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Schritt für Schritt ankommen

Siwar Hagyahia erlebte den Krieg in Syrien, chaotische Zustände in einem deutschen Erstaufnahmelager und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Heute lernt er als Praktikant Volkswagen kennen – und bringt wichtige Impulse in die Kommunikation der Konzern Komponente ein.

Siwar Hagyahia steht auf dem Werksgelände in Wolfsburg unweit von Tor 17. An diesem warmen Herbsttag hat der „Missio Truck“ an der Südstraße haltgemacht, eine rollende Ausstellung zum Thema „Menschen auf der Flucht“ mit Schwerpunkt Kongo. Im Truck liest Hagyahia konzentriert, betrachtet die Bilder und hört ganz genau zu. Der „Missio Truck“ setze das Thema Flucht im Kongo sehr gut um, findet Hagyahia. Jeder Ausstellungsbesucher schlüpft in die Rolle eines fiktiven Charakters. „Obwohl ich selbst noch nie in Afrika war, kann ich so sehr gut nachempfinden, welchen Gefahren sich die Menschen aussetzen müssen und welcher Druck auf ihnen lastet“, sagt der 34-Jährige.

Dass er die Ausstellung mit so großem Interesse verfolgt, kommt nicht von ungefähr: Vor knapp sechs Jahren kehrte der Syrer dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland den Rücken und kam selbst als Geflüchteter nach Deutschland. Seit knapp vier Monaten ist er Praktikant in der Kommunikation der Konzern Komponente. Für ihn ist es ein wichtiger Meilenstein auf einem steinigen Weg. Geholfen hat dabei ein Mix aus Hartnäckigkeit und Glück.

  • MISSIO-TRUCK „MENSCHEN AUF DER FLUCHT“

    Millionen Menschen fliehen weltweit vor Verfolgung, Menschenrechtsverletzungen, Krieg, Trockenheit, Katastrophen, Perspektivlosigkeit und Hunger. Wie sich eine Flucht anfühlt, versucht die Hilfsorganisation Missio aus Aachen mit der rollenden Ausstellung „Menschen auf der Flucht“ anschaulich zu machen. Ende Oktober gastierte der Missio-Truck auch auf dem Wolfsburger Werksgelände, fast 200 Menschen haben der Ausstellung einen Besuch abgestattet. Im Missio-Truck gilt es, in eine von sechs fiktiven Flüchtlingsrollen im Ostkongo zu schlüpfen. Mit Hilfe von QR-Codes durchlaufen Besucher dann sechs Räume und müssen dabei verschiedene Aufgaben lösen, z. B. das schnelle Zusammenpacken der wichtigsten Habseligkeiten, während Rebellen das Heimatdorf überfallen. So entsteht ein kleiner Eindruck dessen, was Menschen auf der Flucht erleben müssen. Und welche Hürden sie auf der Suche nach Sicherheit und einem besseren Leben zu überwinden haben.

    Hier finden Sie mehr Informationen zum Missio-Truck.

Endlich arbeitet der Medienwissenschaftler in dem Fachgebiet, das er auch studiert hat. Das Praktikum läuft gut, die Eingewöhnung fiel ihm nicht schwer und Hagyahia kann sich einbringen. „Meine Kollegen sind supernett. Ich fühle mich gut aufgehoben“, erzählt er. Besonders beeindruckt ihn das Gemeinschaftsgefühl. „Wenn wir zusammen Events für die Group Components organisieren, dann arbeiten wir als enges Team zusammen. Jeder hilft dem Anderen.“ Was ihm aber noch schwerfällt, sind die Teamrunden: „Es gibt so viele Abkürzungen hier. Ich verstehe nicht immer alles.“

Die Kollegen in der Abteilung schätzen die Impulse, die Siwar in das Team Kommunikation Group Components einbringt. „Am Anfang waren wir sehr gespannt, wie sich Siwar in das neue dynamische Umfeld unseres Teams einfügen wird. Schnell konnte er uns durch sein großes Engagement und seine Kreativität überzeugen. So ist er mit der Zeit zu einem unverzichtbaren Teil des Teams geworden“, lobt ein Kollege.

