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„Wir merken, dass wir nicht für jeden Termin reisen müssen“

„Früher haben 90 Prozent meiner Termine analog stattgefunden, 10 Prozent digital. Jetzt ist es umgekehrt. Wenn wir uns bei 50/50 einpendeln, ist viel gewonnen.“

Dorothee Bär Staatsministerin (CSU), Digitalisierungs-Beauftragte der Bundesregierung

Interview mit Staatsministerin Dorothee Bär (CSU)

Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) ist Digitalisierungs-Beauftragte der Bundesregierung. Im Interview spricht sie über Hemmnisse beim Breitbandausbau, Mobilität in Corona-Zeiten und die Forderung nach einem Recht auf Homeoffice. Foto: Paul Blau

Wie hat sich Ihre Mobilität durch Corona verändert?

Wie die meisten Menschen war ich viel weniger unterwegs. Fraktionssitzungen, Landesgruppensitzungen – das alles haben wir als Videokonferenz organisiert. Erst allmählich kommen wir wieder zu anderen Lösungen. Nur zu den Kabinettssitzungen fahre ich bisher jedes Mal nach Berlin - mit dem Auto statt mit der Bahn. Diese weite Fahrt ganz alleine hin und her zu fahren, ist natürlich ganz schön anstrengend. Die Zugfahrten fehlen mir, denn das ist Zeit, die ich sonst für mich habe. Da kann ich Unterlagen wegarbeiten, lesen oder Podcasts hören. 

Werden die neuen Digital-Lösungen auch nach Corona viele Fahrten ersetzen?


Viele Lösungen sind ja nicht so neu – sie werden nur endlich genutzt. Früher haben viele Kolleginnen und Kollegen gesagt: Wir haben nicht die Hardware, wir haben nicht die Software. Das hat sich geändert. Jeder hat Online-Meetings ausprobiert und hat gemerkt, dass es nicht weh tut. Ich hoffe, dass wir dauerhaft zu einer gesünderen Mischung kommen. Früher haben 90 Prozent meiner Termine analog stattgefunden, 10 Prozent digital. Jetzt ist es umgekehrt. Wenn wir uns bei 50/50 einpendeln, ist viel gewonnen.

Die Digital-Ministerin fordert keine komplette Digitalisierung?

Nein, bei vielen Anlässen ist physische Präsenz wichtig. In langen Videokonferenzen fällt es auch mir schwer, ständig ein intelligentes Gesicht zu machen (lacht). Spaß beiseite: Wir merken ja, dass wir nicht für jeden Termin reisen müssen. Für ein 15-minütiges Grußwort muss sich niemand fünf Stunden ins Auto oder in den Zug setzen. Da kann man auch eine Videobotschaft senden. Ich denke, wir werden einen Aufbruch zu weniger Ressourcenverschwendung erleben. Damit meine ich Umweltressourcen – Stichwort CO₂ und Stickoxid -, aber auch menschliche Ressourcen.

Was halten Sie vom Recht auf Homeoffice?

Ob man immer alles gesetzlich verankern muss? Ein Rechtsanspruch ist ein starker Eingriff in die unternehmerische Freiheit und nicht in jedem Betrieb realisierbar. Mir wäre es lieber, den Firmen größtmögliche Freiheit zu bieten, um die Folgen der Pandemie zu überstehen. Das Homeoffice wird auch ohne Vorschriften stärker genutzt werden. Mein Modell sind Vertrauensarbeitszeiten und Vertrauensarbeitsorte.

Voraussetzung für viele digitale Lösungen ist schnelles Internet – dabei ist Deutschland bestenfalls Mittelmaß. Was sind die größten Baustellen?


Mein Eindruck nach zwei Monaten Corona: Wir kommen besser zurecht, als ich erwartet hätte. Es gab keine Anhaltspunkte für Überlastungssituationen. Viele Anwendungen für die Schule funktionieren mit unglaublich geringen Bandbreiten. Bei uns in Franken, auf dem flachen Land, hat eine Firma in wenigen Wochen über 1.000 zusätzliche Homeoffice-Plätze geschaffen. Dabei gab es nur vier Fälle, bei denen die Bandbreite nicht reichte. Auch in meinen Bürgersprechstunden hat sich bisher niemand beschwert. Das bedeutet natürlich nicht, dass alles überall spitzenmäßig ist.

„Dinge, die wir vor ein paar Jahren für ausreichend hielten, stoßen heute an ihre Grenzen. Und wir wissen nicht, was in fünf Jahren ist. Deshalb brauchen wir so viel wie möglich so schnell wie möglich.“

Dorothee Bär ist in der Bundesregierung seit 2018 für Digitalisierungsfragen zuständig. Foto: Paul Blau

Brauchen wir ein Investitionsprogramm für den Breitbandausbau?

