1. DEUTSCH
  2. News
  3. Stories
  4. 2021
  5. 02
  6. „Wir brauchen starke Unternehmen und einen freien Welthandel“

Wir nutzen Cookies, um Ihnen die bestmögliche Nutzung unserer Webseite zu ermöglichen und unsere Kommunikation mit Ihnen zu verbessern. Wir berücksichtigen hierbei Ihre Präferenzen und verarbeiten Daten für Analytics und Personalisierung nur, wenn Sie uns durch Klicken auf "Zustimmen und weiter" Ihre Einwilligung geben oder über den Button "Cookie Präferenzen setzen" eine spezifische Auswahl festlegen. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit mit Wirkung für die Zukunft widerrufen. Informationen zu den einzelnen verwendeten Cookies sowie die Widerrufsmöglichkeit finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und in der Cookie-Richtlinie.

Zustimmen und weiter Cookie Präferenzen setzen

„Wir brauchen starke Unternehmen und einen freien Welthandel“

Interview mit Herbert Diess

Apple, China, Russland, Wasserstoff: Im Interview spricht Konzernchef Herbert Diess über das Spannungsverhältnis zwischen Politik und Wirtschaft.

Herr Diess, wie politisch darf oder muss ein Konzernchef heute sein?

Als Konzernchef bin ich dem Wohl des Unternehmens verpflichtet. Politisch setze ich mich ein, wenn es um Volkswagen oder seine Stakeholder geht.

Sie haben keinen politischen Standpunkt?

Als Privatmann natürlich. Aber sobald ich hier im Büro sitze, handele ich als CEO im Sinne unserer 670.000 Mitarbeiter, Kunden und Anteilseigner auf der ganzen Welt. Dafür trage ich die Verantwortung. Wir sind keine politische Instanz, sondern ein internationales Wirtschaftsunternehmen.

Ein Manager hat sich opportunistisch zu verhalten, immer und überall?

Nein. Volkswagen steht wie kaum ein anderes Unternehmen für seine Werte ein: Wir stehen für das friedliche Miteinander der Völker, einen offenen Welthandel, für ökonomische Entwicklung, faire Arbeitsbedingungen, individuelle Freiheit und verurteilen jede Art von Diskriminierung. Standards wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte oder die Sozial- und Arbeitsstandards der ILO sind für uns maßgebend. Aber wir sind eben nicht nur ein deutsches Unternehmen mit fast 300.000 Mitarbeitern, sondern beschäftigen nochmal so viele Menschen in der Welt. Wir arbeiten in unterschiedlichen Wertesystemen, setzen unsere Werte aber an allen Standorten durch.

Sie haben keine Skrupel, mit Ihren Werken auch in autokratisch regierte Staaten zu gehen?

Wir leben in einer komplexen und leider unvollkommenen Welt. Nur 5,7 Prozent der Weltbevölkerung leben laut Economist in einer Demokratie, so wie wir sie kennen. Wären wir nur in diesen Ländern tätig, hätten wir und auch alle anderen Weltunternehmen keinen Bestand.

Sie waren auch in Zeiten der Militärdiktaturen in Lateinamerika oder in Südafrika während der Apartheid. War dies aus heutiger Sich kein schwerer Fehler?

In Lateinamerika haben wir schwerwiegende Fehler gemacht, was wir zutiefst bedauern. Deshalb haben wir unsere Rolle während des Militärregimes aufgearbeitet und entsprechende Zahlungen geleistet. Langfristig betrachtet haben wir aber auch in Lateinamerika durch unsere Anwesenheit mehr Nutzen für die Gesellschaft gestiftet, als wenn wir uns abgewendet hätten. Und selbst Nelson Mandela hat nach der Befreiung, nach dem Ende der Apartheid, gesagt: Gut, dass wir, als ausländische Industrie, geblieben sind und an unseren Standorten unsere Werte vertreten haben. Das bestätigt auch die Wissenschaft: Die wirtschaftliche Tätigkeit wirkt in solchen Staaten positiv, gerade die Automobilindustrie mit ihrer langen Wertschöpfungskette fördert den Wohlstand und die demokratische Öffnung von Staaten.

Machen Sie sich damit nicht zu Komplizen von Diktatoren?

Nein, das machen wir nicht. Wichtig ist, dass wir im Dialog bleiben, anstatt uns abzuschotten. Eine Abkehr der Wirtschaft führt zu Verarmung und Zunahme von Gewalt. Dazu kommt: Investitionen in der Autobranche sind nicht auf Legislaturperioden einzelner Politiker ausgelegt, sondern auf 40 bis 50 Jahre angelegt. Einfach mal rein und raus bei politischen Systemwechseln ist auch deshalb unmöglich und für niemanden sinnvoll.

