1. DEUTSCH
  2. News
  3. Stories
  4. 2019
  5. 12
  6. „Ökologie und SUVs sind kein Widerspruch“

Wir setzen Cookies (eigene und von Drittanbietern) ein, um Ihnen die Nutzung unserer Webseiten zu erleichtern und Ihnen Werbemitteilungen im Einklang mit Ihren Browser-Einstellungen anzuzeigen. Mit der weiteren Nutzung unserer Webseiten sind Sie mit dem Einsatz der Cookies einverstanden. Weitere Informationen zu Cookies und Hinweise, wie Sie die Cookie-Einstellungen Ihres Browsers ändern können, entnehmen Sie bitte unserer Cookie-Richtlinie. Akzeptieren

„Ökologie und SUVs sind kein Widerspruch“

Kaum jemand kennt sich in den aktuellen Transformationsfeldern der Automobilbranche so gut aus, kaum jemand hat einen so international geprägten Blick auf künftige Mobilitätsherausforderungen wie Hildegard Wortmann. Die gebürtige Münsteranerin startete nach ihrem Studium der Betriebswirtschaftslehre ab 1990 ihre Karriere bei Unilever. Neben ihrer beruflichen Laufbahn absolvierte sie einen Master of Business Administration in London. 1998 wechselte sie zur BMW Group. Mit dem Aufbau der Elektromarke BMW i setzte Hildegard Wortmann Akzente für die E-Mobilität. 2016 übernahm sie zusätzlich zur weltweiten Produktverantwortung die Leitung der Marke BMW. Ab Januar 2018 verantwortete sie die Vertriebsregion Asien-Pazifik aus Singapur. Seit 1. Juli 2019 ist Hildegard Wortmann Mitglied des Vorstands der AUDI AG für den Bereich Vertrieb und Marketing. Im Interview äußert sie sich zu den großen Themen des Jahres für den Volkswagen Konzern: E-Mobilität, Nachhaltigkeit, Kulturwandel.

Interview mit Hildegard Wortmann, Vorständin für Vertrieb und Marketing bei Audi

Audi-Vorständin Hildegard Wortmann erklärt, warum sie #fridaysforfuture mag. Wie sich die Konzernkultur wandelt. Und was die Marken des Volkswagen Konzerns tun müssen, um Elektromobilität schnell zur Antriebstechnologie Nummer Eins zu machen.

Frau Wortmann, Sie arbeiten seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Autobranche, seit September nun als Vorständin für Vertrieb und Marketing bei Audi. Wo liegen für Sie die größten Herausforderungen für deutsche Autohersteller heute?

Der renommierte Autor Simon Sinek bringt es für mich auf den Punkt: „Start with why!“ Wir müssen die Frage nach dem „Warum“ stellen und unserer Marke wieder einen „purpose“, einen unverwechselbaren USP verleihen. Nur so werden wir die Kunden auch in Zukunft von uns überzeugen. Wir bei Audi gehen dafür gerade an den Kern unserer Marke: „Vorsprung“ bedeutet für uns nicht mehr allein das technisch Machbare. „Vorsprung“ steht vielmehr für eine Haltung, eine innere Einstellung: Wir wollen den Kunden einen echten persönlichen Mehrwert bieten. Dazu zählen nachhaltige Mobilitätsformen und neue digitale Angebote – und gleichzeitig auch ganz neue überraschende Konzepte, die heute noch niemand auf dem Schirm hat.

Marken wie Volkswagen und Audi setzen stark auf E-Mobilität. Was muss passieren, damit Millionen Kunden schnell auf E-Autos wie den e-tron oder den ID.3 umsteigen?

Natürlich müssen wir als Hersteller ein Angebot schaffen, das Begehrlichkeiten bei den Kunden weckt. Mit dem ID.3 und dem e-tron haben Volkswagen und Audi hier definitiv geliefert – und das ist ja erst der Anfang: Bis 2025 wird allein die Marke Audi rund 30 elektrifizierte Autos auf den Markt bringen, darunter 20 rein elektrische. Zudem fokussieren wir uns als Unternehmen zunehmend auch auf das Ökosystem rund ums Elektroauto: Der Audi e-tron Charging Service ist in 20 europäischen Märkten verfügbar und ermöglicht Zugang zu mehr als 80 Prozent aller Ladestationen in Europa. Unseren e-tron-Kunden bieten wir intelligente Lösungen zum Laden von eigens erzeugtem Photovoltaik-Strom. Zugleich ist klar: Den Ausbau der Ladeinfrastruktur werden wir als Hersteller nicht allein durchsetzen können. Wir brauchen die Unterstützung von Politik und Gesellschaft.

