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Die Erinnerung wach halten

Die „Erinnerungsstätte an die Zwangsarbeit auf dem Gelände des Volkswagenwerks“ besteht dieses Jahr seit 20 Jahren. Warum sie so wichtig ist.

Lärm, stickige Luft, Angst. Bei jedem Einschlag bebt die Erde. „Hier in diesen Bunker wurden Zwangsarbeiter eingesperrt, wenn die Bomben fielen“, sagt Dieter Landenberger, Leiter Volkswagen Heritage, bei einer Führung durch die Erinnerungsstätte auf dem Werksgelände in Wolfsburg. Der Boden muss damals wie auf einem Schiff bei rauer See geschwankt haben, des sumpfigen Untergrunds wegen. Eingesperrt wurden sie, damit keiner fliehen konnte – so berichten es überlebende Zwangsarbeiter. Schließlich war die Rüstungsproduktion abhängig von den zur Arbeit gezwungenen Menschen. Sie schraubten hier keine zivile Volkswagen zusammen, sondern Militärfahrzeuge sowie Teile für Flugzeuge und Bomben und anderes Kriegsgerät wie Tellerminen und Panzerfäuste. „Das an den Zwangsarbeitern verübte Unrecht darf niemals in Vergessenheit geraten. Darum gibt es die Erinnerungsstätte“, sagt Landenberger.

Es ist wichtig, dass es diese Erinnerungsstätte gibt, damit wir aus der Vergangenheit lernen können.

Niko Parlow Auszubildender zum Fachinformatiker
Dieter Landenberger, Leiter Heritage, führt Volkswagen Auszubildende durch die Erinnerungsstätte im Bunker der Halle 1

Heute, an einem strahlend schönen Wintertag, führt Landenberger zwölf Auszubildende des Volkswagen Konzerns hinab in die Bunkeranlage der Halle 1. Mit dabei sind zudem zwei ehemalige Auszubildende, die 1999 beim Aufbau der Erinnerungsstätte mitgeholfen haben, Miriam Hilger und Alexander Silbermann. „Die Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte hat mich damals sehr berührt“, sagt Silbermann. „Wie viele hier in der Gegend hat mich Volkswagen von der Kindheit an geprägt, als wäre es ein Familienbetrieb. Als dann Freiwillige zum Aufbau der Erinnerungsstätte gesucht wurden, habe ich mich sofort gemeldet.“ Hilger sagt: „Das Thema war damals schon wichtig, auch vor 20 Jahren gab es Neonazi-Schmierereien an den Wänden. Heute wird dagegen aber gefühlt offener angegangen.“

Toll, dass es die Erinnerungsstätte gibt und sich ein so großes, einflussreiches Unternehmen wie Volkswagen gegen den Rechtsruck positioniert.

Anne Mundstock Volkswagen Auszubildende zur Industriekauffrau

Unmenschliche Bedingungen

Insgesamt rund 20.000 Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen wurden unter teils unmenschlichen Bedingungen bei der Volkswagenwerk GmbH ausgebeutet. Viele von Ihnen waren zwischen 15 und 25 Jahren alt. In den Jahren 1943 und 1944 machten sie bis zu 80 Prozent der Belegschaft aus – bei anderen Rüstungsbetrieben waren es durchschnittlich 30 Prozent. Dadurch, dass das Volkswagenwerk ab 1938 in der ländlichen und dünn besiedelten Region nahe des Ortes Fallersleben aus dem Boden gestampft wurde, gab es nur eine sehr kleine Stammbelegschaft. Bald darauf begann Deutschland den Zweiten Weltkrieg, was den Arbeitskräftemangel weiter verschärfte.

Das ist schon krass, 20.000 Zwangsarbeiter. Ein ganzes Fußballstadion voll. Wir haben heute eine Verpflichtung, uns gegen Rassismus und Faschismus zu stellen.

