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„Wir müssen vom Klima-Kampf in die Umsetzung kommen“

Beim Stakeholder-Dialog lädt Volkswagen regelmäßig zum offenen Meinungsaustausch über Nachhaltigkeitsfragen ein. Mit dabei: die frühere SPD-Vorsitzende Andrea Nahles. Im Interview spricht die ehemalige Arbeitsministerin über die Folgen der Digitalisierung und das richtige Maß zwischen Klimaschutz und Beschäftigungssicherung.

Interview mit Andrea Nahles, ehemalige Arbeitsministerin

Andrea Nahles kritisiert den scharfen Streit zwischen Umwelt- und Beschäftigungsinteressen. „Ich hoffe, dass der Stakeholder-Dialog Brücken baut.“

Digitalisierung und Klimaschutz verändern die Wirtschaft fundamental. Was sind die größten Herausforderungen?

Nach einer Studie des Bundesarbeitsministeriums gehen bis 2035 allein durch die Digitalisierung 4 Millionen Jobs verloren. Gleichzeitig entstehen 3,3 Millionen neue Arbeitsplätze in Bereichen wie der IT. Wir befinden uns also mitten in einem riesigen Strukturwandel. Um diesen Wandel zu gestalten, muss Qualifizierung fester Bestandteil der Arbeit werden. Das ist die zentrale Aufgabe für Unternehmen, Beschäftigte und Politik.

Viele Menschen haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Teilen Sie die Sorge?

Man muss das ernst nehmen. Nicht jeder, der seit 20 Jahren einen guten Job macht, hört es gern, dass jetzt noch mal eine neue Phase des Lernens beginnt. Einige stehen dem offen gegenüber. Aber viele fragen sich: Was kommt auf mich zu? Deshalb erwarte ich von den Firmen und der Politik, dass sie ehrlich mit den Menschen sind, dass sie Transparenz schaffen, was Digitalisierung und die Umstellung auf Elektromobilität bedeuten.

Was sollten Unternehmen wie Volkswagen tun?

Sie müssen ihre Beschäftigten auf die Veränderungen vorbereiten. Unternehmen sollten nicht warten, bis der Strukturwandel stattgefunden hat und die Qualifikationen der Mitarbeiter nicht mehr zu den Anforderungen passen. Als gute Beispiele für rechtzeitige Weiterbildung habe ich bei zwei Besuchen die Werke von Volkswagen in Zwickau und Braunschweig erlebt. Daraus kann der ganze Konzern etwas lernen.


(Hinweis: In Zwickau qualifiziert Volkswagen 8.000 Mitarbeiter für die Produktion von Elektroautos. Am Standort Braunschweig der Volkswagen Group Components hat das Unternehmen 400 Beschäftigte für die Serienfertigung von Batteriesystemen geschult, 100 weitere folgen.)

Was ist die Aufgabe der Politik?

Sie kann Einkommenseinbußen abfedern, die während einer Weiterbildungsphase entstehen. Genau das ist im Qualifizierungs-Chancen-Gesetz vorgesehen. Zusätzlich brauchen wir höhere Investitionen in die Infrastruktur, um zum Beispiel den Ausbau der Elektromobilität abzusichern. Wenn die neuen E-Autos auf den Markt kommen, dann müssen die Menschen wissen, wo sie die nächsten Ladesäulen finden. Sonst wird der Absatz nicht den Erwartungen entsprechen. Das wäre gefährlich für viele Arbeitsplätze in Deutschland.

Mit der Digitalisierung verändern sich bundesweit 7 Millionen Arbeitsplätze, warnt die frühere SPD-Chefin Andrea Nahles. Sie fordert: „Wir brauchen einen Qualifizierungsplan für Deutschland.“

Haben das schon alle verstanden?

Mein Gefühl ist: Inzwischen sind alle wach genug, um das Notwendige zu tun – aber wir müssen auch zügig handeln. Nach 2008 ist Deutschland gut durch die Krise gekommen, weil Politik, Unternehmen und Arbeitnehmerseite eng zusammengearbeitet haben. Mit Maßnahmen wie dem Kurzarbeitergeld haben wir besser agiert als viele andere Länder. Wir können uns doch freuen, dass die Industrie in Deutschland immer noch eine doppelt so wichtige Rolle spielt wie in Großbritannien oder den USA. Diese starke Rolle der Industrie müssen wir jetzt verteidigen. Die Aufgaben sind mindestens so groß wie in der Finanzkrise.

Viele Menschen bangen um ihren Job – gleichzeitig klagen Firmen über Fachkräftemangel. Wie passt das zusammen?

Die Fachkräfteknappheit betrifft vor allem bestimmte Berufe wie Ingenieure oder Mechatroniker. Auf der anderen Seite gibt es in vielen Unternehmen immer noch etliche ungelernte oder angelernte Arbeitskräfte. Gerade diese Menschen werden Probleme bekommen, weil die Nachfrage nach gering qualifizierter Arbeit sinkt. Im Moment verdienen sie auch ohne Berufsabschluss gutes Geld – aber das ändert sich, denn die Konkurrenz wird härter. Für diese Gruppe sind Weiterbildungsangebote besonders wichtig. Es ist ja nicht so, dass uns in Deutschland die Arbeit ausgeht. Aber 7 Millionen Arbeitsplätze verändern sich. Wir brauchen einen Qualifizierungsplan für Deutschland.

Welchen Beitrag kann der Stakeholder-Dialog von Volkswagen leisten?