Zur Not fallen Sie der Bundesregierung in den Rücken, etwa wenn die Kanzlerin Sanktionen gegen Russland fordert.

Wir wollen als Volkswagen kein Vehikel für Regierungen sein. Wir haben 6000 Mitarbeiter in Russland, dazu Zulieferer und Kunden. Wir haben dort einen Markt, wir sind daher froh, wenn es Russland gut geht, deswegen schaden Sanktionen. Diplomatie und Verhandlungen sind immer besser als Handelsbeschränkungen, die uns wie der Bevölkerung Russlands schaden.

Jetzt klingen Sie wie Altkanzler Gerhard Schröder, der Putin-Versteher.

Wir haben in Russland schon in der Zeit vor Putin investiert, haben dort Tausende Arbeitsplätze geschaffen, für diese Menschen haben wir eine Verantwortung. Sollen wir die etwa hängen lassen? Selbstverständlich leben wir vor Ort unsere Wertevorstellungen, aber wir sind nun mal auch Teil der russischen Wirtschaft wie auch der deutschen oder chinesischen.

Die Wirtschaft ist überfordert, einen Systemwechsel in Richtung Frieden und Freiheit zu erzwingen

Diesem Anspruch können wir gar nicht genügen. Es ist zu viel verlangt von Unternehmen wie Volkswagen, einen politischen Systemwechsel durchzusetzen. Wir haben die Verantwortung für unsere Mitarbeiter weltweit, für deren Familien, die Zulieferer und alles, was daran hängt. Und auch für unsere Aktionäre, die institutionellen und großen, aber auch die kleinen, für viele Menschen hängt an der VW-Aktie über Pensionsfonds die Altersvorsorge. Das ist die Realität. Wenn wir wirklich wollen, dass wir mit unserem Wertesystem einen positiven Einfluss auf die Welt nehmen, brauchen wir starke Unternehmen und mehr freien Welthandel – nicht weniger.

Menschenrechtler nennen diese Haltung bequem, wenn nicht zynisch. Mit dem Argument können Sie überall Geschäfte betreiben.

Das sehe ich nicht so.

Wo ist die Grenze? Wie menschenverachtend darf eine Regime sein, ehe die Industrie sich zurückzieht?

Länder, die nicht Teil der internationalen Staatengemeinschaft und unserer globalen Weltordnung sind, kommen nicht in Frage. Und, es muss immer sichergestellt sein, dass wir an unseren Standorten unsere hohen Standards und Wertvorstellungen umsetzen können. Das ist eine absolute Bedingung, da verläuft die Grenze.

Hat VW nicht eine höhere Verantwortung aufgrund der Historie: Der Konzern wurde von den Nazis gegründet, da empfiehlt sich besondere Sensibilität in moralischen Fragen.

Absolut! Volkswagen darf sich nicht missbrauchen lassen, stellt sich klar gegen Rassismus und Antisemitismus. Gerade aufgrund unserer Historie pochen wir so darauf, unsere Werte an unseren Standorten weltweit durchzusetzen. Wir können mit Fug und Recht behaupten, dass wir dabei vorbildlich sind.

Auch in China, wo Sie ein Werk in der Provinz haben, wo die muslimische Minderheit der Uiguren verfolgt wird?

Wir sind seit fast 40 Jahren in China, die Menschen sind in dieser Zeit freier und wohlhabender geworden, eine halbe Milliarde Chinesen wurden aus der Armut geholt. Wir stehen zu unserem Engagement in China, auch in Xinjang. Auch hier gilt: Unsere Präsenz vor Ort trägt eher zu einer Verbesserung bei als eine Abkehr.

Auch wenn Sie nicht sicher sein können, dass dort Zwangsarbeiter in Ihre Fabriken abgestellt werden?

Doch, da sind wir sicher! Weder wir, noch unsere Zulieferer beschäftigen Zwangsarbeiter. Hier haben wir eine Null-Toleranz. Auch in Xinjiang halten wir unsere Werte hoch, dazu gehören eine Arbeitnehmervertretung, Achtung von Minderheiten und Sozial- und Arbeitsstandards.

VW verkauft mehr als 40 Prozent seiner Autos in China, daran hängt ein Großteil Ihres Gewinns. Wie viel Mut können Sie sich gegen die Machthaber in Peking erlauben?

Wir reden mit der chinesischen Regierung, wie auch mit anderen Regierungen, auch über das Thema Menschenrechte. Und ganz klar: Für einen Konzern unserer Größe ist es keine Option, sich aus China zurückzuziehen, in dem Fall verlieren Sie ihre Existenzberechtigung als Global Player. Für uns ist China aber nicht die große, bedrohliche Macht, sondern eine Riesenchance. Das gilt übrigens auch für globale Herausforderungen wie die Bekämpfung des Klimawandels. Das geht nur mit China, nicht ohne.