Wie bringen Sie den Menschen die Attraktivität von Elektromobilität nahe?

Wer einmal eine Probefahrt mit dem Audi e-tron gemacht hat, den haben wir restlos überzeugt! Für uns bedeutet das: Wir müssen Möglichkeiten schaffen, E-Autos erlebbar und „erfahrbar“ zu machen. Bestes Beispiel: Unsere Probefahrtaktion „Charge&Fly“ am Flughafen München. Hier bieten wir Fahrern von Elektroautos aller Marken an, ihr Fahrzeug während ihrer Reise bei uns kostenlos zu laden. Mit dem Audi e-tron fahren wir sie direkt zum Terminal und holen sie dort bei Rückkehr wieder ab – Möglichkeit zur Probefahrt inklusive. Aber auch in der klassischen Marketing Kommunikation denken wir beim Elektroauto „Outside the Box“. Im Unternehmens-Podcast „The future is electric“ lassen wir interne und externe Experten zu Wort kommen, um Vorbehalte gegenüber der Elektromobilität abzubauen. Das Format war so erfolgreich, dass wir mittlerweile die zweite Staffel gelauncht haben.

Wie nehmen Sie die Fridays for Future-Proteste wahr?

Die jungen Leute sprechen gesellschaftlich hochrelevante Themen an und sie bringen eine neue Qualität in die Diskussion. Für ihre Ängste und Sorgen habe ich großes Verständnis und für ihr entschlossenes Auftreten großen Respekt. Der direkte, regelmäßige Austausch mit jungen Talenten der Generationen X, Y und Z hilft mir, das noch besser zu verstehen und zu adressieren. Deshalb treibe ich unsere Elektrifizierungs-Roadmap mit viel persönlichem Engagement voran. Wir bei Audi verfolgen konsequent den Weg zum nachhaltigen Premium-Mobilitätsanbieter.

SUVs werden in der Öffentlichkeit vermehrt als Klimakiller kritisiert: Sollten SUV-Hersteller wie Audi darauf nicht deutlicher reagieren?

Die Wünsche unserer Kunden stehen für uns an oberster Stelle. Und da stellen wir fest: Der Trend zu den SUVs ist ungebrochen, der SUV-Anteil an unseren Auslieferungen liegt aktuell bei rund 40 Prozent, 2018 waren es rund 37 Prozent. Deshalb zeigen wir mit unserem ersten vollelektrischen Serienmodell, dem Audi e-tron, dass ökologisches Bewusstsein und SUVs aus unserer Sicht nicht im Widerspruch stehen. Wir haben uns bei unserem ersten Elektroauto bewusst für ein Segment entschieden, bei dem Sportlichkeit, volle Alltagstauglichkeit und hohes Wachstumspotenzial zusammenspielen. Ebenfalls im Portfolio haben wir aktuell den Audi Q5 als Plug-in-Hybrid und den Audi Q2 L e-tron speziell für den chinesischen Markt. Unsere Elektrifizierungs- und Nachhaltigkeits-Strategie verfolgen wir konsequent weiter. Dazu zählen weitere elektrifizierte SUV-Modelle: Zum Beispiel der Audi e-tron Sportback, der im November auf der LA Motor Show Weltpremiere feierte oder der Audi Q4 e-tron.

„Direkter Austausch auf Augenhöhe ist mir unglaublich wichtig.“

Hildegard Wortmann Vorständin für Vertrieb und Marketing bei Audi

Der Volkswagen Konzern und auch Audi galten lange als Unternehmen mit starken Hierarchien. Wie offen ist die Gesprächskultur heute bei Audi?

