaftsgütern wie dem Ozean, der Atmosphäre und dem Land umgehen. Ich bin überzeugt: Im 21. Jahrhundert wird Wohlstand nur dann möglich sein, wenn wir gute Regeln für die Nutzung dieser Gemeinschaftsgüter finden.

Trotz aller Bedrohungen bleiben die Fortschritte bisher gering. Frustriert Sie das nicht?

Nein. Seit ich mich mit dem Thema beschäftige, höre ich Zweifel, ob die Menschheit ein so großes Problem lösen kann. Noch vor einigen Jahren haben Politiker zu mir gesagt: Einen Preis für klimaschädliches CO₂ werden die Wähler niemals akzeptieren. Heute gehen viele junge Menschen für genau dieses Ziel auf die Straße, eine der fünf Forderungen der deutschen Fridays-for-Future-Bewegung ist tatsächlich ein CO₂-Preis. Und die Vorsitzenden der großen Parteien diskutieren darüber. Man sieht, dass gute Argumente auf Dauer dann doch in der Öffentlichkeit Unterstützung finden können. Und wenn wir es wirklich schaffen, gemeinsam unser Klima noch zu stabilisieren, sichert das Lebens-Chancen für viele Millionen Menschen. Das ist für mich genug Motivation.

  • Prof. Ottmar Edenhofer

    • Ottmar Edenhofer ist Professor für die Ökonomie des Klimawandels an der Technischen Universität Berlin, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und Direktor des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC).
    • Als einer der drei Vorsitzenden der Arbeitsgruppe III des Weltklimarates (IPCC) von 2008 bis 2015 war Edenhofer mitverantwortlich für die Veröffentlichung des „Fifth Assessment Report – Mitigation of Climate Change“ im Jahre 2014.
    • Als Mitglied des unabhängigen Nachhaltigkeitsbeirats berät Edenhofer Volkswagen seit 2016 zu nachhaltiger Mobilität und Umweltschutz.
    • Im Auftrag des Bundeskanzleramts erarbeitet Edenhofer gemeinsam mit Prof. Christoph M. Schmidt, Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, ein Modell zur CO2-Bepreisung, das noch im Sommer vorliegen soll.