1. DEUTSCH
  2. News
  3. Stories
  4. 2019
  5. 12
  6. Der erste Schlag soll sitzen

Wir setzen Cookies (eigene und von Drittanbietern) ein, um Ihnen die Nutzung unserer Webseiten zu erleichtern und Ihnen Werbemitteilungen im Einklang mit Ihren Browser-Einstellungen anzuzeigen. Mit der weiteren Nutzung unserer Webseiten sind Sie mit dem Einsatz der Cookies einverstanden. Weitere Informationen zu Cookies und Hinweise, wie Sie die Cookie-Einstellungen Ihres Browsers ändern können, entnehmen Sie bitte unserer Cookie-Richtlinie. Akzeptieren

„Der erste Schlag soll sitzen“

Interview mit Scott Keogh, CEO der Volkswagen Group of America

Die Elektromobilität bietet die Chance auf einen Neustart des Automobilmarktes, sagt Scott Keogh, CEO der Volkswagen Group of America. Im Interview spricht er über das Kernversprechen von Volkswagen, die Besonderheiten des Marktes und die große Begeisterung für ein E-SUV.

Mister Keogh, wofür steht für Sie als Amerikaner Volkswagen?

Da gibt es zwei Ebenen. Die erste ist für mich mit vielen persönlichen Dingen verbunden. Wie viele Amerikaner habe ich hier eine Geschichte. Mein Vater hat die Militärakademie West Point besucht. Meine Eltern gingen dann nach Deutschland. Meine Zwillingsschwestern wurden in Deutschland geboren. Und natürlich haben sie in Deutschland eine ganze Menge Volkswagen gesehen. Als sie zurückkamen, kauften sie einen Volkswagen Käfer. Wir waren eine Familie mit fünf Kindern. Ich war das Jüngste und mein Platz war der hinter der Rückbank, beim Atlas nennen wir es die dritte Reihe. Und ich erinnere mich lebhaft an diesen Käfer. An den Klang, die Gerüche, die Vibrationen und die ganze Aura des Autos.

Das erste Fahrzeug, das ich selbst fahren durfte, war ein Volkswagen Rabbit C mit Schaltgetriebe. So habe ich viele persönliche Erinnerungen an Volkswagen. Aber wofür steht Volkswagen? Ich denke, der Kern von Volkswagen, das waren für mich immer in erster Linie die Menschen. Es war schon immer die Marke der Menschen, was bedeutet, dass sie zugänglich ist. Sie ist verfügbar. Sie ist nahbar. Und steht dafür, dass Sie großartige Technologie und hervorragende Qualität zu einem tollen, zugänglichen Preis bekommen. Das ist der Kern von Volkswagen.

Der kürzlich in Los Angeles vorgestellte Volkswagen ID. SPACE VIZZION. Studie

Sie sind der erste amerikanische CEO der Volkswagen Group of America seit mehr als 25 Jahren. Was ist speziell amerikanisch an dem, was Sie mitbringen?

In erster Linie bin ich sehr stolz darauf, in dieser Position zu sein und die Chance zu bekommen, diese großartige Marke zu repräsentieren, und das in dem Land, das ich natürlich liebe als Amerikaner. Dennoch geht es nicht um ein rein-amerikanisches Skillset. Jeder sollte seine eigenen Fähigkeiten und seine eigenen Leistungen einbringen. Wo man herkommt, ist dann das zusätzliche Element. Andererseits suchen die Menschen nach einem Gefühl von Beständigkeit. Es gibt eine Redewendung auf Englisch: Sind Sie ein Eigentümer oder ein Mieter? Bei jemandem in dieser Position, der nicht amerikanisch ist, werden viele sagen, ob nun Händler oder Mitarbeiter: Diese Person mietet nur. Diese Person wird nicht allzu lange bleiben. Diese Person schlägt keine Wurzeln. Mir ist besonders wichtig, dass die Menschen spüren: Meine Ernennung steht für eine gewisse Verwurzelung in diesem Land.

Scott Keogh am Steuer des ID. SPACE VIZZION

Es geht also um Stabilität?