Direkter Austausch auf Augenhöhe ist mir unglaublich wichtig. Daher bin ich sehr begeistert, wie offen ich von Anfang an sowohl bei Audi als auch von den Kollegen des Volkswagen Konzerns aufgenommen wurde. Mich erreicht sehr viel Feedback, sei es persönlich, über E-Mail oder meinen LinkedIn-Kanal. Und ich suche auf meiner LLX-Tour (Listen – Learn – Exchange) ganz bewusst den regelmäßigen Austausch mit Young Talents. Mein Eindruck auf Basis all dieser Erfahrungen ist: Der Volkswagen Konzern und damit auch Audi haben in sehr kurzer Zeit sehr viel auf den Weg gebracht. Der Kulturwandel ist absolut spürbar.

Sie haben mal gesagt: „Vertrauen ist die schönste Form von Mut“ – wie setzen Sie das im täglichen Job bei Audi um?

Das ist ganz einfach. Ich bin nach mehr als 20 Jahren bei einem anderen großen Automobilhersteller neu zu Audi gekommen – alleine, ohne Netzwerk, ohne Buddys. Für mich war es eine ganz bewusste Entscheidung, dass ich nochmal frisch und neu und mit viel Elan durchstarten wollte. Daher wäre es pure Verschwendung meiner Lebenszeit wie auch der Lebenszeit meiner Kollegen, wenn ich jeden erst einmal misstrauisch beäugen und testen würde. Ich vertraue meinen Mitarbeitern, dass sie genau wie ich das Beste für die Marke wollen und auch leisten. Nur gemeinsam können wir voll durchstarten und Audi zu neuen Erfolgen führen.

Der Frauenanteil im Top-Management ist zwar auch in Deutschland gestiegen – dennoch hinken deutsche Konzerne (und nicht zuletzt die Autobranche) hier im Vergleich etwa mit den USA oder Skandinavien noch immer hinterher. Warum?

Als ich den Job bei Audi antrat, habe ich mich irgendwann gefragt, ob ich eigentlich „Vorstand“ oder „Vorständin“ bin. Und musste dann feststellen, dass der Begriff „Vorständin“ erst seit 2013 im Duden steht – was damals in den Medien tatsächlich ziemlich kritisch diskutiert wurde. Das hat mich schon nachdenklich gemacht. Und mich in meiner Entscheidung bestärkt, als „Vorständin“ in die Öffentlichkeit zu treten. Denn mittlerweile leisten ja zum Glück immer mehr Kolleginnen hervorragende Arbeit und machen aus einem einstigen Sonderfall Normalität. Dafür möchte auch ich einen kleinen Beitrag leisten und so Wegbereiterin für künftige Generationen sein.

Sie selbst sind als Audi Vorständin in der Öffentlichkeit durchaus präsent. Ist es in der digitalen Ära mehr denn je auch die Aufgabe von Vorständen, ihren Unternehmen nach außen ein Gesicht zu geben?

Definitiv! Für mich ist das einer der wichtigsten Gründe, warum ich so aktiv auf LinkedIn unterwegs bin. Ich zeige dort im wahrsten Sinne des Wortes „Gesicht“ für das Unternehmen und die Marke Audi. Schließlich leben wir mehr denn je in einer personalisierten Medienwelt, Botschaften verknüpfen wir mit den Menschen, die sie transportieren. Das heißt für mich: sichtbar sein, zum Beispiel um den Wandel von Audi Richtung Digitalisierung und Elektromobilität erlebbar zu machen. Öffentlichkeit darf dabei freilich nie zum Selbstzweck werden. Im Kern steht für mich stets die Botschaft, die Nachricht hinter einem Auftritt, einem Event oder eben einem LinkedIn-Post.

Sie waren schon viel unterwegs, haben in London, New York & Singapur gelebt und gearbeitet – u.a. bei Calvin Klein. Wie wichtig sind heute internationale, auch branchenübergreifende Erfahrungen im Top-Management des Volkswagen Konzerns?

Ein globales Mindset ist die wichtigste Grundlage für unseren Erfolg. Wir müssen unsere Kunden weltweit begeistern. Daher halte ich internationale Erfahrungen für unerlässlich – aber nicht nur für das Top-Management. Ich bin überzeugt: Je früher und je jünger man raus in die Welt geht, desto besser. Denn ein Auslandsaufenthalt ist ja nicht nur beruflich eine super Erfahrung, er bereichert das gesamte Leben. Ich kann nur jeden motivieren, so eine Chance auf jeden Fall zu nutzen!