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Der Open-Source-Missionar

Der Open-Source-Missionar

Open Source wird für die Software-Entwicklung immer wichtiger – und könnte Volkswagen auf dem Weg vom reinen Autobauer zum Auto- und Software-Anbieter weiter voranbringen. Das ist die Mission von Oliver Hartkopp. Wir stellen ihn vor.

Jeans, blauer Hoodie, der Laptop voller bunter Sticker: Wir sind zu Besuch bei Oliver Hartkopp, IT-Spezialist und Experte für Open-Source-Software im Volkswagen Konzern. Open Source? Bei Volkswagen? „Das war früher undenkbar, inzwischen findet ein Paradigmenwechsel statt“, erklärt Hartkopp. Open Source, das ist vereinfacht gesagt Software, die man kostenlos aus dem Internet herunterladen und nutzen kann. Der Vorteil: Man muss nicht für jedes kleine Problem selbst einen neuen Code schreiben. Wenn jemand anderes ein ähnliches Problem schon gelöst hat, warum nicht dessen Lösung verwenden? Das ist natürlich für alle softwaregetriebene Unternehmen interessant – auch für Volkswagen.

Anders als bei Freeware können die Nutzer mit Open-Source-Software aber nicht machen, was sie wollen. „Mit dem Code kommt eine Lizenz – und eine ganze Kultur“, erklärt der Experte. Mehr als 200 verschiedene Lizenzen regeln, wofür ein Open-Source-Code genutzt werden darf. Einige sind sehr frei, andere sehr restriktiv. Zum Beispiel gibt es Lizenzen, die im Falle eines Autoverkaufs dem Verkäufer vorschreiben, dass er dem Käufer anzeigen muss, welche Software zum Beispiel im Navigationssystem zum Einsatz kommt. Manchmal sind die Lizenzbedingungen so kurios, dass man die Software im industriellen Umfeld nicht einsetzen kann: „Es gibt sogar eine ,Chicken Dance‘-Lizenz: Wenn eine Firma den Code mit dieser Lizenz einsetzt, muss der CEO bei Youtube ein Video hochladen, auf dem er einen Ententanz macht“, berichtet Hartkopp.

Open Source revolutioniert die Software-Entwicklung – und könnte Volkswagen auf dem Weg vom reinen Autobauer zum Auto-, Mobilitäts- und Software-Anbieter entscheidend voranbringen. Das ist die Mission von Oliver Hartkopp. Ein Porträt.


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Weitere Informationen zu Volkswagen finden Sie auf dem Volkswagen Newsroom:
https://www.volkswagen-newsroom.com/de

und auf Twitter:
https://twitter.com/volkswagen_de

Hinweis nach Richtlinie 1999/94/EG in der jeweils gegenwärtig geltenden Fassung: Weitere Informationen zum offiziellen Kraftstoffverbrauch und den offiziellen spezifischen CO2-Emissionen neuer Personenkraftwagen können dem "Leitfaden über den Kraftstoffverbrauch, die CO2-Emissionen und den Stromverbrauch neuer Personenkraftwagen" entnommen werden, der an allen Verkaufsstellen und bei der DAT Deutsche Automobil Treuhand GmbH, Hellmuth-Hirth-Straße 1, D-73760 Ostfildern oder unter www.dat.de unentgeltlich erhältlich ist.

Der Open-Source-Missionar

„Ich bin eine Art Missionar“

Oliver Hartkopp im Interview

Die Anekdote zeigt aber, womit Volkswagen es hier zu tun hat: Es ist mehr als nur eine andere Herangehensweise an Software-Entwicklung. Oliver Hartkopp: „Technologie, Strategie, Prozesse – Open Source ist ein riesengroßes Thema. Mein Job ist es, das bei Volkswagen zu verankern.“ Wie genau? Hartkopp organisiert Workshops, gibt zusammen mit dem Rechtswesen Schulungen für Entwickler, ist via Skype-Konferenzen oft mit Kollegen der Konzernmarken in Kontakt und hält Vorträge. „Ich bin eine Art Missionar.“

Sein Ziel: So vielen Kollegen wie möglich zu erklären, wo die strategischen Vorteile liegen, aber auch die Herausforderungen aufzeigen. Denn: „Open Source heißt nicht nur konsumieren, man muss auch etwas beitragen.“ Wer also Code aus der Community verwendet und dabei weiterentwickelt, lädt seine Ergebnisse später selbstverständlich wieder hoch. Zum Beispiel auf Github, einer Art „Facebook für Open-Source-Entwickler“, wie Hartkopp es nennt.