Auf jeden Fall. Das zweite ist die Kultur. Es gibt einen Berg kultureller Nuancen. Wenn Sie Händler darum bitten, Millionen von Dollar zu investieren, wenn Sie Mitarbeiter darum bitten, weiter voranzugehen – wie Sie da durchnavigieren, das ist etwas, das schwer zu verstehen ist, wenn Sie nicht aus dem Land kommen. Der dritte und wichtigste Punkt ist für mich, die Trends zu treffen. Und es gibt offen gesagt ein paar einfache Dinge, wo wir im US-Markt in der Vergangenheit einfach danebenlagen.

Volldigitales Cockpit des ID. SPACE VIZZION. Studie

Welche Fehleinschätzungen waren das?

Zum einen muss man im US-Markt fanatisch bei den Kosten sein. Das ist hier das Umfeld mit dem höchsten Kostendruck überhaupt. Der zweite Punkt ist, dass wir die großen Trends, Dinge wie SUVs, treffen müssen. Ja, wir machen einen guten Job und holen auf, aber SUVs sind jetzt auch schon seit fast 30 Jahren auf dem Markt, und wir müssen solche Trends schneller bedienen. Zudem geht es um das Verständnis für Schnelligkeit und Dringlichkeit. Ein US-Verbraucher sieht etwas und sagt: „Kann ich es morgen haben?" Hier müssen wir viel mehr Geschwindigkeit aufnehmen. Ich denke, da müssen wir weiter Druck machen, und das werden wir schaffen.

Im Inneren des ID. SPACE VIZZION werden nachhaltige Rohstoffe verwendet wie zum Beispiel das neue „AppleSkin™“, ein Kunstleder mit einem Anteil von Reststoffen aus der Apfelsaftproduktion. Studie

Als Sie die Position des CEO übernahmen, sagten Sie: „Das ist ein entscheidender Moment für Volkswagen und die ganze Automobilindustrie." Welche Entwicklungen in der Branche hatten Sie dabei im Hinterkopf?

Das ist richtig, das ist in der Tat ein alles entscheidender Moment. Es ist aber auch ein Moment großer Chancen. Ich sehe das wie den Anfang eines Formel-1-Rennens. Alles passiert beim Start. In einem einzigen Augenblick können Sie von der vierten oder fünften Reihe zur ersten Reihe wechseln. Im traditionellen Automobilgeschäft geht es im Grunde genommen um Größe. Im SUV-Segment gehen Sie mit sieben, acht, neun Mitbewerbern ins Rennen. Da ist es schwer, sich durchzusetzen.

Aber die Elektrifizierung gibt uns eine einzigartige Chance. Es gibt keine 100 Jahre alten Elektroautomarken. Das ist ein Neuanfang des Marktes, und wenn Sie eine Marke in unserer Position sind, zwei Prozent Marktanteil, ein relativ kleiner Player mit einem wirklich starken Elternteil, das sich um uns kümmert – das ist eine Chance für einen Neuanfang. Es gibt uns die Chance zu gewinnen. Außerdem führt uns das zurück zu unseren Wurzeln. Die Wurzeln von Volkswagen in Amerika liegen darin, dass wir den Massen außergewöhnliche Transportmittel anbieten. Mit der E-Mobilität haben wir diese Möglichkeit jetzt wieder, genauso wie mit dem Käfer in den 50er oder 60er Jahren. Für mich ist das eine aufregende Sache. Ich liebe den Neuanfang. Ich liebe den Sprungball, wie zum Beginn eines Basketball-Spieles. Und ich liebe es, dass wir elektrifizierte Mobilität für viele möglich machen.

Was braucht ein Elektroauto unbedingt, um Kunden in den USA zu überzeugen?

Das ist ganz einfach: Wir brauchen ein gutes Verhältnis von Reichweite und Preis. Wir haben hart daran gearbeitet und Druck gemacht, auch vom Vorstand aus, um sicherzustellen, dass wir dieses Angebot bekommen. Denn das ist es, was die Kunden in allererster Linie verlangen. Wenn du nicht die richtige Reichweite und den richtigen Preis hast, bist du nicht im Spiel. Wir kommen voran, es ist fantastisch. Wenn man diese Hürde genommen hat, kann man die Magie von Volkswagen nutzen: großartiges Design, Innovation und Technologie. Allerdings muss man die erste Hürde nehmen. Bevor Kunden in deinen Showroom kommen, bevor Sie überhaupt deine Website besuchen, müssen die Reichweite und der Preis stimmen. Ich glaube, wir sind soweit. Und das begeistert mich.