In der Türkei haben Sie nach politischem Gegenwind auf den Bau eines neuen Werkes verzichtet, dafür rächt sich Präsident Erdogan jetzt, indem er Stimmung macht gegen VW, Ihre Marken aus dem staatlichen Fuhrpark wirft.

Es waren ökonomische Gründe, weswegen wir das Projekt gestoppt haben, vor allem aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung und der Corona-Krise. Natürlich schmerzt das die betroffene Regierung. Wir werden die Türkei aber nicht aus den Augen verlieren, das bleibt ein wichtiger Wachstumsmarkt. Ein Werk von uns dort hätte dort sicher zu Öffnung, zur Annäherung an Europa beigetragen.

Das Lieferkettengesetz der Bundesregierung zwingt Konzerne zu fairen Produktionsverhältnissen, selbst für ihre Zulieferer weit weg. Viele Manager wehren sich dagegen, Sie auch?

Wir werden die Vorgaben aus dem Gesetz deutlich übererfüllen. Wir achten überall darauf, dass die Menschenrechte eingehalten werden, Kinderarbeit vermieden wird. Wir wissen um unsere Verantwortung, und der werden wir gerecht.

Wann müssen Sie damit rechnen, dass die Chinesen sagen: Wir brauchen euch nicht mehr, wir können das jetzt alleine?

China arbeitet schon seit 30 Jahren daran, besser zu werden als wir. Und bei Innovationen und Zukunftstechnologien ist China in vielen Bereichen heute schon Benchmark, genau wie die USA. Unser Ziel ist es aber, zu beweisen, dass sie VW eben doch brauchen. Das gelingt uns ganz gut, wir sind Marktführer in China mit über 20 Prozent Marktanteil, haben dort zwei Werke nur für Elektrofahrzeuge und wachsen weiter. Und China öffnet sich weiter, seit vergangenem Jahr dürfen ausländische Konzerne wie wir die Mehrheit an Gemeinschaftsunternehmen erwerben. Die Präsenz in China ist definitiv eine Stärke von VW und ich bin mir sicher, dass wir in Zukunft neue Technologien aus China auch im Rest des Konzerns nutzen werden.

Sie setzen massiv auf die Elektromobilität. Geht diese Milliardenwette auf?

Es ist keine Wette, das ist wichtig zu betonen. Ein Vorstandsteam eines Unternehmens dieser Größe wettet nicht. Es war eine bewusste strategische Entscheidung, die wir bereits vor fünf Jahren getroffen haben. Und ja, wir sehen heute: Sie war richtig! Mit unseren neuen E-Modellen e-tron, Taycan, ID.3 und ID.4, sind wir bereits in vielen Ländern Marktführer, gerade in relevanten Elektromärkten wie Norwegen. Jetzt kommen die E-Fahrzeuge in drei Weltmärkten auf den Markt, das wird unseren Marktanteile massiv erhöhen. Unsere MEB-Plattform für alle elektrischen Modelle hilft uns, die E-Mobilität weltweit zu skalieren. Die meisten Wettbewerber ziehen jetzt nach, das bestätigt unseren vor Jahren eingeschlagenen Kurs.

Die Brennstoffzelle ist für Sie als Alternative abgehakt, auch wenn alle die Wasserstoff-Zukunft propagieren?

Diese ganze Diskussion um die angebliche Technologieoffenheit, getrieben von einigen Parteien und Verbänden, ist für die Kunden irreführend. Diese Offenheit gibt es schlichtweg nicht. Die Klimaziele sind nur mit den rein elektrischen Autos zu erreichen. Wasserstoff für Autos ist zu teuer, zu ineffizient und zu aufwendig – wir werden keine große Anzahl an Brennstoffzellen-Pkws sehen. Davon bin ich überzeugt. Die Diskussion um Technologieoffenheit sorgt höchstens dafür, dass der notwendige Wandel zu nachhaltiger Mobilität verlangsamt wird. Die Menschen brauchen Klarheit, brauchen beispielsweise die notwendige Infrastruktur, mehr erneuerbare Energie. Die E-Mobilität hat sich durchgesetzt, das ist auch am Angebot der Konkurrenz zu erkennen. Selbst der Brennstoffzellen-Pionier Toyota hat eine Million E-Autos pro Jahr bis 2025 angekündigt.

Viele andere Automanager, darunter Ihre ehemaligen Kollegen bei BMW, behaupten das Gegenteil: Es sei zu riskant, alles auf die Karte mit dem Batterieantrieb zu setzen.