Geld ist ausreichend vorhanden – beim Bund und in den meisten Ländern. Wir wollen als Bund unser Förderprogramm für Glasfasernetze noch ausweiten. Ein echtes Problem ist dagegen der Mangel an Tiefbaukapazitäten. Vielen Baufirmen fehlen die Fachkräfte. Außerdem mangelt es an Akzeptanz in der Bevölkerung. Die einen möchten nicht, dass beim Glasfaserausbau historisches Pflaster aufgerissen wird, andere sorgen sich um ihre Gärten. Ähnlich ist es beim Mobilfunk: Jedes Mal, wenn ein neuer Mast gebaut werden soll, gibt es eine Bürgerinitiative, die dagegen auf die Straße geht. Jetzt kommen noch die Verschwörungstheorien dazu, die 5G die Schuld an Corona geben. Es wird nicht leichter.

Wie lassen sich Akzeptanz und Tempo erhöhen?

Ich setze mich schon seit längerem für den Aufbau einer Bundeszentrale für Digitale Aufklärung ein. Digitale Bildung und Medienkompetenz sind wichtig, um Transparenz zu schaffen, den Bürgerinnen und Bürgern Ängste und Sorgen zu nehmen und sie mitzunehmen. Den Breitbandausbau haben wir durch alternative Verlegemethoden schon vereinfacht – aber wir könnten noch weiter gehen.

Wann haben wir ein Niveau erreicht, das für das Digital-Zeitalter taugt?

Eine Sättigung werden wir nie erreichen, denn es wird immer neue Anwendungen geben. Stichworte sind Internet of Things, Car-to-Car-Kommunikation oder Tele-Medizin. Dinge, die wir vor ein paar Jahren für ausreichend hielten, stoßen heute an ihre Grenzen. Und wir wissen nicht, was in fünf Jahren ist. Deshalb brauchen wir so viel wie möglich so schnell wie möglich.

Wie weit ist die Digitalisierung der Verkehrs-Infrastruktur?

Auf der A9 bei Nürnberg haben wir eines der ersten Testfelder für automatisiertes Fahren weltweit geschaffen. Wir haben Testfelder für selbstfahrende Busse im ländlichen Raum und in Baden-Württemberg startet in wenigen Wochen ein Versuchsprogramm für unbemannte Fluggeräte. Mit unserem Aktionsplan für „unbemannte Luftfahrtsysteme und innovative Luftfahrkonzepte“ wollen wir Flugtaxis und Drohnen voranbringen. Das alles sind Zeichen, dass ein gewaltiger Transformationsprozess stattfindet. Ich sehe dagegen Defizite bei der digitalen Souveränität Europas. Das muss ein Schwerpunkt der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr sein.

Wo liegen Europas Schwächen?

Uns fehlt eine Datencloud auf Basis europäischer Werte. Beim letzten Digitalgipfel der Bundesregierung haben wir deshalb das Projekt Gaia-X für eine offene und vernetzte Dateninfrastruktur ins Leben gerufen. Das müssen wir vorantreiben. Auch im Alltag sind die Defizite zu spüren – gerade in Corona-Zeiten. Bei Online-Besprechungen auf EU-Ebene nutzen wir so gut wie immer die Software amerikanischer Anbieter, weil es einfacher ist.

Intelligente Assistenten werden künftig im Verkehr noch mehr Steuerungs-Aufgaben übernehmen

„Navi ein heißt nicht: Hirn aus. Ich schaue mir selbst die Schilder an und überlege: Ist es logisch, was das Gerät vorschlägt?“

Dorothee Bär

In der Mobilität wird Künstliche Intelligenz immer wichtiger – sie soll Verkehrsströme optimieren, Frachtdrohnen oder sogar Autos steuern. Die Menschen werden gelenkt. Wie werden wir damit umgehen?


Der Mensch gewöhnt sich wahnsinnig schnell an Neues. KI ist zwar ein lernendes System – aber wir werden immer noch unseren gesunden Menschenverstand einsetzen müssen. Ein schönes Beispiel ist das Navigationssystem. Auch da galt für mich immer der Grundsatz: Navi ein heißt nicht: Hirn aus. Ich schaue mir selbst die Schilder an und überlege: Ist es logisch, was das Gerät vorschlägt? Navis sind im Laufe der Jahre viel besser geworden. Ortsunkundige kommen an ihr Ziel. Aber am besten fährt jemand, der sich auskennt und die Mischung aus künstlicher und eigener Intelligenz nutzt.

Schauen wir voraus auf die Mobilität 2040 – worauf freuen Sie sich und worüber machen Sie sich Sorgen?

Ich mache mir grundsätzlich wenig Sorgen (lacht). 95 Prozent aller Dinge, vor denen man Angst hat, treten laut einer Studie sowieso nicht ein. Ich freue mich auf das Beamen. Vielleicht kann Volkswagen ja dafür sorgen, dass das noch schneller kommt als 2040. Dann könnte ich noch leichter Familie und Karriere unter einen Hut bekommen.

Zur Person
Dorothee Bär (CSU) ist seit 2018 Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung. Zuvor war sie vier Jahre lang Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium. Die 42-jährige Fränkin sitzt seit 2002 im Bundestag und vertritt dort den Wahlkreis Bad Kissingen.  

Inter/view

In der neuen Reihe „Inter/view“ sprechen wir mit unabhängigen Köpfen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik über die Mobilität der Zukunft. Im offenen Dialog diskutieren wir, wo die Schwierigkeiten liegen, auf welche Lösungen wir uns freuen können und wie sich der Verkehr klimaneutral organisieren lässt.

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