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„Ich fordere Transparenz, Vielfalt und Fehlerkultur“

Interview mit Oliver Bierhoff, Direktor Nationalmannschaften und Akademie im Deutschen Fußballbund

Erfolgsdruck, Führungskultur, Digitalisierung: In Fußball und Wirtschaft gibt es viele gemeinsame Themen. Oliver Bierhoff, Direktor Nationalmannschaften und Akademie, analysiert die jüngsten Herausforderungen beim DFB und im Volkswagen Konzern.

Herr Bierhoff, manchmal muss man Entscheidungen lange abwägen, manchmal schnell sein – im Sport wie in der Wirtschaft. Wie treffen Sie Entscheidungen?

Das Schöne am Sport ist, dass es sehr schnell Feedback gibt. Deshalb muss man permanent reagieren, darf sich allerdings auch nicht reiben lassen. Ich persönlich versuche, nur Entscheidungen zu treffen, von denen ich voll überzeugt bin. Nach denen ich abends beim Blick in den Spiegel nicht sagen muss: Du warst feige, das wird dir auf die Füße fallen. Wer diesen Vorsatz konsequent befolgt, hat aus meiner Erfahrung heraus höhere Erfolgsaussichten.

Besonders bei den Spieler-Nominierungen muss der DFB-Trainerstab schwierige Entscheidungen treffen. Was ist besser: Junge Wilde oder alte Hasen?

Ich bin kein Freund der These, dass Leistung vornehmlich vom Alter abhängt. Schauen Sie sich Cristiano Ronaldo an. Die Frage lautet doch vielmehr: Wie stark ist der Erfahrene bereit, sich auf Neues einzulassen? Außerdem dürfen ältere Spieler die Entwicklung der jüngeren nicht blockieren. Bei Top-Mannschaften sinkt der Altersschnitt mittlerweile immer weiter, aber man braucht immer auch erfahrene Spieler. Es bedarf einer guten Mischung.

Thema Krisenmanagement: Wie gut hat das im deutschen Fußball nach der verkorksten WM 2018 funktioniert?

Wir waren sicherlich mit all den Themen, die damals aufkamen und teilweise auch vermengt wurden, im ersten Moment ein Stück weit überfordert. Das WM-Aus hatte auch uns wahnsinnig enttäuscht. Es galt, Ruhe zu bewahren, die richtigen Schlüsse zu ziehen und hart zu arbeiten, so dass über die Zeit hinweg auch wieder positive Nachrichten vermeldet werden können. Das Wichtigste in solch einer Situation ist der innere Zusammenhalt. Wenn dieser nicht vorhanden ist, hat man schon verloren. Deswegen war es bei der Nationalmannschaft wichtig, dass wir uns in die Augen schauen konnten und uns alle hinterfragt haben: Sind wir bereit, die nötigen Veränderungen anzugehen – und haben wir die Energie, diese Veränderungen auch umzusetzen? Und wir waren bereit. Also haben wir es angepackt.

Sie sind von Spitzensportlern, Top-Trainern und -Managern umgeben. Wie kommt man auf das höchste Level – und wie schafft man es, dort auch zu bleiben?

Das Beste ist immer, sich mit den Besten zu umgeben – dann lernst du am meisten. Zum Beispiel haben wir mit der DFB-Akademie gerade zusammen mit 15 Sportdirektoren aus der Bundesliga eine Reise ins Silicon Valley organisiert. Wir haben Vereine wie die San Francisco 49ers besucht, die San Jose Sharks, waren in Stanford und bei der Nasa. Das haben in der Wirtschaft wahrscheinlich viele schon mal gemacht – aber im Fußball ist das noch nicht so verbreitet. Wir schauen bewusst über den Tellerrand, um neue Erkenntnisse und wertvolle Inputs zu bekommen. Das Max-Planck-Institut arbeitet mit uns zusammen, Stanford – und natürlich Volkswagen. Wieso sollen wir nicht zum Beispiel mal einen Workshop machen mit drei Top-Managern der Bundesliga und drei Managern von Volkswagen? Diskutieren und sich konstruktiv austauschen: Davon kann auch der Fußball nur profitieren.

