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Lautlos übers Land

Lautlos übers Land

E-Mobilität funktioniert nur auf kurzen Wegen in der Stadt? In der norddeutschen Provinz zeigt das Beispiel der Stiftung Maribondo da Floresta, dass das nicht stimmt – Besuch in einem außergewöhnlichen Firmenimperium.

Erwin Bienewald ist Geschäftsführer der gemeinnützigen Stiftung Maribondo da Floresta. In 35 Kleinbetrieben beschäftigt Maribondo Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen

Der Weg zu Erwin Bienewald führt vorbei an Windrädern und Maisfeldern. In einem ausrangierten Kaufhaus in Osterholz-Scharmbeck bei Bremen hat er die Zentrale seines Firmenimperiums eingerichtet. Nicht nur der Ort ist ungewöhnlich für einen Unternehmenssitz. In den 35 Kleinbetrieben der gemeinnützigen Stiftung Maribondo da Floresta stehen nicht Umsatz oder Gewinn im Mittelpunkt, sondern Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen. Geschäftsführer Bienewald legt Wert auf Nachhaltigkeit. „Wir wollen so klimafreundlich wie möglich arbeiten“, sagt er.

Um diesem Ziel näher zu kommen, hat Bienewald das Dach des alten Kaufhauses mit Solarzellen bestücken lassen. Als der saubere Strom floss, begann er, die Fahrzeugflotte auf alternative Antriebe umzustellen. 6 der 35 Autos sind inzwischen mit Elektroantrieb unterwegs. Fünf Wallboxen und eine Schnellladetankstelle gibt es auf dem Hof. „Längst nicht alle Fahrer sind davon begeistert“, räumt Bienewald ein. Ihre größte Sorge: Irgendwo auf freier Strecke könnte die Batterie leer und der Weg zur nächsten Ladestation zu weit sein. Um die Fahrer auf seine Seite zu holen, hat Bienewald jedes Elektroauto mit einer tragbaren Wallbox und 30 Meter Starkstromkabel ausgerüstet. So kann der Akku im Notfall an jedem Starkstromanschluss geladen werden – etwa bei Tankstellen oder Maribondo-Betrieben. „Das ist allerdings noch nie passiert. Das Kabel ist nur zur Beruhigung“, sagt der Geschäftsführer.

Schon am frühen Morgen belädt Wolfgang Brinkwirth den e-Crafter, um eine Kantine, einen Dorfladen und ein Wohnheim mit Lebensmitteln zu beliefern
e-Crafter: Stromverbrauch, kWh/100 km: kombiniert 21,54; CO₂-Emission kombiniert, g/km: 0; Effizienzklasse: A+

Zu den überzeugten Elektrofahrern gehörte von Anfang an Wolfgang Brinkwirth. Früher steuerte er Radlader und Bagger, heute ist er im Auftrag der Stiftung mit einem e-Crafter unterwegs. Noch vor Sonnenaufgang belädt er das Fahrzeug, um eine Kantine, einen Dorfladen und ein Wohnheim mit Lebensmitteln zu beliefern. „Ich mag die Beschleunigung – da ist Energie drin“, sagt Brinkwirth über den e-Crafter. Nur an die Lautlosigkeit der E-Fahrzeuge müssten sich andere Verkehrsteilnehmer erst noch gewöhnen. „Der hört uns nicht“, sagt Brinkwirth mit einem Grinsen, als vor dem Crafter ein Mofafahrer auftaucht. Sanft geht er vom Gas und fährt in weitem Abstand vorbei.  

Zusammen schleppen, zusammen klönen

Zweieinhalb Stunden dauert die morgendliche Fahrt von Wolfgang Brinkwirth – ab und zu ist Zeit für einen Plausch: „Ich mag diese Touren. Man kommt mit vielen Menschen ins Gespräch, die man sonst nicht treffen würde“, sagt er

70 Kilometer lang ist die Tour. Brinkwirth lädt Muffins und Butterkuchen aus, schleppt Limonade und Eier aus dem Auto. Die Verkäuferin des Dorfladens wartet schon dringend auf Brötchen, als er das Auto vor dem roten Backsteinhaus abstellt. Wenige Kilometer weiter am Wohnheim hilft ein junger Mann beim Tragen der Wasserkisten – so bleibt noch Zeit für eine kurze Pause zum Klönen. „Ich mag diese Touren. Man kommt mit vielen Menschen ins Gespräch, die man sonst nicht treffen würde“, sagt Brinkwirth.