Der ID. SPACE VIZZION wird Reichweiten von bis zu 590 Kilometern (WLTP) / 300 Meilen (EPA) ermöglichen. Studie

Was wäre auf gesellschaftlicher Ebene erforderlich, um den Wandel zur Elektromobilität voranzutreiben?

Jahrzehntelang haben Verbraucher ihr Auto mit Benzin betankt. 95 Prozent der Amerikaner haben noch nie in einem Elektrofahrzeug gesessen. Das ist also ein atemberaubendes Unterfangen, über das wir hier sprechen. Wenn Sie so etwas vorhaben, ist es immer wichtig, zu vereinfachen. Was wir für die Vereinfachung brauchen, ist einer der größten Praxistests aller Zeiten. Wir müssen die Leute in die E-Autos bringen, damit sie sie fahren. Es gibt da ja alle möglichen Mythen, die sich angesammelt haben. Kann ich es auch im Regen fahren? Wird es im Regen funktionieren? Das ist bei vielen Menschen der Grad des Verständnisses von Elektromobilität. In der Industrie sprechen wir seit zehn, fünfzehn Jahren darüber, aber für die Verbraucher ist das noch neu.

Das zweite, was wir tun müssen, ist das Vertrauen bei den Händlern aufzubauen. Sie sind unsere Vertreter da draußen. Und wenn ich mir die Händler ansehe, was wollen die? Die wollen einen Vorsprung auf dem Markt. Sie wollen eine neue Geschäftsmöglichkeit. Wir sind gerade aus Chattanooga, Tennessee, zurückgekommen. Wir hatten 900 Mitglieder unserer Händlerorganisation in einem Raum und wir glauben, dass wir ihnen diesen Vorteil verschaffen können. Es wird zu diesem Zeitpunkt keine zehn Wettbewerber mit einem E-SUV wie dem ID. CROZZ¹ geben. Das E-SUV ist also eine Chance für sie, den Markt wirklich anzugreifen. Und wenn sie daran glauben, dann ist alles möglich.

Der ID. CROZZ soll das erste SUV werden, das auf Basis der vollelektrischen MEB-Plattform gebaut wird. Studie

Wie überzeugen Sie die Händler, dass Volkswagen gut gerüstet ist, diese Chance zu nutzen?

Ein gutes Beispiel dafür ist, dass wir den Händlern kürzlich das angekündigte E-SUV vorgeführt haben, inklusive unserer Preisempfehlung. Wir haben ihnen sogar die monatliche Leasingrate des Autos vorgestellt. Händler glauben nicht an das, was sie fühlen, sie glauben nur an das, was sie sehen und anfassen können. Und jetzt, da wir das getan haben, kommt das Vertrauen. Das ist genau das, was sie wollen. Sie wollen ein sehr konkurrenzfähiges Auto, das ihnen einen Vorteil verschaffen wird. Und ich bin überzeugt: Das haben wir.

Das Werk in Chattanooga wird schrittweise ausgebaut

Was sind Ihre Pläne für die Produktion in Chattanooga, Tennessee, für die kommenden fünf bis zehn Jahre?

Das wichtigste: Wir müssen diese Anlage unbedingt optimal auslasten. Wie Sie wissen, haben wir mit der Produktion des Passat begonnen, und dann ist das Segment völlig zusammengebrochen. Die gute Nachricht ist, dass wir den Atlas2 dazubekommen haben und der Atlas einen guten Start hatte. Wir werden den Atlas Cross Sport³ hinzufügen und schließlich natürlich auch das Elektroauto. Aber die Hauptsache, und das wird ein großer Test in diesem Jahr sein, wir werden fast 200.000 Fahrzeuge in diesem Werk bauen. Die Produktion wird sich im nächsten Jahr verdoppeln. Also müssen wir die richtige Ausnutzung schaffen.

Die zweite Sache: absolute Stabilität. Mit verschiedenen Autos, bei steigendem und sinkendem Volumen, mit Stabilität in der Qualität, mit Stabilität in den Auditwerten. Sobald wir das haben, können wir in die Zukunft blicken. Und die Zukunft ist natürlich, dass wir dort ein Elektroauto bauen werden. Danach können wir nach einem zweiten Fahrzeug auf dieser Plattform Ausschau halten. Also erstens, die Anlage richtig nutzen, um die Kosten zu senken. Zweitens, Qualität stabilisieren, Prozesse stabilisieren.