Welche Werte- und Führungskultur pflegen Sie beim DFB?

In der Mannschaft lautet unser Credo: Never not working, never not having fun. Bei uns sind der Spaß, die Freude und auch der Stolz, Nationalspieler zu sein, wichtig – aber wir wollen gleichzeitig hart arbeiten und auch vorneweg marschieren. Der gesamte DFB wandelt sich immer mehr zu einer modernen Organisation. Ich versuche, mit meiner Direktion quasi Pionier zu sein. Ich bin immer noch ein Freund klarer Verantwortlichkeiten – es gibt Momente, da muss man sich entscheiden. Aber zugleich fordere ich Transparenz, Vielfalt und Fehlerkultur ein. Jeder soll sich einbringen können. Wir verlangen im Fußball immer, dass sich die Spieler in der Mannschaftskabine offen die Meinung sagen. Das verlange ich auch in meiner Direktion. Dabei sind mir Loyalität und Integrität enorm wichtig. Ich möchte keine schlechten Charaktere im Team haben, egal wie gut jemand performt. Und wir müssen Fehler zulassen. Das heißt aber nicht, dass du dich deswegen nicht vorbereiten musst.

Wie unterscheiden sich Fußballspieler von heute mit den Stars von früher?

Die Nationalspieler sind sehr viel professioneller als noch in den 90er oder 2000er Jahren. Was dagegen nachgelassen hat, ist die Bereitschaft, Auseinandersetzungen in der Gruppe auszutragen. Früher hat man seinen Konkurrenten nichts gegönnt. Heute sagt manch einer: Ich freue mich, wenn der andere ein Tor schießt. Da sage ich: Positive Rivalität ist gut – aber Reibung ist auch nicht schlecht.

Auch die Kommunikation mit den Spielern verläuft heute ganz anders…

In meiner Zeit als Spieler wurden Entscheidungen noch per Fax mitgeteilt. Als ich 2004 als DFB-Manager angefangen habe, habe ich die Spieler immer angerufen. Später habe ich Mails geschickt, heute geht das auch über WhatsApp und andere Dienste.

Stichwort Digitalisierung: Wird der Data Analyst wichtiger als der Cheftrainer?

Digitalisierung und Daten sind enorm wichtig im Fußball. Wir treiben das voran. Nicht Big Data, sondern Smart Data. Wir beschäftigen uns intensiv mit Artificial Intelligence – etwa um Spielmuster zu finden, die dem Trainer bei der Spielvorbereitung helfen. Wir machen kontinuierliche Herzfrequenzmessungen während des Trainings. In Verbindung mit den Laufdaten kann der Athletiktrainer daran erkennen, wie die Belastung der Spieler ist. Dann warnt er im Training schon mal den Cheftrainer, welche Spieler nicht mehr als 400 Meter im Toptempo laufen sollten. Das ist Trainingsoptimierung und Belastungssteuerung mit Smart Data.

Wie motiviert man als Führungskraft (s)eine Spitzenmannschaft?

Für mich ist es das Wichtigste, authentisch zu sein. Wir geben den Spielern häufig und schnell Feedback. Und wir haben stets eine klare Vision, ein großes Ziel. 2006 bei der WM in Deutschland etwa hieß unsere Losung: One shot, one opportunity. Wichtig ist auch ein guter, direkter Draht. Ich bin ein Freund von kleinen persönlichen Nachrichten – besonders bei Spielern, die verletzt sind. Wer drei Tore schießt, hat eh schon genug Leute, die ihm auf die Schulter klopfen.

  • Oliver Bierhoff

    • seit 2018 Direktor Nationalmannschaften und Akademie
    • von 2004 bis 2018 Nationalmannschaftsmanager
    • davor Fußballprofi in Deutschland (Bayer Uerdingen, Hamburger SV, Borussia Mönchengladbach), Österreich (Austria Salzburg) und Italien (Ascoli, Udine, AC Mailand, Chievo Verona), Torschützenkönig in Italien
    • 70-facher Nationalspieler (37 Tore), Europameister 1996 (Schütze des Golden Goals im EM-Finale gegen die Tschechische Republik)

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