Faszination rollender Computer

Oliver Hartkopp ist 52 Jahre alt. In Peine geboren, arbeitet der promovierte Informatiker seit mehr als 20 Jahren im Volkswagen Konzern. Die Verbindung von Bits, Bytes und Fahrzeugtechnik habe ihn schon immer interessiert: „Als ich klein war, wollte ich etwas mit Autos und Computern machen. Den Kindheitstraum umzusetzen – das können nicht viele von sich behaupten.“ Heute ist das Auto ein rollender Computer: „Das ist für mich Faszination pur.“

Schon seit Anfang der 90er-Jahre beschäftigte sich Hartkopp privat intensiv mit Open Source und dem offenen Betriebssystem Linux. Vor ein paar Jahren bot sich dann die Gelegenheit für den Einsatz bei der Arbeit: In der Konzernforschung hatte er viel mit dem Bau von Prototypen zu tun. Um auf die CAN-Bus basierten Steuergeräte zugreifen zu können, kaufte Volkswagen dafür bei immer neuen Zulieferern immer neue Lösungen ein. Für Hartkopp unverständlich. Er durchsuchte die Open-Source-Community, beratschlagte sich mit einem Kollegen und fing 2003 an, selbst eine Erweiterung für das Linux-Betriebssystem zu programmieren, mit der man heutzutage über standardisierte Schnittstellen auf den CAN-Bus zugreifen kann – und zwar unabhängig von der verwendeten CAN Bus Hardware.

  • INFOBOX CAN Bus

    Ein Bus ist ein System zur Datenübertragung zwischen mehreren Teilnehmern über einen gemeinsamen Übertragungsweg. Dabei werden alle Komponenten über kurze Stichleitungen an eine gemeinsame Datenleitung angeschlossen. Der Aufwand für die Verkabelung wird dadurch minimiert. Der Datenfluss muss jedoch über ein Zugriffsverfahren (Protokoll) gesteuert werden, wenn alle Komponenten eine gemeinsame Bus-Leitung benutzen. Das Controller Area Network (CAN) verbindet mehrere gleichberechtigte Komponenten über einen 2-Draht-Bus miteinander. Das CAN-Protokoll wurde 1983 von Bosch für den Einsatz in Kraftfahrzeugen entwickelt und erstmals 1986 der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die zunächst intern genutzten und entwickelten Werkzeuge, sowie die Erweiterungen zum Linux-Betriebssystem, wurden dann 2006 von Volkswagen als Open Source veröffentlicht. Das unter dem Namen SocketCAN von der Open Source Community weiterentwickelte Projekt ist seit Anfang 2008 fester Teil des Linux-Betriebssystems. Seit dieser Zeit ist Oliver Hartkopp verantwortlich für mittlerweile mehr als 6.000 Zeilen Code im Linux Kernel – dem „Kern“ des Linux-Betriebssystems.

Was man mit SocketCAN zum Beispiel machen kann, demonstriert er an einem blauen Volkswagen Golf, in dem ein Linux-Rechner die komplette Fahrzeugvernetzung kontrolliert. Der aus Standard-Hardware aufgebaute Rechner in dem rollenden Laborfahrzeug verarbeitet und verteilt über 22.000 Nachrichten in der Sekunde. Hartkopp zieht sein Android Tablet aus der Tasche und dreht an einem digitalen Lenkrad, welches auf dem Display zu sehen ist: Zeitgleich bewegen sich das Lenkrad des Golf und die Vorderräder. Nur eine von mehreren Funktionen, die der über das Tab gesteuerte Linux-Rechner im Kofferraum realisieren kann. Mehr als 25 Millionen Zeilen Code kamen aus der Community, nur rund 2000 Zeilen musste er selbst beisteuern. „Standard-Software und ein bisschen Feenstaub“, nennt es Hartkopp.