Mit Wille und Workshop

Siwar Hagyahia arbeitet als Praktikant in der Kommunikationsabteilung der Konzern Komponente

Dass er überhaupt bei Volkswagen arbeiten kann, hat auch mit Siwar Hagyahias Persönlichkeit zu tun. Denn er ist ein wissbegieriger Mensch, gibt sich mit Gelegenheitsjobs nicht zufrieden und will sich immer weiterentwickeln. So besuchte er im Februar 2019 einen Workshop der Volkswagen Konzern Flüchtlingshilfe in Wolfsburg. Der Konzern rief die Initiative im Herbst 2015 ins Leben, als mehr als eine Million Menschen, meist aus dem Nahen Osten, vor Krieg und Vertreibung nach Europa flüchteten.

„Für den Volkswagen Konzern und seine Marken gehört die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung zum Kern der Unternehmenskultur. Deshalb fördert die Volkswagen Konzern Flüchtlingshilfe vielfältige Integrationsprojekte für Geflüchtete mit den Schwerpunkten Begegnung, Bildung und berufliche Integration“, sagt Ariane Kilian, Koordinatorin der Flüchtlingshilfe des Volkswagen Konzerns. „Seit 2015 konnten wir mit unseren Projekten über 5.000 Menschen erreichen, die nun Schritt für Schritt ihren Weg weitergehen. Für eine langfristige berufliche Integration braucht es – das wissen wir aus Erfahrung – Ausdauer und Engagement über Jahre. Insbesondere für hochwertige Tätigkeiten müssen gute Sprachgrundlagen erarbeitet, Qualifikationen aufgebaut, Erfahrungen vertieft werden. Hierbei wollen wir unterstützen.“

Immerhin ein Dach über dem Kopf

Interaktive: In der Ausstellung schlüpfen Besucher in verschiedene Rollen von Menschen auf der Flucht

Damaskus, Siwar Hagyahias Heimatsstadt, im Jahr 2014. In Syrien herrscht seit drei Jahren Bürgerkrieg. Auch die Hauptstadt bleibt nicht verschont. „30 Prozent von Damaskus waren zerstört“, erzählt er. „Es gab Gegenden, die waren komplett zerbombt. Und nur ein paar Kilometer entfernt ging das Leben einfach so weiter.“ Hagyahia, der zur Minderheit der Tscherkessen gehört, entschließt sich, Syrien zu verlassen. In Deutschland hofft er auf eine bessere Zukunft.

Doch die erste Zeit ist hart. In Schöppingen nahe der niederländischen Grenze kommt Hagyahia in ein Erstaufnahmelager. „Zehn Männer in einem Zimmer, eine Toilette für Hunderte Menschen“, beschreibt er die Zustände. Immerhin hat er ein Dach über dem Kopf. Er lernt die deutsche Sprache, meistert den Integrationstest und jobbt jahrelang als Paketbote – mit Hochschulabschluss. Über Marl, Hannover und Berlin verschlägt es ihn schließlich nach Wolfsburg, wo er in Kontakt mit der Konzern Flüchtlingshilfe kommt.

Anfangs Soforthilfe, jetzt Integration von Geflüchteten

Siwar Hagyahia im Gespräch: „Mich würde auch die Arbeit in einem Start-up interessieren“

Die Mitarbeiter der Flüchtlingshilfe engagierten sich anfangs vor allem bei der Soforthilfe – Helfer- und Expertenvermittlung in Flüchtlingsunterkünfte, Fahrzeugleihgaben, Geld- oder Sachspenden. Später kümmert sich die beim Konzernvorstand angesiedelte Einheit um die Integration von Geflüchteten, knüpft Netzwerke zu anderen aktiven Unternehmen, Verbänden und Hilfsorganisationen und koordiniert markenübergreifend Flüchtlingshilfeprojekte.

So wie den Workshop, den Hagyahia besuchte. Dort reifte in ihm der Wunsch, selbst für Volkswagen arbeiten zu wollen. Er bewarb sich für ein halbjähriges Praktikum in der Kommunikationsabteilung der Konzern Komponente – und hatte Erfolg.

Nun hofft der junge Mann, nach seinem sechsmonatigen Praktikum weiter für Volkswagen arbeiten zu können. „Ich wünsche mir generell, dass mehr Geflüchtete eine Chance haben, hier zu arbeiten. Unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Kulturen würden Volkswagen ein noch lebendigeres Gesicht geben“, sagt Hagyahia. Und wenn es nach seinem Praktikum nicht direkt mit einer festen Anstellung klappt – mit dieser Referenz in seiner Vita gehen die nächsten Karriereschritte deutlich leichter. „Mich würde auch die Arbeit in einem Start-up interessieren“, erzählt er.