Timo Klante Jugend- und Auszubildendenvertreter
Nachdenkliche Gesichter der Auszubildenden während der Diskussion über die Eindrücke nach dem Besuch der Erinnerungsstätte

„Nahezu alle deutschen Unternehmen hatten Zwangsarbeiter, aber Volkswagen nutzte unfreiwillige Arbeitskräfte in einem überproportionalen Ausmaß“, sagt Landenberger. Zunächst waren es polnische Frauen, bald darauf wurden Menschen aus ganz Europa zwangsrekrutiert. Neben Kriegsgefangenen wurden ab 1942 auch rund 5.000 KZ-Häftlinge eingesetzt. Entsprechend der rassistischen Ideologie der Nationalsozialisten wurden Zwangsarbeiter aus dem Westen und Norden Europas besser behandelt als diejenigen aus Osteuropa. Dies galt insbesondere für die sowjetischen Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge.

Es ist unvorstellbar, was da geschehen ist.

Luca Leo Kramp Auszubildender zum Fachinformatiker

System von Angst und Willkür

Selbstgefertigter Ring aus Aluminium des ehemaligen Zwangsarbeiters Pierre Bernard

Während der Führung durch den Bunker erfährt die Gruppe von den damaligen Zuständen, von dem perfiden System der Angst und Willkür, vom Arbeitsalltag und von Einzelschicksalen. „Ich hatte einen richtigen Kloß im Hals“, sagt Jörn Kruse, angehender Fachinformatiker, hinterher. „Selbst da unten zu stehen, wo die Zwangsarbeiter damals während der Luftangriffe eingesperrt waren, das war sehr emotional für mich.“ Da unten, das ist der Bunker 1 in der Halle 1 auf dem Volkswagen Gelände in Wolfsburg. Während oben Roboter Karosserieteile zusammenschweißen, wird unten, in der Erinnerungsstätte, die Geschichte der Zwangsarbeit bei Volkswagen während der Zeit des Nationalsozialismus erzählt. Eine Ausstellung mit Zeitzeugenberichten, offiziellen Dokumente und persönlichen Gegenständen, die ehemalige Zwangsarbeiter für die Ausstellung zur Verfügung gestellt haben – wie etwa jener selbst gefertigte Ring aus Aluminium, den der Franzose Pierre Bernard der Erinnerungsstätte überlassen hat. Eingelassen in den Ring ist ein kleines Porträt seiner Frau – zwei Wochen vor seiner Deportation hatten sie geheiratet.

Es ist wichtig, dass wir uns stark machen gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft!

Nora Siems Auszubildende zur Industriemechanikerin

20 Jahre Erinnerungsstätte

Im Dezember 2019 blickt die Abteilung Heritage auf das 20-jährige Bestehen der Erinnerungsstätte zurück. Diese wurde damals als ein Baustein der Erinnerungskultur eingerichtet, deren Wurzeln noch weiter zurückreichen. Mitte der 1980er Jahre begann die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit von Volkswagen – zuerst durch Wolfsburger Bürger, dann auf Initiative des Betriebsrates und schließlich 1986 auch im Auftrag der Konzernleitung. Und diese Aufarbeitung war gründlich. Der Historiker Hans Mommsen wurde 1986 beauftragt, die Geschichte des Unternehmens im Nationalsozialismus zu erforschen. Das Ergebnis: „Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich“. Die zusammen mit Manfred Grieger verfasste Studie erschien 1996 und ist seither das Standardwerk zur Volkswagen Geschichte und der Verflechtung von Unternehmen mit dem NS-Regime.  

Die Erinnerungsstätte in ihrer jetzigen Form wurde am 17. Dezember 1999 eröffnet und erzählt von den Anfangskapiteln der Historie des Volkswagen Konzerns. Seit der Eröffnung nehmen jährlich rund 3.500 interne wie externe Besucher an den Führungen der Mitarbeiter der Abteilung Heritage teil. Die Erinnerungsstätte steht allen Interessierten offen: Die Besucher stammen aus aller Welt, sowohl aus dem Unternehmen als auch von Schulen, Universitäten oder anderen Betrieben. 

Ich fand die Ausstellung sehr informativ, die Atmosphäre unten im Bunker war richtig beklemmend.