Übrigens läuft „SocketCAN“ nicht nur im gezeigten Versuchsträger und in automotive Entwicklungsabteilungen innerhalb und außerhalb des Konzerns: Auch manche Fischtrawler auf dem Atlantik, Schwerlastkrane im Hamburger Hafen, die Kernforschungseinrichtung CERN in Genf und ein wissenschaftliches Institut in Nowosibirsk nutzen die Software, die ihren Ursprung in der Volkswagen Konzernforschung hatte. Linux und die weltweit vernetzte Community machen es möglich.  

Schulungen für Open Source Enabler

Open Source bei Volkswagen zu nutzen ist eine Sache, Open Source zur Verfügung stellen und gemeinsam mit der Community weiterzuentwickeln eine ganz andere. „Deshalb haben wir bei Volkswagen Prozesse und Weiterbildungen entwickelt, um sogenannte ,Open Source Enabler` zu schulen.“ Rund 50 Kolleginnen und Kollegen sind das derzeit. Sie können nun in ,Open Source Communities` im Namen von Volkswagen aktiv arbeiten und unter bestimmten Voraussetzungen auch Code beitragen. „Das ist das Spannende: Die völlig andere Denke von Open Source ins Unternehmen zu tragen und dafür die Voraussetzungen zu schaffen.“

  • Mehr Informationen zur neuen Car.Software-Einheit

    Der Volkswagen Konzern will mit der neuen „Car.Software“-Einheit mit der Konzernverantwortung für die Software im Fahrzeug bis 2025 mehr als 10.000 Digital-Experten bündeln. Das Unternehmen plant deutlich mehr Software im Auto und für fahrzeugnahe Serviceleistungen selbst zu entwickeln und den Eigenanteil von heute unter 10 Prozent auf mindestens 60 Prozent bis 2025 zu erhöhen.

    Künftig soll es konzernweit eine einheitliche Software-Plattform mit allen Basisfunktionalitäten geben: in fünf Bereichen. Diese umfassen die Entwicklungsarbeit an einem einheitlichen Fahrzeug-Betriebssystem „vw.os“ für alle Konzernfahrzeuge und ihre Anbindung an die Volkswagen Automotive Cloud, eine standardisierte Infotainment-Plattform, alle Assistenzsysteme bis hin zum hochautomatisierten Fahren und Parken in Endkunden-Fahrzeugen, Software-Funktionen zur Verbindung von Antrieb, Fahrwerk und Ladetechnologie, sowie Ökosysteme für alle Mobilitätsdienste und digitalen Geschäftsmodelle der Marken.  

Dass künftig IT-Experten bei Volkswagen in einer neuen „Car.Software“-Einheit gebündelt werden, begrüßt der Informatiker ausdrücklich. Umso wichtiger werde Open Source. „Die Car.Software-Organisation ist eine tolle Sache, weil wir unsere Arbeit dann nach anderen Prämissen angehen können: Die Trennung von Hardware und Software sorgt für eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Software, die viel mehr als heute von einzelnen Fahrzeuganläufen entkoppelt werden kann.“

Hinzu kommt, dass Volkswagen mit der neuen Einheit und mit dem Einsatz von Open Source als Arbeitsgeber für Software-Entwickler viel attraktiver werde. „Wenn wir vom Standpunkt ‚Wir kaufen alles ein‘ zu ‚Wir machen mehr selber‘ kommen, bekommen wir automatisch mehr Leute, die sich mit Software auskennen.“ Für Software-Spezialisten brechen spannende Zeiten bei Volkswagen an. „Ich finde an meinem Job auch super spannend, dass ich ein Wegbereiter sein kann, diese neue Kultur bei uns zu prägen“, sagt Hartkopp: „Volkswagen ist einfach ein cooles Unternehmen.“