Die Arbeit an einem großen Qualifizierungsplan geht weit über ein einzelnes Unternehmen hinaus und muss gesellschaftlich begleitet werden. Das ist ein wichtiger Grund, warum ich mich am Stakeholder-Dialog beteilige. Zum anderen beobachte ich seit längerem, dass die Auseinandersetzung zwischen Umweltinteressen und Beschäftigungsinteressen immer härter wird. Es wird viel miteinander geredet, aber das gegenseitige Verständnis wächst nicht. Gerade der Klima-Streit wird immer unversöhnlicher. Das macht mir Sorgen. Umso bemerkenswerter finde ich den Versuch, verschiedene Gruppen zusammenzubringen, um die unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen. Die allermeisten Menschen erkennen an, dass Arbeitsplatzsicherung und Klimaschutz gleichermaßen ihre Berechtigung haben. Deshalb muss es einen Weg geben, den beide Seiten gehen können. Ich hoffe, dass der Stakeholder-Dialog Brücken baut.

(Hinweis: Beim Stakeholder-Dialog tauschen sich Führungskräfte von Volkswagen regelmäßig mit externen Stakeholdern über Nachhaltigkeitsfragen aus. Zu den Stakeholdern gehören Vertreter aus den Bereichen Geschäftspartner, Zulieferer, NGOs, Wissenschaft, Forschung, Politik, Verbände und nachhaltiger Kapitalmarkt. Derzeit im Fokus: die Transformation der Autobranche, soziale Nachhaltigkeit und Beschäftigungseffekte)

Was ist aus Ihrer Sicht der richtige Weg zwischen Wirtschafts- und Umweltbelangen?

Die Industrieproduktion in Deutschland muss erhalten bleiben. Sonst wandert sie in Regionen ab, in denen der Klimaschutz einen viel geringeren Stellenwert hat als bei uns. Damit würden wir den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern genauso schaden wie der Umwelt. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite verstehe ich Kritiker, die sagen: Die Autoindustrie hat viel zu lange gezögert, sich dem Wandel zu stellen. Aber das ist doch vorbei. Wir haben ambitionierte Vorgaben der EU und ehrgeizige Ziele der Unternehmen. Deswegen finde ich: 2020 sollten wir den Streit hinter uns lassen und überlegen, was die nächsten Schritte sind. Wir sollten die Klimaziele weder unterlaufen noch überbieten. Die geltenden Vorgaben werden uns genug abverlangen. Wir müssen vom Klima-Kampf in die Umsetzung kommen.

Zur Veränderung der Arbeitswelt gehört auch das Ziel, Familie und Beruf besser vereinbar zu machen. Sie standen jahrelang vor der Aufgabe, Ihre Rollen als Mutter und als Spitzenpolitikerin unter einen Hut zu bringen. Woran hapert es am meisten?

In den vergangenen Jahren ist einiges in Bewegung gekommen. Es gibt bessere Möglichkeiten, von zuhause zu arbeiten. Es gibt mehr Verständnis, wenn man das Büro früher verlässt, weil das Kind aus der Kita abgeholt werden muss. Trotzdem wird immer noch mehr geredet als umgesetzt. Ein Beispiel: Teilzeitbeschäftigte sind bei Karrierechancen und Gehaltseinstufung klar benachteiligt – zu 80 Prozent betrifft das Frauen, deren Arbeit damit abgewertet wird. Auch mit Blick auf den Fachkräftemangel sollten sich Unternehmen fragen, wie sie mit den Potenzialen von Frauen in Teilzeit umgehen. Oft können sich Frauen durchaus vorstellen, statt 20 Stunden pro Woche 25 oder 30 Stunden zu arbeiten. Das wird aber in vielen Fällen gar nicht abgefragt.

Wie haben Sie selbst die Doppelbelastung erlebt?

Als vollzeitbeschäftigte Mutter hatte ich das Gefühl: Man kann nicht offen darüber sprechen, wie schwierig die Situation oft ist – teilweise an der Grenze des Leistbaren. Es gibt auch nur wenige ehrliche Debatten darüber. Latent spürt man: Es wird als Schwäche gesehen, nicht voll leistungsfähig zu sein. Ich war als Politikerin immer voll leistungsfähig. Aber wir haben in Deutschland noch nicht den Punkt erreicht, an dem man offen sagen kann: Ich brauche jetzt mal einen Tag für mein Kind. In meinem Amt habe ich versucht, anderen Eltern das Leben leichter zu machen, indem ich den Anteil der Heimarbeit und der Führungskräfte in Teilzeit im Ministerium deutlich erhöht habe.

Nach dem Abschied aus der Politik stehen Sie vor einem Neuanfang. Haben Sie damit gerechnet, dass diese Situation irgendwann auf Sie zukommt?

Mir war immer bewusst, dass so eine Veränderung kommen kann. Diese Erfahrung habe ich in meiner Karriere schon sehr früh gemacht. 1998 wurde ich zum ersten Mal in den Bundestag gewählt – und bei der nächsten Wahl 2002 war ich gleich wieder draußen, weil mir 34 Stimmen fehlten. Ich habe dann den Beruf gewechselt und bin zur IG Metall gegangen, bevor ich 2005 in den Bundestag zurückgekehrt bin. Das Bewusstsein, dass es so etwas geben kann, war danach nie weg. Ich gebe allerdings zu: 2019 habe ich nicht damit gerechnet.

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