Ich halte mich nur an die Fakten: Die physikalische Herstellung ist einfach zu teuer und ineffizient, zudem wird Wasserstoff zur Bekämpfung des Klimawandels für andere Dinge viel dringender gebraucht, etwa für die Stahlproduktion. Hier kann grüner Wasserstoff eine gute Lösung sein. Synthetische Kraftstoffe übrigens auch eher da, wo Elektrifizierung nicht möglich ist, wie zum Beispiel bei Flugzeugen. Das einzige, was auf den Straßen fährt und funktioniert, sind Batterie betriebene Elektroautos.

Sind Sie eigentlich immer noch Fan von Tesla-Pionier Elon Musk?

Er hat mit Tesla die Branche verändert. Tesla ist heute unser Hauptwettbewerber in der elektrischen Welt. Ich finde es gut, dass Tesla nach Deutschland kommt. Der Wettbewerb tut uns gut, wir nehmen ihn mit unserem Projekt Trinity in Wolfsburg auf. Der Umbau an unserer Konzernzentrale wird den Standort revolutionieren. Wettbewerb ist ein Standortvorteil, wie der Blick nach Süddeutschland zeigt: Audi, Porsche, BMW und Daimler sitzen im Umkreis von ein paar Hundert Kilometern, die jagen sich gegenseitig die besten Leute ab, treiben sich gegenseitig zu Höchstleistungen. So etwas kann jetzt im Norden auch passieren zwischen Tesla in Brandenburg und VW in Wolfsburg.

Ihr Aufsichtsrat, IG Metall-Chef Jörg Hofmann, kann die Lobeshymnen auf Tesla nicht mehr hören: Die sollen sich erst mal an deutsches Arbeitsrecht und ordentliche Tariflöhne halten. Beneiden Sie Elon Musk darum, dass er keine Rücksicht auf einen Betriebsrat nehmen muss?

Wer mit einem weißen Blatt Papier beginnt, hat immer einen Vorteil. Ich rechne aber fest damit, dass die IG Metall mit ihrer machtvollen Position in Deutschland dafür sorgen wird, dass auch Tesla für faire Arbeitsbedingungen sorgen muss und wir Chancengleichheit mit Tesla bekommen.

Noch machtvoller als Tesla ist Apple: Wird der iPhone-Hersteller demnächst Ihr ärgster Konkurrent?

Ehrlich gesagt, habe ich schon früher damit gerechnet, dass Apple ins Autogeschäft einsteigt, das ist ein sehr logischer Schritt, da dort die Kompetenzen bereit stehen für die neue Automobilwelt: Batterien, Software und auch Design – all das hat Apple, dazu kommen die praktisch unendlichen finanziellen Ressourcen. Trotzdem haben wir keine Angst: Die Autoindustrie ist keine typische Tech-Branche, die kann man nicht im Handstreich übernehmen. Das wird Apple nicht über Nacht gelingen.

Über kurz oder lang aber bleiben für traditionelle Hersteller wie VW nur die Rolle als Lohnfertiger?

Keine Bange, im Fall von Volkswagen wird das nicht passieren.

Jetzt hätten wir fast verpasst, den Privatmann Diess nach seiner politischen Vorliebe zu fragen: Wer kriegt in der Bundestagswahl im Herbst Ihre Stimme?

Da ich einen österreichischen Pass haben, darf ich hier leider nicht wählen.

Das Interview erschien am 14. Februar 2021 in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.

Autor: Georg Meck   

Verbrauchskennzeichnung

ID.3 - Stromverbrauch in kWh/100 km (NEFZ): 15,4-14,5 (kombiniert), CO2-Emission in g/km: 0; Effizienzklasse: A+

ID.4 - Stromverbrauch kombiniert in kWh/100 km (NEFZ): 16,9-15,5; CO2-Emissionen kombiniert in g/km: 0; Effizienzklasse: A+

Audi e-tron - Stromverbrauch kombiniert in kWh/100 km (NEFZ): 24,3 - 21,0; CO2-Emissionen kombiniert in g/km: 0

Porsche Taycan - Stromverbrauch kombiniert in kWh/100km: 28,7 – 28,0; CO2-Emission kombiniert in g/km: 0

Wichtiger Hinweis

Wenn Sie auf diesen Link gehen, verlassen Sie die Seiten der Volkswagen AG. Die Volkswagen AG macht sich die durch Links erreichbaren Seiten Dritter nicht zu eigen und ist für deren Inhalte nicht verantwortlich. Volkswagen hat keinen Einfluss darauf, welche Daten auf dieser Seite von Ihnen erhoben, gespeichert oder verarbeitet werden. Nähere Informationen können Sie hierzu in der Datenschutzerklärung des Anbieters der externen Webseite finden.

Weiter zur Seite Abbrechen