Nach zweieinhalb Stunden biegt Brinkwirth mit dem e-Crafter wieder auf den Hof des alten Kaufhauses ein. Gut 100 Kilometer verbleibende Reichweite meldet die Anzeige. Das würde noch mal für die gleiche Tour reichen. Ganz nebenbei zeigen Brinkwirths Fahrten: E-Mobilität kann schon heute auch auf dem Land gut funktionieren.  

Verantwortung für 350 Menschen

Neben dem e-Crafter hat die Stiftung fünf e-Golf2 im Einsatz. Die nutzt zum Beispiel Geschäftsführer Bienewald, wenn er in den Maribondo-Betrieben nach dem Rechten sieht. Mehr als 350 Menschen beschäftigt die Stiftung in Lebensmittelmärkten, Großkantinen, einer Bäckerei oder einem Freizeitzentrum mit 14 Bowlingbahnen. Wechsel zwischen den einzelnen Tätigkeiten sind an der Tagesordnung – dementsprechend viel ist Bienewald unterwegs. „Die Elektroautos geben mir das Gefühl, dass ich während der Fahrten keinen Dreck verursache“, sagt er. Reichweiten-Sorgen kennt er bei seinen Touren im Bremer Umland nicht.

Insgesamt fünf e-Golf und ein e-Crafter sind bei Maribondo im Einsatz. Rund 27.000 Euro hat die Stiftung dank E-Fahrzeugen und Photovoltaikanlage allein beim Treibstoff gespart
e-Crafter: Stromverbrauch, kWh/100 km: kombiniert 21,54; CO₂-Emission kombiniert, g/km: 0; Effizienzklasse: A+, e-Golf: Stromverbrauch, kWh/100 km: kombiniert 13,8–12,9; CO₂-Emission kombiniert, g/km: 0; Effizienzklasse: A+

„Mit den Elektrofahrzeugen fahren wir im Schnitt gut 100 Kilometer pro Tag und Fahrzeug“, berichtet der Geschäftsführer. Rund 27.000 Euro habe Maribondo bis heute alleine bei den Treibstoffkosten gespart, weil der Strom aus der eigenen Photovoltaikanlage kommt – Geld, das der gemeinnützigen Stiftung für neue Projekte zur Verfügung steht. Auch die Reparaturkosten der E-Fahrzeuge seien gering.

Zu den neuen Projekten gehören drei Hotels, um die Bienewald das besondere Firmenimperium so bald wie möglich erweitern will. Als Service möchte er den Gästen ausleihbare Elektroautos anbieten. „Dann kann man klimafreundlich mit der Bahn anreisen und auch vor Ort CO2-Emissionen vermeiden.“ Einziges Problem: Bevor der Service starten kann, müssen für die geplanten Schnellladesäulen eigene Trafostationen entstehen. „Das normale Stromnetz wäre überlastet“, sagt der Geschäftsführer.

Auch für die täglichen Touren würde Bienewald gern noch mehr E-Modelle einsetzen. Sein Wunsch: ein Elektrofahrzeug, das ausreichend Sitzplätze mit großzügiger Ladefläche verbindet. Bienewald: „Dann würden wir nur noch E-Fahrzeuge kaufen. Und ich bin überzeugt, dass es anderen Behinderteneinrichtungen ähnlich geht.

Reichweite ausgewählter Elektrofahrzeuge:

e-Crafter: bis zu 173 Kilometer (Neuer Europäischer Fahrzyklus NEFZ)
e-Golf: bis zu 233 Kilometer (Worldwide Harmonised Light Vehicles Test Procedure WLTP)
ID.33: bis zu 420 Kilometer (Sonderedition ID.3 1ST)

Verbrauchskennzeichnungen

1 e-Crafter: Stromverbrauch, kWh/100 km: kombiniert 21,54; CO₂-Emission kombiniert, g/km: 0; Effizienzklasse: A+
2 e-Golf: Stromverbrauch, kWh/100 km: kombiniert 13,8–12,9; CO₂-Emission kombiniert, g/km: 0; Effizienzklasse: A+
3 ID.3: Das Fahrzeug wird in Europa noch nicht zum Kauf angeboten.