Marlon Müller Auszubildender zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung
  • Konzernarchiv

    In der Erinnerungsstätte werden im ehemaligen Luftschutzbunker in der Halle 1 historische Exponate gezeigt

    Die Volkswagen Aktiengesellschaft bietet mit ihrer Geschichte Identifikation für Kunden und Mitarbeiter weltweit. Das Konzernarchiv in Wolfsburg stellt dafür die Rohstoffe bereit. Nur die bedeutsamen Dokumente gelangen ins Archiv, sind hier recherchierbar und nutzbar. Die Überlieferung umfasst über 9 Kilometer Dokumente, über eine Million Fotos, 5.000 Filme, rund 100.000 Publikationen sowie mehr als 12.000 Pläne und Zeichnungen, aber auch digitale Daten liegen im Konzernarchiv vor. Die Archivalien sind Ausgangspunkt der Geschichtsschreibung und Fundament für die Rechtssicherung. Auf dieser Quellenbasis können Fragen zur Geschichte von Volkswagen und seinen Produkten beantwortet werden.

Volkswagen hat sich bis in die 1980er Jahre schwergetan mit ehrlichem Abarbeiten und direkten Kontakten zu ehemaligen Zwangsarbeitern. Heute gibt es die Ausstellung, und ich und andere werden von Volkswagen nach Wolfsburg eingeladen, da hat sich vieles, vieles geändert. Die Menschen in Wolfsburg sind sehr interessiert. Und gute Begleiter auf einem schweren Gang, etwa zu den Gräbern.

Sara Frenkel-Bass (97) ehemalige Zwangsarbeiterin (1943 – 1945) aus Lublin (Polen). Sie lebt heute in Antwerpen (Belgien)

Mein innigster Wunsch ist, dass es so eine schlimme Zeit nie wieder geben wird.

Jean Baudet (97) ehemaliger Zwangsarbeiter (1943 – 1945) aus Nizza, Frankreich
Der ehemalige Zwangsarbeiter Jean Baudet und seine selbstgefertigte Trikolore

Jean Baudet (97), ehemaliger Volkswagen Zwangsarbeiter (1943 – 1945) aus Nizza, Frankreich: „Als einer der letzten Überlebenden und im Namen aller meiner verstorbenen Kameraden, die wie ich zwischen 1943 und 1945 Zwangsarbeit im Volkswagenwerk leisten mussten, möchte ich meine Dankbarkeit gegenüber Volkswagen aussprechen. Dafür, dass das Unternehmen schon vor 20 Jahren eine großartige Erinnerungsstätte an die Zwangsarbeit auf dem Gelände des Werks im heutigen Wolfsburg errichtet hat.“

  • PDF Katalog Ausstellung

    Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie im Katalog: „Erinnerungsstätte an die Zwangsarbeit auf dem Gelände des Volkswagenwerks“ sowie hier als PDF-Datei im kostenlosen Download.

Die Ausstellung ist einfach überwältigend. So richtig wird man das wohl nie verstehen, was da passiert ist.

Helene Jacksch zukünftige Fachinformatikerin für Anwendungsentwicklung

Kein Platz für Diskriminierung

Volkswagen Auszubildende und Mitarbeiter von Volkswagen Heritage legen weiße Rosen am Gedenkstein vor dem Sektor 2 für die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter nieder

Nach der Führung legen die Auszubildenden gemeinsam mit ihren Vorgängern und den Mitarbeitern von Volkswagen Heritage weiße Rosen nieder, in Erinnerung an das Schicksal der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Der Gedenkstein auf dem Gelände des Wolfsburger Volkswagen Werks war das erste sichtbare Element der betrieblichen Erinnerungskultur und erinnert seit dem 9. Oktober 1991 in an die Opfer der NS-Diktatur. Darauf steht geschrieben: „An Tausende von Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen, die als rassisch und politisch Verfolgte, als Kriegsgefangene und aus den vom Dritten Reich besetzten Ländern Europas Deportierte im Volkswagenwerk für die Rüstungsanstrengungen und den Krieg eines verbrecherischen Systems gelitten haben.“

Bei einer anschließenden Gruppendiskussion geht es um vieles, um die gesellschaftliche Rolle von Volkswagen damals und heute, um den Geschichtsunterricht und auch um Tendenzen unserer Zeit: Populismus und Rechtsruck in mehreren europäischen Ländern. Am Schluss sind sich alle einig, dass die pluralistische Gesellschaft geschützt werden muss. Im Volkswagen Konzern arbeiten rund 660.000 Menschen in vielen Ländern der Welt an über 120 Standorten – da ist kein Platz für Diskriminierung!

Wer Interesse hat, kann sich zu einer kostenfeien Führung anmelden – einfach per E-Mail an: history@volkswagen.de.