Der Atlas ist in den USA erfolgreich in den Markt gestartet

Welche Rolle spielt Chattanooga in der weltweiten Strategie von Volkswagen?

Das ist das Zentrum des amerikanischen Marktes. Es wird uns mit unserem profitabelsten Auto, dem Atlas, versorgen und unsere Zukunftsträume von Elektrofahrzeugen wahr werden lassen. Das ist es, was aus dieser Fabrik werden muss. Hinzu kommt natürlich, dass wir dort unten einen Großteil der Kaufkraft haben. Und natürlich haben wir die Ausrichtung auf die lokale Entwicklung und das Engineering.

Es ist ziemlich cool, wenn man sich einen Ort wie Chattanooga, Tennessee, ansieht, der 12 bis 13 Prozent Arbeitslosigkeit hatte, als wir dort anfingen. Die meiste Arbeit, die dort geleistet wurde, war eine sehr niedere, einfache Art von Arbeit. Wir bringen neue Fähigkeiten mit. Wir bringen die Elektrifizierung in die Region. Das hat große Kraft. Wir verändern Familien, und das liegt auch in der Verantwortung einer Marke.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, nicht den ID.3⁴ in Chattanooga zu bauen, das erste vollelektrische Fahrzeug von Volkswagen, sondern die Produktionsversion der ID. CROZZ¹ und später den ID. SPACE VIZZION⁵?

Aus meiner Sicht folgt das einer ganz einfachen Logik. Wenn Sie sich das Segment ansehen, in dem der ID.3⁴ konkurriert – nennen wir es das klassische Fließhecksegment – dann sind das in den USA leider nur etwa 100.000 Autos. Wenn man sich dagegen ansieht, was wir mit dem E-SUV machen werden, dann sind das vier bis fünf Millionen Autos. Wir müssen die Autos auf die Straße bringen. Wir müssen Erfolg demonstrieren.

Wie können wir da mit dem ID.3 ins Spiel kommen und sagen, wir probieren das mal aus? Die Leute würden sagen: ein kleines Euro-Auto, mehr ein Compliance-Auto. Zu einem E-SUV werden sie dagegen sagen: Wow, das trifft ins Herz des Marktes, ins Herz des Segments, das ist ein echtes Auto! Legen wir los. Der erste Schlag soll sitzen. Man sollte nie mit einem schwachen ersten Schlag beginnen. Vielleicht bekommt man keine Chance mehr auf einen zweiten.

Der vollelektrische ID. BUZZ wird schon in wenigen Jahren produziert werden. Studie

Der VW-Bulli ist in den USA spätestens seit den 60er Jahren eine Ikone. Freuen Sie sich darauf, diese Legende mit dem vollelektrischen ID. BUZZ⁶ zurückzubringen?

Ich kam etwas später in meine Position, die Studie des ID. BUZZ war da bereits vorgestellt worden. Aber ich war seither bei etwa fünf bis sechs Begegnungen zwischen Händlern, Kunden und diesem Auto dabei. Und in meinen 25 Jahren im Automobilgeschäft habe ich noch nie eine solche Reaktion auf ein Auto erlebt. Es bringt ein Lächeln auf die Gesichter der Menschen. Es verändert alles im Raum. Ich habe noch nie ein Fahrzeug so etwas tun sehen.

Und wenn Sie sich vorstellen können, wie dieses Fahrzeug auf der Straße aussehen würde, was es für unsere Marke tun würde, was es für unsere Händler tun würde, welchen Gesprächsstoff es liefern würde … Ich denke, es ist das verdammt nochmal coolste Auto, das ich je in meiner Karriere gesehen habe. Wir müssen daran arbeiten. Wir müssen es hierherbringen. Und das haben wir vor. Es könnte ein echter Wendepunkt werden.

Verbrauchskennzeichnung

1 ID. CROZZ: Studie
2 Atlas: Das Fahrzeug wird in Europa nicht zum Verkauf angeboten
3 Atlas Cross Sport: Das Fahrzeug wird in Europa nicht zum Verkauf angeboten
4 ID. 3: Das Fahrzeug wird in Europa noch nicht zum Verkauf angeboten
5 ID. SPACE VIZZION: Studie
6 ID. BUZZ: Studie